29.06.2021 - 20:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Smartphone-Videos lassen Luft für Angeklagte dünn werden

Alles nur ein Spaß? Situation unterschätzt? "Kommissar Smartphone" lässt die Luft dünn werden für die drei Angeklagten im Flutkanal-Prozess. Ein IT-Forensiker der Kriminalpolizei Weiden bringt am Montag Verblüffendes aus einem Handy zutage.

Die 1. große Strafkammer des Landgerichts Weiden unter Vorsitz von Präsident Gerhard Heindl (Mitte) wird das Urteil fällen. Neben Heindl links Richter Oliver Gruber, rechts Richter Matthias Bauer sowie die beiden Schöffen.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Weiden/Sulzbach-Rosenberg. Es ist der siebte Prozesstag um den Ertrinkungstod des 21-jährigen Moritz G. aus Sulzbach-Rosenberg am Freitag, 11. September 2020, im Weidener Flutkanal. Drei Freunde – darunter eine junge Frau – sitzen auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Totschlag durch Unterlassen. Hätten sie seinen Tod verhindern können? Ein IT-Forensiker bringt die bisherigen Einlassungen der Angeklagten ins Wanken.

Beispiel: Die zur Tatzeit 21-jährige Angeklagte hatte erklärt, unabsichtlich zwei Videos gedreht zu haben. Sie habe in dem Huawei-Handy des Kumpels die Taschenlampenfunktion nicht gleich gefunden. Deshalb habe sie ein Instagram-Video aufgenommen – da geht das Licht im Dunkeln von selbst an. Dumm nur: Es gibt eine eineinhalbminütige Bildschirmaufnahme dieses Handys. Sprich: Sie selbst hat – wohl unabsichtlich – aufgenommen, was sie vorher mit dem Telefon alles angestellt hat.

Und siehe da, Rechtsanwalt Rouven Colbatz, der die Eltern des Toten vertritt, verlässt dafür seinen Platz und eilt zum Videoscreen des Landgerichts: Die Taschenlampe ist um 22.17 Uhr längst an – 27 Sekunden lang –, als die 21-Jährige versucht, Filme zu drehen. Das scheitert mehrmals, davon gibt es dunkle, verschwommene Videoschnipsel. Sie blättert sich durch die Apps und startet schließlich „eine neue Story“ auf Instagram. Das klappt. Man sieht Moritz erst ins Ufergras schluchzen (22.19 Uhr). Dann beim Aufstehversuch ins Wasser fallen (22.21 Uhr). Sie zoomt heran. Das Video schickt sich die Angeklagte erst aufs eigene Handy weiter. Am nächsten Abend leitet sie es an einen Bekannten weiter.

Nur „die Taschenlampe gesucht“? Colbatz kennt am Montag kein Halten und adressiert an die Angeklagten: „Ich sag’s mal offen: Wollen Sie uns hier verarschen? Das hat Moritz sicher nicht verdient, wie Sie sich hier verhalten.“

"199222": Notruf falsch gewählt

Die Frage, die zentral im Raum steht: Ist es wirklich möglich, dass keiner den Ernst der Lage begriff? Ein Freund, der in der Shisha-Bar kaum noch stehen konnte, der nicht einmal in seine Jacke hineinkam – der soll im 16 Grad kalten Flutkanal noch „Bahnen geschwommen sein“, „gekrault und Rücken“? Ganz so harmlos kann es nicht ausgesehen haben: Vom gleichen Handy, mit dem um 22.21 Uhr Moritz’ Wasserplatscher gefilmt wurde, wurde – fast – ein Notruf abgesetzt. Um 22.28 Uhr wird die Nummer 199 222 eingetippt, also eine Neun zu viel. Der Anruf geht ins Leere.

Vor dem Landgericht Weiden und schon bei der Kripo schiebt jeder der Beschuldigten die Schuld ein Häuschen weiter. Am Ufer befanden sich die 21-Jährige und der damals 23-jährige „beste Freund“ des Verstorbenen. Sie sagen: Der dritte Mann, der Fahrer (23), der oben an der Böschung wartete, war nüchtern. Der hätte helfen müssen. Der Fahrer wiederum sagt: Ich stand oben, die unten hätten helfen müssen. Oberstaatsanwalt Bernhard Voit wird am Montag einmal laut: Schreien, einen Notruf absetzen, die Passanten auf der Brücke holen – es hätte vielerlei Möglichkeiten gegeben, eine Rettung zumindest zu versuchen. Laut Gutachten des Rechtsmediziners ertrank Moritz unmittelbar nachdem er in den Flutkanal gefallen war.

