22.06.2021 - 18:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Anwälte schießen sich auf Richter ein

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Polizistentag im Flutkanal-Prozess: Neun Beamte, vom Kriminalkommissar bis zur Anwärterin, treten im Schwurgericht Weiden in den Zeugenstand. Doch zuerst versuchen Anwälte erneut, einen Richter aus dem Verfahren zu kegeln.

Die Angeklagten und ihre Richter. Während die beiden Herren im weißen Hemd und die junge Frau selbst nichts sagen, bringen ihre Verteidiger Anträge gegen Richter und Staatsanwaltschaft ein.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Der fünfte Tag der Hauptverhandlung um den Ertrinkungstod des 22-jährigen Moritz G. aus Sulzbach-Rosenberg beginnt im Landgericht Weiden mit einer Provokation. Im Namen seines Mandaten Gerhard Z. (Name geändert) beantragt Rechtsanwalt André Miegel, den beisitzenden Richter Matthias Bauer vom Verfahren wegen Befangenheit auszuschließen. Grund: Während der Befragung einer Zeugin habe Bauer am Vortag einmal auf sein Handy geblickt und dem Prozess nicht die volle Aufmerksamkeit gewidmet.

Auf diesen Zug springen Jan Bockemühl und Florian Münch für ihre Mandanten Ariane I. und Alex B. (Namen geändert) auf. Sie verlangen eine "dienstliche Erklärung", nicht allein vom Vorsitzenden Gerhard Heindl, sondern vom gesamten Gericht. Später gibt Heindl bekannt, dass sich in dieser Sache dazu auch der bislang unbeteiligte Richter Thomas Hys äußern wird.

Im Fokus: Handy und Interview

Auf Bauer hat sich besonders der Duisburger Miegel eingeschossen. Am Montag warf er ihm Befangenheit vor, weil er in einem OTV-Interview vom "Ermordeten" gesprochen hat, was er aber umgehend korrigierte. Später fragte Bauer den Vater des toten Moritz G., ob sich die Angeklagten schon entschuldigt hätten. Daraus versuchte Miegel den zweiten Befangenheits-Strick zu drehen. Am Dienstag legt er in Sachen Handy nach.

Staatsanwalt Bernhard Voit springt dem Richter zur Seite. Laut Strafprozessordnung sei die Frage nach der Entschuldigung sehr wohl begründbar. Bis Donnerstag, 24. Juni, fällt eine Entscheidung. Bis dahin ist Matthias Bauer auf jeden Fall mit von der Partie.

Geladen sind am Dienstag neun Zeugen, allesamt im Polizeidienst. Geklärt werden vor allem technische Fragen. Dabei zeichnet sich ab, dass die Unglücksstelle, an der Moritz G. am 11. September 2020 hilflos in den Flutkanal gestürzt ist, fast identisch ist mit der Fundstelle am nächsten Tag. Sie liegt 51,7 oder 58 Meter nördlich von der Brücke an der Friedrich-Ebert-Straße entfernt. Einzelheiten tauchen auf. Die Außentemperatur lag etwa bei 20 Grad, die Wassertemperatur bei 15 Grad, die Fließgeschwindigkeit bei etwa einem Meter pro Sekunde.

Interessanter sind andere Details. Ein Beamter, der die Obduktion des Leichnams in Erlangen begleitet hat, beschreibt eine leichte Halsverletzung. Die Ursache: Alex B., der als Fahrer, die beiden anderen jungen Männer aus Sulzbach zur Zechtour mit ihrer Freundin Ariane nach Weiden gefahren hat, hat Moritz G. kurz nach dem Verlassen der Shisha-Bar am Schlörplatz am Hals zu Boden gedrückt. Zuvor soll Moritz im Vollrausch auf Alex losgegangen sein und geschrien haben: "Ich hab dich doch auch immer mitgenommen."

Wollte Alex den Volltrunkenen nicht mehr im Auto haben? Gab es Streit um die Übernahme der Zeche in der Bar? Sie beläuft sich auf 77 Euro. Das Quartett hatte aber nur 70 Euro dabei und wollte am nächsten Tag die Restschuld begleichen.

Aufhorchen lässt auch das Verhalten von Gerhard Z., dem vermeintlich besten Freund von Moritz. Als er die Vermisstenanzeige aufgibt, zeigt er in der Polizeiinspektion Weiden ein Handyvideo vom Unglücksabend. Er habe aber absolut keine Ahnung, wie das auf sein Gerät komme, er sei einfach viel zu betrunken gewesen.

Lieber keinen Notarzt

Details aus den Vernehmungen des Trios ergeben Belastendes. So soll Alex B. den anderen beiden nach dem Sturz von Moritz vorgeschlagen haben, einen Notarzt zu rufen. Ariane und Gerhard hätten aber abgelehnt. Sie wollten Moritz lieber selber im Kanal suchen, sind aber kurz danach nach Hause.

Ariane habe gesagt, dass Alex doch hätte helfen können. Der sei nüchtern gewesen. Alex stand am Radweg neben dem Flutkanal, die anderen beiden unten an der Böschung bei Moritz. Alex hat jedoch eine Schulterverletzung, die er sich wenige Wochen vorher zugezogen hat, als er angeblich eine Rangelei vor einer Shisha-Bar in Amberg habe schlichten wollen.

Wer wo stand, wo die Leiche gefunden, geborgen und abgelegt wurde, soll möglicherweise ein Ortstermin klären. Die Richter sehen es ähnlich, wie Anwalt Münch: "Wann haben wir schon mal den seltenen Fall, dass Gerichtsort und Tatort nur fünf Minuten voneinander entfernt liegen?"

Hintergründe zum Flutkanal-Prozess in Weiden

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Der bisherige Prozessverlauf

  • Erster von elf Verhandlungstagen: Zwei junge Männer aus Sulzbach-Rosenberg und eine junge Frau aus Weiden sind wegen Totschlags angeklagt. Sie sollen ihren Freund Moritz G. nach einer Zechtour nicht vor dem Ertrinken im Weidener Flutkanal gerettet haben. Sie schweigen. Zwei Handyvideos vom Unglück, gedreht unmittelbar vor Moritz' Tod, werden gezeigt.
  • Zweiter Tag: Gutachter treten auf. Der Gerichtsmediziner bescheinigt, dass Moritz in seinem Rauschzustand nicht mehr in der Lage war, zu schwimmen. Ein Toxikologe erklärt die Wirkung eines Cannabimimetikums, das in Moritz' Körper gefunden wurde.
  • Dritter Tag: Zeugen, die nahe der Unglücksstelle vorbeikamen, berichten, dass sie von der Dramatik in ihrer Nähe nichts richtig mitbekommen hätten.
  • Vierter Tag: Der Vater und die Freundin des Toten sagen aus. Die Anwälte der Angeklagten stellen die ersten Befangenheitsanträge gegen Richter Thomas Bauer und Staatsanwalt Bernhard Voit. (phs)

 

 

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