05.08.2020 - 12:50 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Günther Weiß: Der "Defi" war sein Lebensretter

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Benötigt ein kleiner Ort wie Muglhof einen Defibrillator? Diese Frage beschäftigte jüngst den Weidener Stadtrat. Für Günther Weiß ist die Antwort klar. Schließlich verdankt er so einem Gerät sein Leben.

Günther Weiß hat gut lachen: Dank eines Defibrillators, wie er seit 2015 auch an der Tankstelle in Neudorf hängt, hat er einen Herzinfarkt mit Kammerflimmern überlebt. Er betont: "Die gesamte Rettungskette hat super funktioniert."
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Fünf Jahre ist es jetzt her, dass Günther Weiß' Leben am seidenen Faden hing. "Ich hatte großes Glück", ist dem Schreiner aus Neudorf bei Luhe-Wildenau klar. Nicht nur, weil die Rettungskette bei ihm perfekt funktionierte. Auch, weil es in Trausnitz - die Gemeinde zählt rund 1000 Einwohner - einen Defibrillator gab.

Es war der 11. Juli 2015. Der 56-Jährige hatte als Mitglied des Elternbeirats die vierte Klasse der Grundschule Luhe-Wildenau zu einem Jugendherbergsaufenthalt in Trausnitz begleitet. An diesem Tag stand ein Fußballspiel an. Günther Weiß ging ins Tor. Doch er fühlte sich unwohl, stieg schließlich aus dem Spiel aus. Eine Mutter, die ebenfalls als Begleitperson bei der Gruppe war, wollte ihn zum Arzt fahren. Doch so weit kam es nicht.

Leblos zusammengebrochen

Auf dem Weg zum Auto brach Günther Weiß am Parkplatz leblos zusammen. Die Frau rief um Hilfe. Der Vater eines anderen Kindes begann sofort mit der Druckmassage, ohne Erfolg. Eine Anwohnerin schaltete sich ein, sagte, dass es in Trausnitz seit einem halben Jahr einen Defibrillator gibt und rief einen Bekannten zu Hilfe. Der Feuerwehrmann eilte mit dem Gerät herbei und brachte es zum Einsatz. "Ich hatte einen Infarkt mit Herzkammerflimmern", erzählt der Schreiner. "Das Gerät löste zwei Mal aus, um meinen Herzschlag wieder in Takt zu bringen." Das war die Rettung für Günther Weiß.

Lesen Sie hierzu auch den Bericht über die Stadtratsdiskussion

Weiden in der Oberpfalz

Der 56-Jährige selbst kann sich an den Vorfall nicht mehr erinnern. "Mir fehlt in diesem Zeitraum etwa eine Woche", gesteht er ein. Alles, was er weiß, stammt aus den Erzählungen der Beteiligten, die sein Leben gerettet haben. Dazu zählt auch die Besatzung des Rettungshubschraubers, die ihn schließlich ins Weidener Klinikum flog. "Die haben die Erstversorgung hoch gelobt", erinnert sich Ehefrau Martina Roder-Weiß.

Zwei Stents und künstliches Koma

Im Klinikum wurde Günther Weiß sofort operiert, bekam zwei Stents eingesetzt und wurde für drei Tage ins künstliche Koma versetzt. Nach einer Woche konnte er das Krankenhaus wieder verlassen. "Außer dem Gedächtnisverlust, gab es keine bleibenden Schäden", freut sich der 56-Jährige. "Ohne diese optimale Erstversorgung könnte ich jetzt im Rollstuhl sitzen oder es wäre sogar Schicht im Schacht."

Die Bedienung ist einfach

"So ein Defibrillator gehört in jeden Ort", steht für Ehefrau Martina deshalb fest. "Am besten verbunden mit einer Infoveranstaltung, um den Bewohnern die Scheu vor der Benutzung des Gerätes zu nehmen", fügt ihr Mann hinzu.

Im Gegensatz zu der Empfehlung der Verwaltung sprach sich der Weidener Stadtrat letztlich auch für die Einrichtung eines Defibrillators in Muglhof und den anderen Stadtteilen aus (wir berichteten). Neudorf - der Ort zählt rund 650 Einwohnern - verfügt seit Anfang 2015 über einen Defibrillator. Dass die Bedienung kein Hexenwerk ist, hat Sophie (17), die ältere Tochter des Ehepaares Weiß, gerade erfahren, als sie den Erste-Hilfe-Kurs für ihren Führerschein absolviert hat. "Der Defi sagt dir alles, was du tun musst. Das ist überhaupt nicht schwer."

Hier sind alle Defibrillatoren aufgeführt, die laut ILS in Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN öffentlich zugänglich sind. Es fehlen also unter anderem solche in Rathäusern, Einkaufsmärkten oder Firmen.
Hintergrund:

Öffentliche Defis: Acht Leben gerettet, fast 300 Fehlbedienungen

Jürgen Meyer, Leiter der Integrierten Leitstelle (ILS) Nordoberpfalz, geht davon aus, dass ein Defibrillator jedes Mal, wenn er zum Einsatz kam, ein Leben gerettet hat. "Allein schon wegen der Analyse, die das Gerät durchführt." Es erläutert dem Benutzer genau, was zu tun ist und entscheidet selbstständig, ob der Patient einen Stromimpuls benötigt oder nicht. Demnach haben die Defis in Weiden und Neustadt/WN bisher acht Leben gerettet.

Die Einsatzstatistik der ILS reicht von 2012 bis Ende Juni 2020: In dieser Zeit wurde der Defi am ZOB drei Mal gezogen, der im Max-Reger-Park und der am Issy-les-Moulineaux-Platz jeweils zwei Mal. Der Defi in der Stadthalle Neustadt/WN wurde bisher ein Mal benutzt. Die übrigen Defibrillatoren in den Landkreisen Neustadt/WN und Tirschenreuth, die zum Teil erst vor wenigen Monaten oder Wochen installiert wurden, kamen laut Meyer noch nicht zum Einsatz.

Er nennt für die Geräte im Stadtgebiet Weiden allerdings auch eine erschreckende Zahl: 294 Fehlbedienungen registrierte die ILS seit 2015. "Das heißt, die Tasten wurden aus Jux und Tollerei gedrückt."

Mit den neuen öffentlichen Geräten im Bereich Grafenwöhr und Kirchenthumbach ist es zwar auch im Landkreis Neustadt deutlich aufwärts gegangen. Doch das ist kein Vergleich mit dem Großraum München, weiß Dieter Kistenpfennig. Er ist technischer Leiter der Firma Automatentechnik Baumann aus Luhe-Wildenau, die die Einhausungen für die Defis liefert und in Weiden auch die Wartung der 10 Defi-Säulen kostenlos übernimmt. "Es ist sehr aufwendig, die Sponsoren für Geräte, Strom und SIM-Karten zu finden", meint er.

In Unterschleißheim zum Beispiel hätten akute Vorfälle die Spendenbereitschaft angeheizt. "Zwei Mal sind dort 40-jährige Familienväter am Fußballplatz gerettet worden." In der rund 30 000 Einwohner zählenden Stadt finden sich deshalb gleich 18 Defi-Säulen.

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