Rätsel um Cannabis

Die Angehörigen und Freunde des Verstorbenen haben das Gefühl, nicht mit der ganzen Wahrheit bedient zu werden. Am Montag sagen ein enger Freund aus Kindertagen und dessen Partnerin aus Amberg aus. Gemeinsam hat die Clique 2018 und 2019 feuchtfröhliche Urlaube in Kroatien verbracht. Moritz war dabei, auch die beiden Angeklagten. Und natürlich wurde da gebechert. Auf Wunsch eines Verteidigers erklärt Moritz' Sandkastenfreund geduldig ein Ping-Pong-Bier-Spiel. Zwei gegen zwei, auf jeder Seite der Tischtennisplatte 20 Becher. Und immer wenn der Ball in einen Becher fällt, muss der Unterlegene den austrinken. Aber: "Moritz hat das immer gut kalkuliert, nach seinem Zucker noch viel mehr."

Er und seine Freundin können sich den Zustand des Verstorbenen am Tatabend überhaupt nicht erklären. Tischnachbarn schilderten vor Gericht, dass sich Moritz in der Shisha-Bar kaum auf dem Stuhl halten konnte. Als er eine Wasserpfeife umwarf, hob er die glühende Kohle mit bloßen Fingern auf. Beim Aufstehen kam er nicht in seine Jacke hinein. "Unvorstellbar." Drogen? Moritz? "Nie. Und man hätte immer die Möglichkeit dazu gehabt. Man kennt die Pappenheimer, die immer was dabei haben, am Bergfest oder Altstadtfest. Mo hat das nie gemacht", beteuert der Freund.

Nach wie vor bleibt ungeklärt, wie das synthetische Cannabis in das Blut des Ertrunkenen kamen. Der forensische Toxikologe Dr. Bernd Schwarze sagt, die Einnahme muss zeitnah zum Tod eingenommen worden sein und legt sich auf 20 bis 22.25 Uhr fest. Damit müsste Moritz das künstlich hergestellte Cannabis in der Shisha-Bar am Schlörplatz eingenommen haben. Seine Haarprobe gibt keinerlei Hinweis auf früheren Drogenkonsum.

Rätseln über Motiv

Und das Motiv für das Nichtstun am Kanal? Kriminalhauptkommissar Norbert Groß ging am Ende der Ermittlungen schlicht von Gleichgültigkeit aus. „Es war ihnen egal, was mit ihm passiert.“ Nach seiner Einschätzung waren andere Dinge wichtiger. Die 21-jährige Kauffrau aus Weiden wollte nach Hause, weil sie am Samstagfrüh arbeiten musste. Der „beste Freund“ wollte mit ihr ins Bett. Und der Fahrer – der wollte nach dem ganzen Ärger nur noch heim nach Sulzbach-Rosenberg.

Das Verfahren neigt sich dem Ende. Die letzten Zeugen sind gehört. Das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Johannes Schwerdtner steht noch aus. Die Verteidiger stellen Beweisanträge. Anwalt Christian Krauße hat das Hinzuziehen eines Experten für Jugendsprache beantragt. Für das Verstehen der Sprache einer anderen „Community of Practice“ seien die Richter nicht ausgebildet. Sie seien teils mehrere Dekaden älter und entsprächen damit nicht der „Alterskohorte“ der Angeklagten. Beispiel: Das „lul“ am Ende der Nachricht „Moritz ist am Ertrinken“ zeige, dass diese Aussage nicht ernst gemeint sei und ironisiere sie.

"Lebst du noch?"

Krauße weist auch auf entlastende Whatsapp hin. So schreibt der Fahrer nachts an den Angeklagten, der in Weiden bei der Frau geblieben war: „Schau lieber, dass du in die Stadt kommst und ihn suchst.“ Sein Mandant sei immer davon ausgegangen, dass Moritz noch lebt. Gleiches machen die Anwälte für die weibliche Angeklagte geltend. Sie schrieb an den Ertrunkenen am Morgen danach um 7.47 Uhr: „Lebst du noch?“ Sein I-Phone lag da auf dem Grund des Flutkanals.

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"Ich sag's mal offen: Wollen Sie uns hier verarschen? Das hat Moritz sicher nicht verdient, wie Sie sich hier verhalten."

Rouven Colbatz, Nebenklagevertreter

Rouven Colbatz, Nebenklagevertreter

Der Chatverlauf zwischen einem Angeklagten und seinem Kumpel in Sulzbach-Rosenberg.
Info:

Flutkanal

Die Kripo besichtigte mit einem Vertreter des Wasserwirtschaftsamtes nach dem Ertrinkungstod die Stelle, an der der Sulzbach-Rosenberger ins Wasser gefallen war. Sie befindet sich nahe der Brücke Friedrich-Ebert-Straße, hinter Parkdeck und Kindergarten St. Michael.

  • Tatort: Flutkanal hinter dem Parkdeck Friedrich-Ebert-Straße.
  • Das Wasser ist an dieser Stelle 60 Zentimeter am Ufer bis zu 2 Meter in der Flussmitte tief.
  • Die Fließgeschwindigkeit beträgt 6 Zentimeter pro Sekunde.
  • Die Wasserwacht Hirschau barg den 22-Jährigen am 12. September um 20.48 Uhr in einer Wassertiefe von 150 Zentimetern. Der Taucher schätzte die Entfernung zwischen Auffinde- und Einsturzstelle auf 3bis 6 Meter.

 

 

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