23.08.2020 - 14:26 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Hanns-Friedrich Kaiser verlässt die Orgel seiner Träume in Weiden

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Hanns-Friedrich Kaiser prägte seit 1982 die Kirchenmusik im evangelischen Dekanat Weiden. Dabei war er seinen Wünschen so nah, wie wohl nur wenige Musiker. Jetzt gibt er nicht nur die Hoheit über die Tasten der Orgel in St. Michael ab.

Hanns-Friedrich Kaiser verlässt nach 38 Jahren den Platz an der Max-Reger-Orgel in St. Michael.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

"Ein schönes Instrument beflügelt. Gute Musik lässt sich aber auch auf Instrumenten spielen, die nicht erste Garnitur sind – und da waren abenteuerliche Instrumente dabei", blickt Hanns-Friedrich Kaiser auf seine 38 Jahre dauernde Tätigkeit als Kantor in Weiden zurück. Die neue Orgel in der St. Michaelskirche lässt sich als "seine Orgel" bezeichnen. Er bringt sie nicht nur wie ein Weltstar – der er nie sein wollte – mit Max Regers und anderen Werken zum Klingen, sondern er engagierte sich maßgeblich bei Planung und Bau, spielte als Höhepunkt der Einweihung 2007 den 100. Psalm (op. 106) von Reger.

"Nach Weltruhm zu streben, darum ging es mir nie", bekennt der 65-Jährige. Ihm sei es stets um die Musik gegangen. "Ob ich die in München, Berlin oder Weiden spiele, war für mich nicht entscheidend." Kaiser ist Perfektionist. Er empfindet es als sehr mühsam, sich auf neue Instrumente einzuarbeiten. Jedes ist anders, jeder Spieltisch samt Tastenbreiten ist unterschiedlich. "Die Bässe spielt man mit den Füßen, ohne hinzuschauen." Keine Orgel gleicht der anderen. Der Klang, der Raum, der Prospekt beeinflussen die Musik. Für Kaiser macht diese Differenzierung auch den Reiz einer Orgel aus.

Ich hatte hier in St. Michael ein Instrument, das meinen musikalischen Vorstellungen ideal entspricht.

Hanns-Friedrich Kaiser

Hanns-Friedrich Kaiser

Mit einem Konzertprogramm herumzureisen, war nicht das, was Kaiser mache wollte.Wichtig ist für ihn die Musik und die Orgel. "Ich hatte hier ein Instrument, das meinen musikalischen Vorstellungen ideal entspricht." An anderer Stelle als auf der Empore von St. Michael in Weiden sei das nicht immer so. "Das besondere an der Reger-Orgel ist die außergewöhnlich dynamische Spannbreite. Feine Schattierungen im Piano und Mezzopiano gehen da wunderbar." Die Begleitung und Planung des Orgelbaus nennt der Kirchenmusikdirektor einen der Höhepunkte seiner Zeit in Weiden. "Das erlebt man nur selten."

Interview mit Hanns-Friedrich Kaiser vor dem Orgelbau

Regers Musik mit der Größe und Erhabenheit bei den Schlusssteigerungen zusammen mit zarten, innigen Passagen begeistern Kaiser. Regers Klavierspiel wurde nach Zeitzeugenberichten wegen seines weichen, zarten Anschlags gerühmt. "Diese zarten Seiten sind auch heute das Interessante", sagt der Weidener, den die Person Regers weit weniger interessiert als sein Werk. "Wenn man sich ein Stück neu erarbeitet, denkt man sich schon manchmal, da sind ein paar Noten zu viel", bekennt der Organist. Reger habe allerdings behauptet, bei ihm stehe keine Note zu viel. Kaiser über Reger: "Er hat immer übertrieben. Laut, mehrstimmig und legato – da kommt man mit zehn Fingern und zwei Füßen an die Grenzen." Auch für den Orgelexperten gibt es Stücke wie die Symphonische Phantasie und Fuge (op. 57) bei der das Notenbild schwer zu überblicken sei. Das ist keine Musik, die man sich von heute auf morgen erarbeite. "Das braucht Zeit und Reife, um es innerlich verarbeiten zu können."

