07.04.2020 - 12:05 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Erziehungsberatungsstelle Weiden: Manche Scheidungseltern nutzen Corona-Krise für ihre Zwecke

Vermehrte Fälle von häuslicher Gewalt hat Gunter Hannig bisher nicht festgestellt. "Das kann noch kommen." Was den Leiter der Erziehungsberatungsstelle aber ärgert: "Manche Scheidungseltern nutzen die Corona-Krise für ihre Zwecke."

Lernen Zuhause ohne festen Stundenplan ist für viele Kinder gar nicht so einfach. Die Eltern sollten hier feste Zeiten vorgeben, rät Gunter Hannig von der Erziehungsberatungsstelle, ihren Nachwuchs aber nicht mit Unterrichtsstoff überfrachten.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Vor allem bei sogenannten Trennungs- oder Scheidungsfamilien, in denen es vor der Corona-Krise schon nicht rund lief, sei das Konfliktpotenzial gestiegen, so die Beobachtung des Diplom-Psychologen. Was er geradezu tragisch findet: "Einige Elternteile nutzen die aktuelle Situation, um das Umgangs- oder Sorgerecht einzuschränken. Sie lassen die Kinder nicht mehr zu dem anderen Elternteil zum Beispiel mit der Begründung, man weiß ja nicht, welche Kontakte der geschiedene Partner hat. Also sei das für den Nachwuchs zu gefährlich." Die Leidtragenden seien letztlich die Kinder. Dabei gelten die vom Familiengericht getroffenen Vereinbarungen, was Sorge- und Umgangsrecht betrifft, unverändert weiter, betont Hannig. "Nur wenn das Gesundheitsamt für die Familie Quarantäne angeordnet hat, wird die Vereinbarung außer Kraft gesetzt."

Er hätte eigentlich erwartet, dass die Eltern hier besonnener reagieren, kritisiert der Psychologe. "Die Kinder verstehen das nicht." Sie möchten weiterhin zu dem getrennt lebenden Elternteil Kontakt haben. Es sei schimm genug, dass sie Oma und Opa wegen der Corona-Gefahr nicht sehen dürften. Darunter würden viele Kinder leiden. Hannig kennt auch Fälle, in denen Buben und Mädchen um ihre Großeltern bangen müssen, weil diese schwer erkrankt sind oder die Kinder sind verunsichert, weil ein Elternteil auf Covid-19 getestet wurde und das Ergebnis noch nicht vorliegt. Die Fachkräfte der Beratungsstelle bieten ihre Unterstützung an, falls Eltern sich mit der Situation überfordert fühlen.

Seit drei Wochen, genauer gesagt seit 16. März, beraten die Experten die Klienten per Telefon. Genauso lange sind die Schüler jetzt Zuhause. Dabei zeigt sich laut Hannig: "In der dritten Woche wird die Situation schwieriger. Die Kinder sind ungehaltener, die Eltern gestresster." In den ersten beiden Wochen dagegen seien die Familien noch sehr stark damit befasst gewesen, ihren Alltag neu zu regeln. Bewährt habe sich ein strukturierter Vormittag: Aufstehen, frühstücken, feste Lernzeiten. Am Nachmittag sollten Spiele oder andere Gemeinschaftsaktionen auf dem Plan stehen.

Der Psychologe hält nichts davon, den Vormittag mit Unterrichtsstoff zu überfrachten. Im Gegenteil. Seine Devise lautet: Weniger ist mehr. Sprich: "Zwei Mal 45 Minuten Lernstoff reichen für einen 12- bis 13-Jährigen vollkommen aus." In der ersten Woche Heimunterricht hätten manche Lehrkräfte ihre Schüler mit Lernstoff geradezu bombardiert. Dabei habe sich gezeigt, dass es vielen Kindern schwer falle, sich einen Wochenstoff selbst einzuteilen. "Kleine Einheiten sind besser. Ein großer Berg von Aufgaben führt eher zu Motivationsproblemen." Hannig und seine Kollegen wollen hier den Druck rausnehmen, raten immer wieder zu Geduld - bei Groß und Klein.

Rund 140 Fälle betreuen die Mitarbeiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern derzeit. Jede Therapie lässt sich per Telefon zwar nicht lückenlos fortsetzen. "Zum Beispiel die personenzentrierte Spieltherapie mit Kindern", erklärt Hannig. "Da halten unsere Mitarbeiter derzeit durch regelmäßige Anrufe Kontakt, damit die Beziehung nicht abbricht." Insgesamt aber sei die Umstellung auf Telefonberatung "sehr gut gelungen". Dabei seien die Ansprüche unterschiedlich: Einige Familien wünschen sich jede Woche eine Beratung, anderen genügt ein Gespräch alle zwei Wochen.

