30.07.2021 - 20:04 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Harte Vorwürfe des Staatsanwalts

"Man ließ einen besoffenen Kumpel absaufen. Das ist die ganz einfache Wahrheit." Staatsanwalt Bernhard Voit fordert für die Angeklagten im Flutkanal-Prozess bis zu sechs Jahre Haft.

Oberstaatsanwalt Bernhard Voit zum Beginn des langen Sitzungstages am Freitag.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Was für ein Tag am Landgericht Weiden. Erst liefern sich Verteidiger und Gericht eine stundenlange Schlacht. Im Laufe des Freitags lehnt die Kammer 23 Beweisanträge ab. Oberstaatsanwalt Bernhard Voit hält um 18 Uhr sein Plädoyer. Er fordert 6 Jahre für den "besten Freund" des Ertrunkenen, 5 Jahre für die weibliche Angeklagte und 4,5 Jahre für den Fahrer.

Voit rückt vom Tötungsvorsatz ab und plädiert auf Aussetzung mit Todesfolge, nicht mehr auf Totschlag durch Unterlassen. Der Strafrahmen vermindert sich auf 3 bis 15 Jahre (Totschlag ab 5 Jahre).

Kritik an Verteidigern

"Der Fall wühlt uns alle auf", sagt der Oberstaatsanwalt eingangs. Nie in seinem Berufsleben sei er auf einen Prozess so oft angesprochen worden. Der Fall sei nicht einfach, aber auch nicht so schwierig, wie von den Verteidigern zelebriert werde: "Das Verfahren wurde aufgebläht mit Beweisanträgen, die nichts mit der Sache zu tun haben."

Dabei sei das Kerngeschehen perfekt dokumentiert. "Vielen Dank, Frau X.", richtet Voit an die Angeklagte (22). Sie hatte die Tat gefilmt. Wenn man sich diese Videos ansehe, sei "alles andere Gefasel nur Nebelkerzen".

Video vom Ortstermin am Flutkanal

Voit zeichnet den Abend nach: Drei Freunde aus Sulzbach-Rosenberg wollen am 11. September 2020 mit einer Bekannten aus Weiden einen drauf machen. Die Drei kennen sich bestens, waren mehrmals miteinander im Kroatienurlaub. Bier, Wein, Wodka fließen. Am meisten trinkt Moritz G. "Fakt ist, dass er fix und fertig war, als man die Shisha-Bar verließ." Die Freunde müssen ihm die Treppe hinauf und aus dem Lokal helfen. Damit übernahmen sie eine Garantenstellung. Wer einen derart Betrunkenen aus dem öffentlichen Raum weg bringt, müsse das auch zu Ende bringen. "Hätten sie ihn in der Bar sitzen lassen, dann wäre er noch am Leben", sagt Voit.

Dann die Videos. Das Gericht hat sie mehrere Male abspielen lassen. "Er liegt da, hilflos wie ein kleines Kind", beschreibt der Staatsanwalt. Zwei Mal spricht der betrunkene Moritz G. die Angeklagte direkt an: "Mir geht's nicht gut, mir geht's nicht gut." Er liegt wimmernd im Ufergras. Sie filmt weiter. Voit redet sich in Rage. "Man lacht. Sie filmt. Es wird nichts gemacht. Kein Griff. Kein Runterbeugen, ein paar beruhigende Worte." Im Gegenteil: Als sich Moritz G. aufrappeln will, filmt die Angeklagte wieder. Auch als er dabei ins Wasser fällt - erst dann bricht das Handyvideo ab.

Nur eine Erklärung möglich

Für den Oberstaatsanwalt gibt es dafür nur eine Erklärung: "Weil sie jetzt weiß: Oh Scheiße, der rührt sich ja nicht, es wird ernst." Von wegen, der später Ertrunkene sei aus Spaß Bahnen geschwommen. "Sie wäre doch die letzte gewesen, die das nicht gefilmt und gepostet hätte." Voit ist überzeugt: Moritz G. sei unmittelbar in wenigen Minuten ertrunken. Ohne Schwimmbewegungen: "Aufrichten. Reinfallen. Weg." Seine Leiche wird nahe der Sturzstelle gefunden. "Wie soll das gewesen sein? Er sagt sich: Jetzt bin ich genug hin und her geschwommen und jetzt schwimme ich zur Stelle zurück, wo ich reingefallen bin und dort sterbe ich dann?"

Das Motiv für das Unterlassen von Hilfe? Der "beste Freund" des Verstorbenen hatte an diesem Abend nur Sex im Kopf, ist Voit überzeugt. Um 22.28 Uhr fällt Moritz G. ins Wasser. Um 22.45 verlässt der Wagen mit den drei Freunden das Parkhaus. Der Fahrer wirft die beiden anderen an der Wohnung der Weidenerin aus dem Auto. Die will ihn gar nicht einlassen. Eine Stunde lang schreibt er ihr per Whats-App. Kostprobe: "Denke die ganze Zeit an Sex mit Dir." Am Ende lässt er sich von einem Kumpel aus Sulzbach-Rosenberg abholen.

