21.06.2021 - 19:38 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: "Wir schlafen keine Nacht mehr"

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Die Woche beginnt am Landgericht Weiden mit dem bislang emotionalsten Tag im Flutkanal-Prozess. Nicht nur weil die Eltern des ertrunkenen Moritz G. seinen sogenannten Freunden gegenübersitzen. Die Juristen fahren kräftig die Ellbogen aus.

Frische Blumen am Ufer der Stelle, wo Moritz G.s Leben im Wasser zu Ende ging. Seine Begleiter wollen ihn in der Todesnacht dort schwimmen gesehen haben, Gutachter behaupten, dass er dazu wegen Alkohol und einer Droge nicht mehr in der Lage gewesen sei.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Stefan G. sucht den Blickkontakt. Zu Ariane I., Gerhard Z. und Alex B. (alle Namen geändert). Mit den dreien war G's Sohn Moritz am 11. September 2020 unterwegs. Als "Mo" gegen 17 Uhr im heimischen Sulzbach-Rosenberg in Alex' weißen Golf steigt, weiß Stefan G. noch nicht, dass er ihn in diesem Moment zum letzten Mal sieht. Er ertrinkt zirka fünfeinhalb Stunden später im Weidener Flutkanal.

Wie es Stefan G. und seiner Frau, die die Aussage ihres Mannes im Zeugenstand schluchzend verfolgt, seitdem ergangen ist, schildert er mit deutlichen Worten. "Wenn ich nicht hier im Gericht bin, bin ich an Moritz' Grab. Unser Leben ist genauso im Arsch wie seines." Der Kaufmann beschreibt sich als besten Freund seines Sohnes. Die beiden hätten unheimlich viel unternommen. Quadrennen, Handball beim TV Sulzbach. Schließlich sei man als Dauerkartenbesitzer drei Jahre zu Spielen von Jahn Regensburg gefahren. "Bis nach Kiel." Oft sei Moritz am Steuer gesessen. Stefan und seinen Sohn verband auch die gleiche Diabetes-Variante.

"Der wusste, wann Schluss ist mit Alkohol", erklärt der Vater auf die Fragen der Richter und Verteidiger. Und Drogen? "Kann ich mir nicht vorstellen." Identisch klingt das zwei Stunden später bei Emily H., der Freundin des Toten. "Wenn jemand Drogen nimmt, fang ich mit ihm nichts an."

Quälende Suche am Tag danach

Beide schildern den Tag nach dem Unglück. Wie sie Moritz per Handy anschreiben, keine Antwort bekommen. Wie sie zu Gerhard, dem besten Freund, Kontakt suchen, schließlich nach Weiden fahren, wo sich Moritz' Spur verliert. Nachfrage im Krankenhaus, im Hotel gegenüber der Shisha-Bar am Schlörplatz: Fehlanzeige.

Schließlich der Gang zur Polizei und um 20.40 Uhr am Samstag, 12. September, die Nachricht: Im Flutkanal, unweit der Stelle, wo Handyvideos seiner Begleiter am Vorabend bezeugen, dass Moritz in den Fluss gestürzt ist, haben Taucher einen leblosen Körper aus dem Wasser geborgen.

"Wer lässt einen Freund 20 Stunden da drin? Wir schlafen keine Nacht mehr, er war unser einziges Kind", sagt der Vater mit kräftiger Stimme, die Augen von einem zum anderen Angeklagten wandernd. Die Eltern hätten viel Freude an ihrem Buben gehabt. Am Grab habe Moritz' Chef noch gesagt, dass er ihm die IT-Firma mit 50 Mitarbeitern habe übergeben wollen. Mo habe nebenher studiert, habe einen Plan für sein Leben gehabt. Weil Moritz so geradlinig ist, kauft ihm der Papa einen Porsche. Einem 22-Jährigen. "Warum nicht? Ich bin selbst autoverrückt", gibt Stefan G. zu. "Und der Junge war immer fleißig und hilfsbereit." Die Angeklagten verfolgen diese Aussagen ungerührt. Nur Ariane tupft sich ab und an ein Taschentuch unters Auge.

Zuvor allerdings schildern zwei Kumpels von Gerhard und Alex Moritz als Typen, der in Shisha-Bars gerne mal zu viel gebechert und danach gepöbelt habe. Deswegen sei er einem dieser Kumpels auch unsympathisch gewesen. Als Alex kurz nach Moritz' Sturz in den Flutkanal eine Whatsapp-Nachricht schrieb, dass Mo im Wasser am Ertrinken sei, habe der andere deswegen auch geantwortet: "Lass ihn drin, lass ihn drin." Er habe das alles für einen Scherz gehalten.

Sex statt Beistand im Kopf?

Kumpel Nummer zwei holt Gerhard Z. am fraglichen Abend aus Sulzbach um Mitternacht in Weiden ab. Da war Moritz vermutlich anderthalb Stunden tot. Alex ist zu diesem Zeitpunkt schon allein nach Hause gefahren. Warum nicht gemeinsam mit Gerhard? Der blieb in Weiden. Dort wohnt Ariane I.

