06.11.2020 - 17:35 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Interview: Wie die Witt-Gruppe das Internet erobert

Melanie Plank soll den "Katalogversender Witt" auch zu einem Internet-Spezialisten machen. Darin ist die Bereichsleiterin "E-Commerce" so gut, dass ein Fachmagazin sie zum "Retailer des Jahres" gekürt hat. Ein Interview über Wandel.

"Retailerin des Jahres" Melanie Plank.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

ONETZ: Frau Plank, sie bauen seit 2011 bei der Witt-Gruppe den Internet-Handel auf. Wie schwer ist es, Kollegen zu überzeugen, etwas Neues zu beginnen, obwohl das Alte – hier der Katalogversand – gut funktioniert?

Melanie Plank: Wir haben damals nicht begonnen, um das traditionelle Geschäft zu ersetzen. Das Kataloggeschäft ist profitabel und wird es noch länger bleiben. Für uns war es ein Vorteil, so früh und aus einer Position der finanziellen Stärke zu beginnen. Der Bereich E-Commerce war damals nicht rentabel und ist vom Kataloggeschäft finanziert worden.

ONETZ: Aber macht es das nicht viel schwieriger, die Mitarbeiter zu überzeugen, dass dieser Wandel sinnvoll ist?

Sicher, wenn wirtschaftlicher Druck vorhanden ist, gehen manche Prozesse schneller. Trotzdem ist es viel einfacher, aus einer Position der Stärke an der Veränderung zu arbeiten. Auch wenn dann manchmal mehr Überzeugungsarbeit nötig ist.

ONETZ: Wie lassen sich Mitarbeiter überzeugen, etwas zu verändern, obwohl ihre Arbeit über Jahrzehnte sehr erfolgreich war?

Man muss sie tatsächlich mitnehmen, ihnen Zeit geben, die Prozesse und neuen Entwicklungen zu verstehen. Und man muss ihnen dafür das nötige Wissen vermitteln. Wenn Mitarbeiter verstehen, weshalb die Veränderung nötig ist, dann gehen sie den Weg auch mit.

ONETZ: Das bedeutet, dass ein solcher Wandel nicht von jetzt auf gleich erfolgen kann?

Definitiv. Deshalb ist es eben so viel einfacher, wenn es nicht aus wirtschaftlicher Not heraus ganz schnell gehen muss. Wir haben den Bereich E-Commerce nicht als Ersatz fürs Kataloggeschäft angelegt. Es ging immer darum, auf das bestehende Geschäft etwas draufzusatteln. Wir wollen auch jetzt nicht, von offline zu online wechseln. Beide Bereiche bleiben wichtig.

ONETZ: Aber gerade die Corona-Krise scheint den Trend zum Onlinehandel zu beschleunigen.

Ja, Corona erweist sich über alle Branchen als Online-Boost. Der Bereich hilft uns, die Delle aufzufangen, die die Textilbranche allgemein durchläuft. Aber auch unsere Zielgruppe 50+ hilft uns, sich vom negativen Trend der Branche abzusetzen. Diese Generation ist von der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung unabhängiger als andere.

ONETZ: Wie sehen Sie als Online-Expertin diesen Gegensatz: Einerseits die "guten" lokalen Händler, die man unterstützen muss. Andererseits die anonymen Online-Versender, denen man besser misstraut?

Damit kann ich nichts anfangen. Ich finde, dass es nicht um entweder oder geht. Beides ergänzt sich. Das zeigt sich übrigens auch in unserem Geschäft. Es ist nicht so, dass die einen Kunden nur den Katalog, die anderen nur das Internet nutzen. Deshalb ist hier auch die Zusammenarbeit zwischen beiden Bereichen sinnvoll und wichtig.

ONETZ: Heißt das, dass Sie auch selbst noch zum Bummeln durch die Geschäfte ziehen und dort einkaufen.

Natürlich. Dabei hole ich mir immer wieder auch Inspiration für unseren Online-Shop. Der ist letztlich ja auch ein Geschäft.

ONETZ: Viele stationäre Händler haben derzeit Probleme und denken über die Ausweitung des Geschäft im Internet nach. Können Sie Ratschläge geben?

Wie schon gesagt, es geht einfacher, wenn es aus einer Position der Stärke passiert. Wenn das Geschäft schon in Schieflage geraten ist, ist es möglicherweise schon zu spät. Trotzdem: Es gibt heute auch für kleinere Unternehmen gute Möglichkeiten etwa durch Open-Source-Angebote. Dafür muss man kein großes finanzielles Risiko eingehen.

ONETZ: Kennen Sie positive Beispiele?

Das Modehaus Frey verbindet den stationären Handel sehr gut mit dem Geschäft im Internet. Dort ist man sehr kreativ und erfolgreich. Der Internethandel wurde früh als Chance begriffen und nicht als Gefahr, die man am besten schlecht redet.

ONETZ: Die Witt-Gruppe ist beim jüngsten Statista-Ranking der Top-100-Onlineshops in Deutschland auf Platz 75 gelistet. Sie sind "Retailerin des Jahres". Was gibt es überhaupt noch zu tun?

Wir arbeiten daran, unsere Serviceleistungen auszubauen. Wichtig ist auch, die Markenbekanntheit im Netz zu steigern, bei den Kunden für etwas zu stehen. Den Katalog können wir zuschicken, bei uns geht es darum, dass die Kunden immer wieder von sich aus zu uns kommen. Das ist eine Herausforderung.

ONETZ: Wie schwierig ist es, dafür die richtigen Fachkräfte zu finden? Die Nordoberpfalz und auch die Witt-Gruppe gelten wegen der speziellen Zielgruppe nicht unbedingt als Magneten für junge, kreative Leute.

Das ist tatsächlich ein Problem. Wenn wir es schaffen, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was wir tun und was bei uns möglich ist, sind die Bewerber meist begeistert. Aber es ist schwer, die passenden Leute überhaupt auf uns aufmerksam zu machen. Was uns hier hilft, ist die Kooperation mit "About you".

ONETZ: In den letzten Jahren ist der E-Commerce-Anteil am Umsatz der Witt-Gruppe stark gestiegen, von 19 Prozent im Jahr 2017 auf aktuell 29 Prozent. Wo wird der Anteil in fünf Jahren liegen?

Ich hoffe, dass wir dann die 50-Prozent-Marke überschritten haben. In einzelnen Regionen, zum Beispiel in den Niederlanden, haben wir das schon geschafft.

Dank des Online-Geschäfts: Auch in der Pandemie gute Zahlen

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Zur Person: Melanie Plank

  • Jahrgang 1980
  • Aufgewachsen in der Gemeinde Fensterbach
  • Abitur am Amberger Gregor-Mendel-Gymnasium
  • Duales Studium bei der Witt-Gruppe 1999 bis 2002
  • Verschiedene Aufgaben im Marketing, ab 2006 mit Führungsfuntkion
  • ab 2011 Aufbau der E-Commerce-Schiene
  • seit 2015 Leitung des nun eigenständigen Bereichs E-Commerce der Witt-Gruppe
  • 2020 "E-Retailerin des Jahres" beim Marketing-Branchen-Magazin "ONEtoONE"

 

 

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