05.02.2021 - 16:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Jobabbau trotz Steuererlass - Stadtrat sauer auf ATU

Die Schließung des ATU-Logistikzentrums samt der Entlassung von 130 Mitarbeitern schlägt hohe Wellen. Sie spülen auch einen Steuererlass im Stadtrat vor sieben Jahren an die Oberfläche.

Im ATU-Zentrallager wird es bald still. 130 Beschäftigte müssen wohl gehen. Die Aussichten auf neue Jobs seien aber gar nicht so schlecht, heißt es von verschiedenen Seiten.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Am 27. Dezember 2013 freute sich die damalige ATU-Führung über eine Art verspätetes Weihnachtsgeschenk. Bei vier Gegenstimmen (zweimal Grüne, zweimal Bürgerliste) votierte der Stadtrat dafür, dem Unternehmen 60 Millionen Euro Gewerbesteuer zu schenken, um damals rund 1000 Arbeitsplätze in Weiden zu erhalten.

Hintergrund: Beim Einstieg von US-Investor Centerbridge verzichteten ATU-Gläubiger auf rund 600 Millionen Euro Forderungen. Diese wundersame Schuldentilgung hatte Folgen für die Bilanz, in der die erlassene Summe nun als Eigenkapital auftauchte. Die wäre nun gewerbesteuerpflichtig.

Doch dieses Geld existierte eigentlich nur auf dem Papier. ATU stellte die Stadt daher vor die Wahl: Wenn ihr 60 Millionen Euro Gewerbesteuer tatsächlich verlangt, müssen wir in Weiden komplett die Lichter ausmachen. Der Stadtrat diskutierte darüber mehrfach, ein richtig gutes Gefühl hatte keiner dabei. Schließlich rang sich die große Mehrheit dazu durch, im Sinne der Arbeitsplätze den Anspruch auf die Gewerbesteuer in den Wind zu schießen.

Ärger im Netz

Und heute? "Schon traurig, wenn man überlegt, welche Anstrengung und Ärger wir uns aufgehalst haben, um ATU zu unterstützen. Und das ist jetzt der Dank, ein schleichender Abzug", ätzt CSU-Stadtrat Hans Blum am Donnerstag, wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Abbaus von 130 Arbeitsplätzen. Auf den Facebook-Seiten von Onetz ist von "Gier" und "Verarsche" die Rede.

Gegner des geplanten Gewerbegebiets West IV sehen sich bestätigt. Sei der Wald erst einmal gerodet, würden sich ähnliche Szenarien wiederholen. Ein von der Entlassung Betroffener postet, dass die meisten Logistikmitarbeiter bei ATU Jahrzehnte im Betrieb seien. Er selbst sei mit 44 Jahren noch einer der jüngsten. Für diese Altersgruppe sehe es auf dem Arbeitsmarkt schlecht aus. Eine Frau macht ihm Mut: Die Amerikaner in Vilseck und Grafenwöhr hätten sehr viele offene Stellen im Logistikbereich. Auch Florian Rieder von der IHK sieht Chancen. "Wir sind eine Logistikregion." Aus dem Stellenabbau eine Absage an West IV abzuleiten, hält er dagegen für gewagt.

OB: Argument für West IV

Oberbürgermeister Jens Meyer vertritt noch offensiver ein Jetzt-erst-recht: "Das tut sehr weh. Wir werden als Stadt die Beschäftigten dabei unterstützen, eine neue Anstellung zu finden. Die Aussichten sind vielversprechend." So sehr der Einschnitt schmerze, er bestätige aber die Wichtigkeit von West IV, um lokalen Unternehmen Platz zu bieten.

Laut ATU-Betriebsratschef Helmut Meindl wurden die Beschäftigten am Donnerstag kalt erwischt. Die Geschäftsführung habe noch vor Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 eine Sicherheit für den Standort Weiden abgegeben. Begründung: Der Mietvertrag für das Logistikzentrum laufe längerfristig. Die Halle gehört einem Immobilienvermittler, der auch Vermieter vieler der über 500 ATU-Filialen ist.

Logistik schon früher verkauft

Im Oktober 2020 habe sich die Situation etwas geändert. ATU-Logistik wurde verkauft an M2S, die Logistiksparte des Mutterunternehmens Mobivia. Um gegen Eventualitäten gerüstet zu sein, habe der Betriebsrat damals einen vorsorglichen Sozialplan ausgehandelt, um im Falle eines Falles etwas in der Hand zu haben, erklärt Meindl.

Dieser Fall ist nun eingetreten. Aus dem vorsorglichen Sozialplan wurde ein richtiger. Als Begründung für den Stellenabbau habe es geheißen, die beiden Logistikzentren Weiden und Werl seien nicht zuletzt wegen der Straffung des Filialnetzes nur zu jeweils 50 Prozent ausgelastet, berichtet der Betriebsrat. Also fasse man dies nun am modernen Standort in Werl zusammen und gebe Weiden auf.

Der langfristige Mietvertrag für die Halle sei geändert worden. Was damit geschieht, ist offen. Parallel zum Interessensausgleich für diejenigen, die ihren Job verlieren, versucht der Betriebsrat in Abstimmung mit der IG Metall neue Stellen für die Kollegen zu finden.

Der angekündigte Stellenabbau bei ATU in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

"Schon traurig, wenn man überlegt, welche Anstrengung und Ärger wir uns aufgehalst haben, um ATU zu unterstützen. Und das ist jetzt der Dank, ein schleichender Abzug."

Hans Blum, CSU-Stadtrat

Hans Blum, CSU-Stadtrat

Die Entscheidung für den Erlass der ATU-Gewerbesteuer im Stadtrat Weiden

Die Diskussion um den ATU-Steuererlass

Der Einstieg von Mobivia bei ATU im Jahr 2016

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.