Vermehrte Neuanmeldungen gab es seit der schulfreien Zeit nicht. "Die Familien hatten erst mal mit sich zu tun, mussten sich neu strukturieren." Der Nachmittag sollte der Freizeit vorbehalten bleiben. "Ich empfehle extra Spielzeiten, zum Beispiel bei einem gemeinsamen Brettspiel oder auch, mit den Kindern spazieren zu gehen. Das ist ja erlaubt."

Vor allem bei den 10- bis 17-jährigen Jungs, die erfahrungsgemäß weniger Kontakt zu Peergroups pflegten, sollten die Eltern darauf achten, dass diese mit Gleichaltrigen in Verbindung bleiben. Sie könnten ihre Freunde im Moment zwar nicht real treffen, im Verein oder im Jugendzentrum. "Sie können aber über die neuen Medien kommunizieren." Der Austausch mit anderen per Telefon, Computer oder Whats App ist wichtig, betont der Psychologe. Nicht das einsame Spiel an der Playstation.

"Jugendliche sind nicht so hartgesotten, wie viele glauben." Auch ihnen gehe die Unsicherheit in Zeiten von Corona nahe. Darüber sollten die Eltern mit ihrem Nachwuchs offen reden. Bei kleineren Kindern, die das Geschehen noch nicht so begreifen könnten und beispielsweise um Oma oder Opa bangen müssten, rät der Psychologe zu Ritualen, wie gemeinsam zu beten oder ein Bild zu malen für Oma oder Opa. "Den Familien wird zur Zeit viel abverlangt", weiß Hannig. Sein Rat: "Das Wichtigste ist im Moment Geduld. Innehalten, Tempo rausnehmen und dafür sorgen, dass die Kinder möglichst entspannt einen gewissen Unterrichtsstoff lernen können."

Diplom-Psychologe Gunter Hannig und sein Team von der Erziehungsberatungsstelle beraten Eltern und Jugendliche aktuell per Telefon und Mail.
Erziehungsberatung per Telefon und Mail:

Warteliste jetzt abgebaut

Die Corona-Krise hat offenbar auch positive Folgen. "Wir hatten eine kurze Warteliste. Die haben wir jetzt abgebaut", verkündet Gunter Hannig. Möglich gewesen sei das, weil in Zeiten, in denen der persönliche Kontakt untersagt ist, auch Fortbildungsmaßnahmen oder die Teilnahme an der Sitzung des Jugendhilfeausschusses entfallen. Diese Zeit hätten die Mitarbeiter nun in die Beratung investiert.

Denn per Telefon oder Mail laufen die Sprechstunden weiter. "Für die Beratung per Mail wurde eigens eine Sonderregelung eingeführt, weil das sonst nicht erlaubt ist." Für besonders sensible Klienten, die eine starke Nähe benötigen, wird sogar eine Beratung per Skype angeboten. Dafür muss aus Datenschutzgründen aber vorher ein Formular ausgefüllt werden.

Die Beratungsstelle ist unter der Telefonnummer 0961/3917400 oder per E-Mail (sekretariat[at]beratungsstelle-weiden[dot]de) zu den Geschäftszeiten erreichbar: Montag bis Donnerstag 8.30 bis 12 Uhr und 13 bis 16.30 Uhr; Freitag von 8.30 bis 12 Uhr und von 13 bis 15 Uhr. Beibehalten wird außerdem die offene Jugendsprechstunde freitags von 13 bis 15 Uhr, in der sich Jugendliche ohne Voranmeldung - jetzt per Telefon - Rat holen können. Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern unter der Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg ist zuständig für den Raum Weiden-Neustadt/WN.

Einrichtungsleiter Gunter Hannig verweist außerdem auf die Homepage www.beratungsstelle-weiden.de, auf der sich wertvolle Tipps zum "Familienleben in Krisenzeiten" befinden sowie Ratschläge, wie Eltern ihre Kinder in Zeiten des Corona-Virus' zuhause beschäftigen können. "Am Wochenende, wenn wir nicht erreichbar sind, können Eltern und Jugendliche außerdem das Online-Angebot der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung nutzen." Zu finden im Internet unter www.bke.de

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