Für Voit gibt es noch einen Beleg, dass die Angeklagten sehr wohl wussten, dass ihr Freund womöglich ertrunken war. Untereinander schreiben sich die Drei munter hin und her. "Aber kein einziger hat, keiner einziger Anrufversuch geht an den Geschädigten. Weil sie wussten, dass es sinnlos gewesen wäre." Fassungslos mache ihn das Verhalten der Angeklagten vor Gericht. "Ich sehe nicht irgendeine Reue, irgendeine Einsicht."

Als Verhandlungstage sind der 5., 13., 18. und 20. August angesetzt. Beweisanträge sind noch möglich.

Nerven liegen blank

Schon den ganzen Freitag über lagen die Nerven blank. Das Gericht wurde torpediert von einer Flut an neuen Beweisanträgen. Auf der Wunschliste der Verteidiger: Ein Ortstermin bei Nacht. Ein Schallgutachten, wie weit Hilferufe zu hören sind. Ein biomechanisches Gutachten, ob die Frau den Mann hätte festhalten können. Und und und.

Oberstaatsanwalt Bernhard Voit geht gegen 14 Uhr der Gaul durch. „Die Angeklagte kann stundenlang in einer Bar sitzen, sie kann eine Weinflasche halten. Aber ihn kann sie nicht halten. Und rufen kann sie auch nicht“, empört sich der Anklagevertreter: „Ich frage mich, warum sie nicht schon lange in Irchenrieth ist.“ Daraufhin wird der Vater der Angeklagten laut. Die Mutter weist schreiend auf den angeborenen Wirbelsäulendefekt der Tochter hin. Sie verlassen den Saal und kommen damit einem Einsatz der Wachtmeister zuvor. Am Ende bricht die 22-jährige Angeklagte in Tränen aus. Verhandlungsunterbrechung.

Der zwölfte Tag im Prozess um den Ertrinkungstod des 21-jährigen Moritz G. geht an die Nerven. Zack, zack, zack. Das Schwurgericht am Landgericht Weiden lehnt am Freitagvormittag über 15 Beweisanträge ab, die sich im Lauf der letzten Wochen angesammelt haben. Im 15-Minuten-Takt. Es wird kein IT-Gutachten geben, das den Schrittzähler der Angeklagten auswertet. Begründung: Das Armband speichere keine Geo-Daten, allein die Zahl der Schritte beweise nicht die angebliche Suche nach dem verschwundenen Kumpel.

Verteidiger fordert weiteren Rechtsmediziner

Das Gericht will auch den Bruder der Angeklagten nicht als Zeugen hören, der sich selbst kürzlich in den Flutkanal fallen ließ und dabei mit den Füßen aufkam.

Ein besonderes Anliegen wäre Anwalt Tim Fischer ein weiterer Rechtsmediziner. Dr. Norbert Beck sei angesichts des Obduktionsberichts zu einem ganz anderen Schluss als der vom Gericht beauftragte Rechtsmediziner Dr. Peter Betz gekommen. Fischer kündigt an, dass Beck notfalls per Selbstladung vor das Gericht treten wird. Er schließt ein regloses Untertauchen, wie von Betz angenommen aus. Die Schaumbildung und der Mageninhalt zeigten vielmehr, dass der Ertrunkene noch mehrmals auf- und untergetaucht sein muss.

Abgelehnt wird auch der Wunsch nach einem Experten für Biomechanik. Damit will Anwalt Dr. Burkhard Schulze beweisen, dass die zierliche 21-Jährige körperlich gar nicht in der Lage gewesen wäre, einen Mann aus dem Wasser zu ziehen. „Bedeutungslos“, meinen die Richter: Es hätte andere Rettungsmöglichkeiten gegeben. Schon als Moritz G. im Ufergras lag, hätte sie um Hilfe rufen können oder ihn einfach festhalten können, damit er erst gar nicht reinfiel..

Schulze wertet diese Ablehnung dennoch als Erfolg der Verteidigung: Das Gericht ziehe die Handlungspflicht zeitlich vor; damit sei aus seiner Sicht der Tötungsvorsatz vom Tisch. Er hält sogar eine Bewährungsstrafe für möglich, etwa bei einer Verurteilung auf einen minder schweren Fall von Aussetzung mit Todesfolge.

Vorherige Prozesstage:

Weiden in der Oberpfalz
Weiden in der Oberpfalz
Weiden in der Oberpfalz

Verteidiger Tobias Konze und Nebenklagevertreter Rouven Colbatz

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.