03.08.2020 - 17:21 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Inklusionscafé eröffnet in Weiden

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Er ist Chemiker, seine Frau kommt aus der IT-Branche. Zusammen eröffnen sie zum 1. September ein Inklusionscafé im Maria-Seltmann-Haus Weiden. Es soll Menschen mit Handicap helfen, insbesondere der eigenen Tochter Melanie.

Im neuen und bisher in Weiden einzigartigen Inklusionscafé im Maria-Seltmann-Haus wird Melanie Thoma (links), die Tochter der Pächterfamilie Heinz und Daniela Thoma, zusammen mit weiteren Mitarbeitern mit und ohne Handicap ab 1. September Kaffee & Co. servieren.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Was gerade im Maria-Seltmann-Haus entsteht, ist bislang einzigartig in Weiden: Am 1. September, wenn auch das Seniorenzentrum an der Herrmannstraße nach der Coronapause wieder eröffnet, wollen dort Pächter Heinz Thoma (64), ein Doktor der Chemie im Vorruhestand, und seine Frau Daniela aus Schwarzenbach mit ihrem Inklusionscafé starten.

Es wird "Café Grenzenlos" heißen. Der Name lässt auch auf die Besonderheit schließen: Alle Menschen, auch die mit sowie ohne Behinderung, werden sich laut Familie Thoma dort begegnen - und vor allem auch dort arbeiten können. Mittendrin wirbelt Melanie, die Tochter des Pächters.

Fachlich top, nur langsamer

Melanie ist 24 Jahre. "Und unsere Tochter hat ein Handicap", sagt Mutter Daniela Thoma (52) frei heraus. Letztlich habe die 24-Jährige die Thomas inspiriert, das Begegnungscafé zu eröffnen. Denn Melanie kann viel. "Fachlich ist sie sehr gut", freut sich Mutter Daniela. Das sei ihr auch von diversen Arbeitgebern der Tochter bestätigt worden: "Nur braucht sie wegen ihres Handicaps ein bisschen Anschub." Sprich: Chefs mangelt es am Tempo bei der 24-Jährigen. Deshalb durfte sie bislang nirgends bleiben.

"Es langt also nicht zum Geld verdienen. Und das ist so schade", sagt die Mutter. Was bleibt? "Hartz IV oder Behindertenwerkstatt. Denn entweder man ist richtig gut, oder man fällt hinten runter." Und das kann doch bei dem Können von Melanie - Schwerbehinderung hin oder her - nicht sein, dachten sich die Eltern - und nahmen das Projekt Begegnungscafé in Angriff.

Maria-Seltmann-Haus: Corona-Pause endet zum 1. September

Weiden in der Oberpfalz

Am 1. September soll es eröffnen. "Die Aufregung steigt von Tag zu Tag", sagt Daniela Thoma. Auch wegen Corona? "Ich sehe das als Chance, wenn es wegen des Virus' vielleicht etwas langsamer losgeht." So hätten sowohl Gäste als auch das Personal mehr Zeit, sich im neuen "Café Grenzenlos" zu begegnen. Mit dem Namen "Grenzenlos" will die Pächterfamilie bereits zwei Dinge vermitteln.

Vielsagender Name

Erstens: Grenzen gibt es nicht. "Hier sind alle eingeladen - junge und alte, dicke und dünne, schwarze und weiße sowie natürlich Menschen mit und ohne Behinderung", zählt Daniela Thoma auf. Zweitens: ...los steht für das große Los. "Ja, wir hoffen, mit dem Café das große Los gezogen zu haben, wir dürfen unseren Traum leben, für Gäste da zu sein. Und wir wollen unseren Mitarbeitern zeigen, was sie alles können."

Melanie im Service und am Ofen

Melanie zum Beispiel wird vornehmlich im Service tätig sein. Dafür hat sie sich zuletzt unter anderem gut gewappnet mit einem Praktikum im Hotel Aribo in Erbendorf. Hinter den Kulissen wird Melanie aber obendrein tätig sein: "Wir backen alles selbst." In der Dekoration wirkt die 24-Jährige obendrein.

Unterstützt wird sie von den Thomas selbst, von zwei Mitarbeitern mit Schwerbehinderung sowie einer versierten Dame in der Küche. "Sie kommt aus der Gastronomie und leitet das Café eigentlich", verrät Daniela Thoma. Ein Café, von dem das Paar Thoma den Eindruck hat, dass es viel zu wenig Leute auf dem Schirm haben. "Alle denken, das sei nur für Seltmann-Haus-Besucher zugänglich. Aber das stimmt nicht. Wir sind ein offenes Café für jeden mit Oma- und Opa-Tag, Spielecke oder Spieletreff." Ab Mitte August werden die Räume entsprechend renoviert, in denen seit 2015 das Café Zeitgeist von Marie-Luise Fißl residierte.

2015 startet Maria-Luise Fißl im Café des Seltmann-Hauses durch

Kein Fördergeld

Fördergeld für das Projekt gibt es übrigens nicht. Die Auflagen, die die Thomas beim Inklusionsamt in Regensburg in Erfahrung gebracht haben, sind zu hoch: Es bräuchte mindestens sechs Vollzeitkräfte ohne Behinderung plus sechs Mitarbeiter mit Behinderung und einen Psychologen. "Das können wir nicht leisten. Aber wir schaffen das auch alleine." Immerhin laufe die Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit hervorragend. Und die Vorfreude bei der ganzen Familie sei riesig.

Kommentar:

Tatendrang trotz Corona: Das macht Mut!

Das Museumscafé der HPZ Werkstätten in Flossenbürg macht es dem neuen künftigen Weidener Inklusionscafé vor: Es gibt sie, die Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Mehr noch: Es braucht sie auch. Im neuen Inklusionscafé entstehen diese Arbeitsplätze nun außerhalb der Werkstatt für behinderte Menschen im hochwertigen Dienstleistungsbereich. Das ist gut so.
Erstens weil jeder Mensch eine Aufgabe braucht. Warum also soll sie jenen mit Handicap verwehrt bleiben?
Zweitens weil es schon längst an der Zeit ist, sich auch im Alltag mit der Gesellschaft in ihrer Buntheit auseinanderzusetzen. Menschen mit Behinderung im täglichen Umfeld zu begegnen, passiert noch viel zu selten.
Und zu guter Letzt braucht es diese Arbeitsplätze, weil damit Geld verdient werden kann. Der Mitarbeiter, gleich ob mit oder ohne Handicap, will seinen Lebensunterhalt erwirtschaften, der Chef soll mitverdienen.
Eine solche Erfolgsgeschichte ist dem neuen Inklusionscafé im Maria-Seltmann-Haus zu wünschen. Es liegt günstig, mitten in der Stadt. Bleibt nur noch, dass die Betreiber deutlich machen, dass es nicht den Senioren dort vorbehalten ist, sondern für alle offen steht. Dass die Pächterfamilie aus der persönlichen Situation heraus und auch noch mitten in der Coronazeit so viel wagt, macht Mut – dieser Mut muss doch einfach belohnt werden.

Reaktionen:

Förderung durch Inklusionsamt

Die Lebenshilfe Tirschenreuth stellt klar, dass das Inklusionsamt (ZBFS) Regensburg folgende Förderrichtlinien hat: Mindestens 25% der Beschäftigten einer Integrationsfirma müssen zur Zielgruppe der Menschen mit Behinderung gehören. Anleiter dürfen Beschäftigte aus jeder Berufsgruppe sein, das müssen keinesfalls Psychologen oder Sozialarbeiter sein.

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