Einweihung der Max-Reger-Orgel

Kaiser nennt es eine Ehre und Auszeichnung, dass er bei den von Hans Robert Thomas und Dr. Harald Roth organisierten Musiktagen ebenso im Kreis weltberühmter Künstler auftreten durfte wie beim Festival der Max-Reger-Tage. An das Mozartrequiem, Mendelssohns "Elias", die Bachschen Passionen und seine "Messe in h-Moll" sowie "Ein Deutsches Requiem" von Brahms erinnert sich der Kirchenmusikdirektor als Höhepunkte, die er mit dem Chor der Kantorei und mit Orchester aufführen durfte. Dazu kommen Arthur Honeggers "König David" und Hugo Distlers "Totentanz", bei denen der ehemalige Weidener Dekan Wenrich Slenczka als grandioser Sprecher fungiert habe.

Chor und Orchester sind für Kaiser gleichwertig. "Ich habe beides gerne gemacht, auch wen die Situation unterschiedlich ist." An der Orgel ist er eher Einzelkämpfer, hat aber doch ein ganzes Orchester immer zur Hand. Das Drumherum ist beim Spiel ein Stück weit ausgeblendet. "Ich bin fast ein Stück weit in einer anderen Welt und blende vieles aus, was um mich herum passiert – auch beim Üben. Selbst das ist für mich immer Musik machen." Beim Chor geht es um die Arbeit mit Menschen. "Da muss man hellwach sein, jeden Einzelnen im Ohr und im Blick haben, Hilfestellung geben."

So wie jedes Orgelvor- und -nachspiel in jedem einzelnen Gottesdienst war Kaiser auch jede Probe mit der Kantorei wichtig. "Es war immer etwas besonderes, mit den einzelnen Chorsängern in Kontakt zu treten." Er will, dass die zwei Stunden am Donnerstagabend auch für die Sänger ein Erlebnis sind. "Man muss etwas erarbeiten, die Leute müssen dabei Spaß haben, das gerne tun, das Gefühl haben, es hat sich gelohnt und der Chorleiter ist zufrieden." Für ihn selbst bedeute das, ein Ziel vor Augen zu haben, zu wissen, was der Chor kann, ihn aber auch nicht zu unterfordern.

"Ob ich im Ruhestand im Chor mitsingen will, weiß ich noch nicht." Das liege auch daran, ob Nachfolgerin Anna-Magdalena Bukreev das wolle. Seit seinem achten Lebensjahr hat Kaiser gesungen und Chöre geleitet. "Ich komme auch ohne zurecht." Er wolle sich raushalten. "Aber wenn ich gebraucht werde, bin ich da entweder singend, oder spielend oder Podeste aufbauend oder assistierend."

Kaisers Nachfolgerin

Weiden in der Oberpfalz

Daneben hat der Kantor eine Menge Organisationsarbeit wie die Beschaffung von Noten, Finanzierungen, Raumbelegungen und andere Probleme zu bewältigen. Es war Anfang der 90er Jahre, als der engagierte Solotenor zum Konzert nicht kam und in Vor-Handyzeiten auch nicht telefonisch erreichbar war. Sprecher bei dieser Aufführung von "König David" fungierte Hubert Mulzer aus München. Der erweiterte seinen Part um die Texte, die der Sänger gesungen hätte. Kaiser: "Das glich einem Melodram und war fast eindrucksvoller als wenn der Tenor gesungen hätte." Auf Tiefschläge wie eine Sängerin, die bei der Generalprobe des Weihnachtsoratoriums noch fit und am nächsten Tag krank war, könne er gut verzichten.

