19.06.2020 - 14:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Familie aus Weiden sitzt seit März in Aserbaidschan fest

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Am 6. März reist Familie Aghadadashov nach Aserbaidschan, um neue Pässe zu beantragen, am 4. April will sie zurückfliegen. Doch Corona legt diese Pläne auf Eis. Die Familie sitzt immer noch in einer Stadt in der Nähe von Baku fest.

Familie Aghadadashov lebt seit 2001 in Weiden. Am 6. März machte sie sich auf, um neue Pässe zu beantragen. Doch von dieser Reise sollte sie so schnell nicht zurückkehren. Samira (rechts), ihr Bruder Murad (links) und die Eltern sitzen bis heute in Aserbaidschan fest. Das Familienfoto entstand 2019 bei einem Ausflug nach Bamberg.
von Michaela Lowak Kontakt Profil

"Es ist ganz ganz schlimm, was momentan hier mit uns passiert", erzählt die 30-jährige Samira Aghadadashova am Telefon. "Wir sitzen hier und müssen die Zeit totschlagen." Seit 6. März ist sie zusammen mit ihrem 29-jährigen Bruder Murad und ihren Eltern in Aserbaidschan. Um die notwendigen Dokumente zu beantragen und abzuholen, die die Familie für ihre Aufenthaltserlaubnis in Deutschland braucht, war es notwendig, dass alle Vier persönlich nach Aserbaidschan reisten. Die Aghadadashovs leben seit 2001 in Weiden, sind komplett integriert und gehen ihrer Arbeit nach. Samira hat an der OTH studiert, Murad arbeitet bei Mitras, die Mutter in der Altenpflege und der Vater in der Elektrobranche.

Die Einschränkungen, die die Coronakrise in den vergangenen Monaten mit sich brachte, hat die Familie besonders hart getroffen. Für die in Deutschland lebenden Ausländer scheint sich niemand zuständig zu fühlen. "Wir haben uns zwar für das Rückholprogramm angemeldet, doch das war nur für deutsche Staatsbürger gedacht. Und außerdem stand Aserbaidschan gar nicht auf der Liste", klagt die 30-Jährige. Seit Wochen versucht sie, abwechselnd bei der Deutschen Botschaft in Baku oder den aserbaidschanischen Behörden vorzusprechen. Doch vergeblich: Weder die einen noch die anderen fühlen sich zuständig. Das ständige Hin und Her zwischen den Mühlen der Bürokratie macht sie fertig.

Hinzu kommen außerdem noch die strengen Ausgangsbeschränkungen, die am Wochenende gelten. "Wer beispielsweise für zwei Stunden vor die Tür will, muss das per SMS beantragen", berichtet Samira. Die Erlaubnis kommt dann ebenfalls aufs Handy. Das macht das Zusammenleben in der Stadt auf engem Wohnraum nicht einfacher. Zurzeit ist Samira Aghadadashova bei einer Tante auf dem Land untergekommen.

Zur Vorgeschichte

"Das Dorf liegt zwar am Meer und es ist schön hier, aber ich vermisse Weiden", seufzt die junge Frau und hofft in den nächsten Tagen endlich für sie und ihre Familie einen Rückflug organisieren zu können. "Wir haben unser Leben, unsere Arbeit in Deutschland." Die Miete für die Wohnung in Weiden läuft weiter. "Ein Bekannter schaut ab und zu vorbei, um die Pflanzen zu gießen. Unser Kater ist ebenfalls bei einem Bekannten untergebracht." Die Arbeitgeber sind zwar informiert, aber der 29-Jährigen ist klar, dass dies auf Dauer nicht so weitergehen kann. "Mein Vater ist in Kurzarbeit, meine Mutter hat jetzt unbezahlten Urlaub genommen."

Per Whatsapp leitet Samira den kompletten Schriftverkehr an die Redaktion weiter, den sie bislang mit dem Auswärtigem Amt und der Deutschen Botschaft in Baku geführt hat. Aus den Unterlagen geht zwar hervor, dass sich sämtliche Stellen bemühen, doch letztendlich keine Lösung anbieten können. Immer wieder sind Termine für mögliche Flüge im Gespräche gewesen und wieder geplatzt. "Mal hieß es 27. April, dann 11. und 19. Mai."

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Etwas Hoffnung schöpft die junge Frau, als sie auf eine Facebookgruppe stößt, in der sich 133 Aserbaidschaner zusammengeschlossen haben, denen es ähnlich geht. "Hier wurde schon überlegt, selbst ein Flugzeug für die gesamte Gruppe zu chartern", erzählt Samira, die Deutsch besser beherrscht als ihre Muttersprache. "Ich kann mich zwar verständigen, aber nicht ganz so gut", gibt sie zu. Sie und ihre Angehörigen hoffen nun, dass sie am 26. Juni mit der lettischen Fluggesellschaft Air Baltic von Baku bis Riga fliegen können. "Von dort soll es dann Weiterflugmöglichkeiten in verschiedene deutschen Städte geben", berichtet die junge Frau.

Kommentar:

Zwischen Hoffen und Verzweifeln

Als Familie Aghadadashov am 6. März in den Flieger nach Aserbaidschan stieg, konnte noch niemand ahnen, dass sich das Coronavirus derart massiv über den gesamten Erdball verteilen würde. Natürlich war Corona zur dieser Zeit auch bei uns schon ein Thema, doch wir stellten Anfang März noch Spekulationen an, ob wir Händeschütteln sollen oder nicht. Zwei Wochen später hatte sich die Lage schon deutlich verschärft. Die Entwicklungen haben die Aghadadashovs genauso überrollt wie alle anderen, nur das die meisten von uns einfach zu Hause abwarten konnten. Der Flug nach Aserbaidschan sollte für Samira und ihre Angehörigen ein erfolgreicher Abschluss in einem fast 20-jährigen Asylhickhack sein, denn mit den neuen Pässen, die sie nur in Baku persönlich beantragen und abholen konnten, wäre dieses Kapitel ein für alle Mal abgeschlossen. Die Ausweisdokumente hat die Familie nun erhalten, und aus Sicht sämtlicher Behörden steht dem Leben und Arbeiten in Weiden nichts mehr entgegen. Nun kann man den Aghadadashovs nur noch die Daumen drücken und hoffen, dass sich schnellstmöglich ein Flug findet, der die Wahl-Weidener dahin zurückbringt, wo sich seit fast 20 Jahren ihr Leben befindet.

Michaela Lowak

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