18.06.2021 - 15:22 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Möglicher Retter stand auf der Brücke

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Tragisch: Exakt in den Minuten, in denen Moritz G. im Flutkanal ertrinkt, halten sich in unmittelbarer Nähe zufällig ein Rettungsschwimmer und ein Sanitäter auf. Sie sind auf dem Heimweg vom Sommerabend in der Innenstadt - und ahnen nichts.

Die Angeklagten (sitzend, gepixelt) verfolgen konzentriert, aber weitgehend reglos die ersten beiden Verhandlungstage.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Das Schwurgericht am Landgericht Weiden hört am Freitag fast ein Dutzend Passanten. Sie alle hatten den Abend des 11. September 2020 für einen Besuch der Weidener Altstadt oder des Stadtbads genutzt. Während Moritz G. gegen 22.30 Uhr im Flutkanal ertrank, herrschte auf der nahen Brücke reges Treiben.

Lukas, 20-jähriger Student aus Weiden, trinkt mit einem Kumpel auf der Brücke einen Restschluck Wein aus, während sie auf einen Abholer warten. Später kommen Freunde dazu. "Wir haben nichts Auffälliges bemerkt." Vier Freundinnen aus dem Landkreis Neustadt/WN spazieren an ihnen vorbei. Vom Griechen zurück zum Auto, das sie beim Stadtbad geparkt haben. Auf der Brücke hören die Frauen sogar noch ein Plätschern vom Flutkanal herauf. Dazu Stimmen von "Jugendlichen, die Spaß haben, halt irgendeinen Blödsinn machen". Keiner denkt sich etwas Schlimmes.

All diese jungen Leute sind etwa 70 Schritte von Moritz G. entfernt, der exakt um diese Uhrzeit untergeht. Wenn sie gewusst hätten, dass da einer mit dem Tod ringt, hätten sie ganz anders reagiert. Der 20-jährige Student hat das Rettungschwimmerabzeichen und engagiert sich bei der DLRG. "Ich hätte helfen können." Ein weiterer Zeuge wäre vom Fach: Ein Techniker aus Windischeschenbach, der am gegenüberliegenden Ufer geparkt hatte, ist ehrenamtlich beim Rettungsdienst tätig. "Ich habe einen privaten Notfallrucksack im Kofferraum." So aber setzt er sich um 22.30 Uhr ins Auto und fährt heim.

Angeblich noch gesucht

Nach wie vor schweigen die drei Angeklagten, eine 22-jährige Kauffrau aus Weiden sowie zwei Männer aus Sulzbach-Rosenberg (23 und 24). Sie wirken eher so, als hätten sie Oberwasser. Es gibt Unstimmigkeiten bei Aussagen und Uhrzeiten. Langsam sickert die Verteidigungsstrategie durch. Zum einen will man den später Ertrunkenen paddeln gesehen haben. Zum anderen habe man noch nach ihm gesucht und von der Brücke hinunter gerufen.

Dumm nur: Keiner der ganzen Zeugen, die am Freitag gehört werden, hat von einer Suchaktion auch nur einen Hauch mitbekommen. Der Student sagt: "Hätte wirklich jemand gesucht und einen Namen gerufen, dann wäre uns das aufgefallen." Er und seine Bekannten waren von 22.15 bis 22.45 Uhr auf der Brücke. Dann kam ihr Auto.

Schauplätze und Chronologie.

Die "Timeline" des Unglücks

Das fällt genau in die "Timeline" des Unglücks: Um 22.21 Uhr wurde das Handyvideo gedreht, in dem Moritz G. am Flussufer liegt und schluchzt "Mir geht's nicht gut." Um 22.25 Uhr wurde die zweite Sequenz mit dem Smartphone gedreht, in der er ins Wasser fällt - unter dem Lachen der 22-jährigen Angeklagten. Man sieht ihn zappeln, Gesicht nach unten. Rechtsmediziner Dr. Peter Betz geht davon aus, dass Moritz G. nicht mehr zu Schwimmbewegungen in der Lage war und drei bis fünf Minuten nach dem Wassersturz ertrank.

Wo waren da seine Freunde? Um 22.34 Uhr zeigt ein Überwachungsvideo, wie die Drei das Parkhaus Friedrich-Ebert-Straße betreten. Um 22.36 verlässt die Gruppe das Parkhaus noch einmal, kehrt aber um 22.42 Uhr zurück. Um 22.45 Uhr fährt ihr Auto endgültig heraus.

Die Vermisstenanzeige wird erst am Folgetag um 15 Uhr von der Freundin des Opfers, gemeinsam mit dem 24-jährigen Angeklagten, erstattet. Rund 100 Rettungskräfte suchen den Flutkanal auf seiner ganzen Länge ab. Taucher finden die Toten schließlich gegen 20 Uhr, unweit der Stelle, an der er ins Wasser gefallen war.

Der erste Prozesstag: Sturz ins Wasser mit Smartphone gefilmt

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Zweiter Prozesstag: das Gutachten des Rechtsmediziners

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Noch immer ist jeder der wenigen Zuschauerplätze besetzt. Wegen Corona sind nur elf Zuhörer und vier Medienvertreter zugelassen.
So nah und doch zu weit weg: In der Nacht zum 12. September 2020 ertrank hier ein 21-jähriger Sulzbach-Rosenberger. Die Brücke ist - zumindest bei Tag - von hier aus zu sehen. Dort herrschte reger Betrieb.
Der Blick von der Brücke. Bei dem kleinen Schatten am Ufer im rechten oberen Drittel des Bildes steht das Kreuz, das an Moritz G. erinnert.
Info:

Die weiteren Verhandlungstage

Angesetzt sind aktuell noch folgende Verhandlungstage: 21. Juni, 22. Juni, 24. Juni, 28. Juni, 1. Juli, 2. Juli, 5. Juli, 8. Juli, Beginn jeweils um 9 Uhr im Sitzungssaal 140 des Landgerichts Weiden. Es sind nur elf Zuhörer und vier Medienvertreter zugelassen.

 

 

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