Fixpunkt in Kaisers Wochenablauf war der Orgelunterricht. "Wenn junge Schüler im Winterhalbjahr im dunkeln in die kalte Kirche kommen, ist das nicht so einfach für sie", umschreibt der Musiker die Lernsitution. "Gottseidank gab es auch immer die, die für das Instrument gebrannt haben." Überraschend für den Musiker: "Manche der treuesten Organisten in ihrer Heimatgemeinde sind die, die am Anfang Probleme hatten."

"Die Bläserarbeit liegt mir nicht so", bekennt der Kantor. "Vielleicht, weil ich es nicht gut genug kann, um meinem Anspruch gerecht zu werden." Das Üben sei für den Organisten nicht ganz so krass wie für den Bläser, der täglich die Muskeln im Mundbereich trainiert. "Ich habe schon gemerkt, dass es nicht so läuft, nach zwei Wochen Urlaub das Programm weiter zu erarbeiten." Und mittlerweile schmerzt die Schulter hin und wieder beim Spiel auf der Orgelbank. Kaiser: "Das vergeht."

Die offizielle Verabschiedung für Hanns-Friedrich Kaiser war für Sonntag, 30. August, in St. Michael geplant, musste aber verschoben werden, da Hanns-Friedrich Kaiser erkrankte. Die neue Kantorin und ihr Mann musizieren stattdessen. Ein neuer Termin für die Verabschiedung wird bekanntgegeben. Seiner Nachfolgerin wünscht der Kirchenmusikdirektor, dass sie die Arbeit in der künstlerischen Freiheit fortführen könne, wie ihm das möglich gewesen sei. "Es war ein schönes Arbeiten, es wurde anerkannt, respektiert und alles ermöglicht, was ich machen wollte."

Zur Person:

Bäckersohn mit Orgel im Wohnzimmer

Vor 65 Jahren kam Hanns-Friedrich Kaiser in Bischofsgrün als Sohn eines Bäckers zur Welt. Geprägt hat ihn die Gymnasialzeit im Internat des Windsbacher Knabenchors. Für den jungen Oberfranken bedeutete das täglich mindestens zwei Stunden Musik. Nach dem Abitur 1974 war ihm klar: „Mit Musik ist jetzt Schluss.“ Den Wehrdienst leistete er bei der elektronischen Kampfabwehr in Kötzting, das damals noch kein Bad war. Danach kehrte die Welt der Noten, Tasten und des Übens zurück in sein Leben beim Studium von Orgel und evangelischer Kirchenmusik in München.

Mit Ehefrau Friedericke ist er seit 1983 verheiratet. „Ich freu mich immer wieder, mit den Kindern Dorothea, Agnes, Hannah und Jeremias Kammermusik zu machen“, sagt Kaiser. Neben Bach und Reger hört er Musik jeder Art von Jazz bis Klassik und auch mal gute Volksmusik. Er wird auch im Ruhestand in Weiden bleiben und in Gottesdiensten an der Orgel aushelfen. „Ich werde es mir aussuchen, wenn Anrufe kommen“, schränkt er ein.

Ein Stück weit ist die Musik mein Hobby, gibt er zu. Daneben radelt er gerne und hat neben dem Haus in Weiden-Ost eine Schreinerwerkstatt, aus der viele Möbel stammen, die neben dem Flügel und der imposanten Orgel im Wohnzimmer stehen. Als besondere Auszeichnung empfand er 2011 die Verleihung der Max-Reger-Medaille. „Es hat mich sehr gefreut, dass mein Wirken und Tun hier in der Öffentlichkeit respektiert und anerkannt wurde.“ (ui)

Über Kaiser:

Beschreibung in acht Worten

"Kaiserlich bescheiden, begeisternd meisterlich und dabei einfach menschenfreundlich." Viel treffender als Hans-Joachim Grajer kann man den scheidenden Michaelskantor kaum beschreiben. Grajer sang als Jugendlicher ebenso wie Hanns-Friedrich Kaiser im Windsbacher Knabenchor, spielt Klavier, ist als "Springer" an der Orgel im Einsatz und singt in der Kantorei mit.

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