Dazu hat Staatsanwalt Bernhard Voit eine klare Meinung: "Sie wollten an diesem Abend nur mit Ariane I. ins Bett und nichts anderes. Und jetzt verstecken sie sich hinter Alkohol und können sich angeblich an nichts mehr erinnern." Auf diesen Satz stürzen sich die auswärtigen Anwälte der Angeklagten, André Miegel aus Duisburg und Jan Bockemühl aus Regensburg. Er offenbare Befangenheit, daher beantragen sie Voits Ablösung. Der kontert: "Ich werde den Teufel tun und den Saal verlassen." Seine Begründung: Die Aussagen der Freundin und Annäherungsversuche von Z. an I. in einem der Handyvideos.

Hintergrund: Als Emily mit Gerhard Z. am Tag nach Moritz' Tod zur Suche nach Weiden aufbricht, habe Emily noch nichts Schlimmes vermutet und im Auto auf der Fahrt über Gerhard als Frauenheld geflachst. Der habe in der Tat geantwortet: "In Arianes Firma habe ich jetzt alle Blondinen durch." Das quittiert Ariane im Saal mit einem unfreundlichen Blick. Ihr Anwalt Bockemühl unterstreicht: "Die beiden hatten keinen Sex."

Was das Freundestrio in Bedrängnis bringen könnte, sind Aussagen über den eigenen Alkoholkonsum. Gegenüber Emily schilderten sie ihn als "volle Kanone", folglich könne man sich am Tag danach an nichts erinnern. Der Kumpel, der Gerhard Z. in der Unglücknacht abgeholt hat, hat seinen Beifahrer aber keineswegs als sturzbetrunken in Erinnerung. Dazu kommt, dass Gerhard bei der Suche mit Emily in Weiden just an der Unglücksstelle steif und fest behauptet hat, da sei Mo ganz bestimmt nicht ins Wasser gefallen.

Solche Widersprüche, dazu Satzfetzen wie "Notarzt", "der spielt doch nur" und "Ertrinken" in Chatprotokollen und Telefonaten lassen die Aktien nicht gut stehen für die drei Angeklagten.

Zwei Befangenheitsanträge

Offenbar sehen auch ihre sechs Anwälte, dass der Prozesszug auf eine Verurteilung zusteuert. Daher scheint ihre Strategie zu sein, im Vorfeld Revisionsgründe aufzubauen. Siehe Voit. Und siehe den beisitzenden Richter Matthias Bauer. Er ist zugleich Pressesprecher der Weidener Justiz. In einem OTV-Interview am Freitag habe er das Wort "ermordet" benutzt und später korrigiert. Für Miegel ein klarer Fall von Befangenheit. Wie im Falle Voit lässt Landgerichtspräsident Gerhard Heindl den Antrag abtropfen.

Eine weitere Taktik der Verteidiger: Mögliche Fehler der Ermittlungsbeamten aufspüren. Wurde einem Zeugen bei der Vernehmung vorschnell mit U-Haft gedroht? Wurde ein anderer Zeuge bei einer Aussage mit Tonbandaufzeichnung bewusst aus dem Konzept gebracht?

Sympathieboni auf der Richterbank ernten die Advokaten damit nicht. Vor allem als Miegel Bauer belehren will. Der hatte nach der Aussage von Moritz' Vater gefragt, ob sich einer der Beschuldigten oder von deren Eltern jemals für die Vorgänge an jenem Abend in Weiden entschuldigt habe. Als Antwort kommt ein Nein. Miegel beanstandet, dass die Frage mit der Strafprozessordnung nichts zu tun habe.

All das trägt wohl auch dazu bei, dass Stefan G. mit dem Satz "Ich fall vom Glauben ab" den Saal verlässt und dabei mit der Hand energisch gegen die Holzvertäfelung des Saals schlägt. Auf seinem Unterarm ist eine große Tätowierung zu lesen: Moritz.

Alle Hintergründe und die Vorgeschichte zum Flutkanal-Prozess

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Flutkanal-Prozess: Das wird verhandelt

  • In der Nacht zum 12. September 2020 ertrinkt ein 21-Jähriger aus Sulzbach-Rosenberg im Flutkanal in Weiden
  • Die drei Freunde des Opfers geraten ins Visier der Ermittler, weil sie ihn nicht gerettet haben
  • Ende September ergeht Haftbefehl, seither sitzen eine Weidenerin und zwei Männer aus Sulzbach, alle zwischen 22 bis 25 Jahre alt, in Untersuchungshaft
  • Sie sind wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt
  • Prozessauftakt war am 15. Juni
  • Es sind insgesamt elf Verhandlungstage angesetzt
  • Am Montag war der dritte Verhandlungstag, der vierte folgt an diesem Dienstag, 22. Juni
  • Das Urteil wird nach dem letzten Verhandlungstag am 8. Juli erwartet (mte)
Moritz’ Freunde aus Sulzbach-Rosenberg haben am Montag eine Mini-Gedenkstätte vor dem Landgericht Weiden aufgebaut. Auf die Kerzen und Fotos haben sie viele Fragen geschrieben. Die häufigste: Warum half keiner?

 

 

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