23.07.2020 - 10:27 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Erst Flucht, dann Schule in Rekordzeit: Nezamuddin Haydari kämpft sich durch

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Es ist bemerkenswert, was Nezamuddin Haydari geschafft hat. In nur fünf Jahren lernt der heute 21-jährige Afghane nicht nur drei fremde Sprachen, sondern auch zum ersten Mal Lesen und Schreiben. Jetzt hat er noch eine Hürde gemeistert.

Nezamuddin Haydari (rechts) darf von stellvertretendem Schulleiter Johannes Wagner das Abiturzeugnis entgegennehmen. Innerhalb von fünf Jahren hat der 21-jährige Afghane nicht nur Lesen und Schreiben gelernt, sondern auch die Abiprüfung am Kepler-Gymnasium in Weiden erfolgreich gemeistert. Auf seinem T-Shirt zeigt er: In ihm schlagen ein deutsches und ein afghanisches Herz.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Eine Schule hat Nezamuddin Haydari da, wo er herkommt, nie besucht. Der 21-jährige Afghane, der sich in Deutschland Karim nennt, konnte bis vor fünf Jahren nicht lesen, nicht schreiben. In seinem Heimatland Afghanistan und in der Türkei, wo er zunächst hin flüchtet, muss er schon als Kind unter widrigsten Bedingungen arbeiten. Er näht Kleidung im Akkord. Eine Schule wie das Kepler-Gymnasium in Weiden, wo er nun in Rekordzeit sein Abitur geschafft hat, ist da noch ein Fremdwort für ihn.

Mehrmals versucht er als Jugendlicher auch aus der Türkei zu fliehen. Einmal über Bulgarien, doch dort erwischt ihn die Polizei. Ein zweites Mal versucht er es mit Hilfe von Schleusern über das Mittelmeer in Richtung Italien. Doch auch dieser Versuch scheitert. „Nach ein paar Tagen ist unser Boot kaputt gegangen. Wir waren im Mittelmeer, ohne zu wissen, wo wir waren. Die Wellen haben uns aber wieder in Richtung Türkei geschoben“, erzählt er.

Doch er wünscht sich so sehr ein besseres Leben, dass er es nach den beiden gescheiterten Versuchen noch ein drittes Mal wagt. Nach 35 Tagen Flucht erneut über Bulgarien schafft er es endlich, nach Deutschland zu kommen. Dort versteht er schnell, was er tun muss, um bleiben zu können und nicht abgeschoben zu werden. Zunächst in Pirk, danach in Weiden geht er das erste Mal zur Schule – er will lernen.

Fünf Jahre lang holt er nach, was andere Jugendliche in seinem Alter in Deutschland schon von klein auf können: Lesen, Schreiben, Deutsch, Mathematik, Geografie. „Ich habe bei Null angefangen“, erinnert sich der 21-Jährige, der mittlerweile in Schirmitz lebt. Nachdem er seine Mittlere Reife in der Tasche hat, will er sich damit noch nicht zufrieden geben und wechselt auf das Kepler-Gymnasium in Weiden. Wegen seiner Entscheidung hört er auch viele kritische Stimmen, doch er lässt sich von dem Zweifel anderer nicht abbringen. „Ich wollte zeigen, dass Ausländer nicht nur für Bauarbeiter oder Straßenputzer geeignet sind. Ich habe gesagt, dass ich das schaffen werde.“ Am Kepler-Gymnasium lernt er neben Deutsch in kürzester Zeit auch noch Englisch und Spanisch. „Dort braucht man die drei Sprachen“, erklärt er. Täglich habe er zwölf Stunden gebüffelt, mit Nebenjobs verdient er sich ein wenig Geld dazu. Freizeit bleibt ihm kaum. Auch mit einem Abschiebebescheid muss sich der junge Mann herumschlagen. „Am Ende war ich schon mal verzweifelt, ob ich es schaffe, aber eigentlich habe ich es gewusst.“

Für die Anstrengung, die Nerven, manchmal auch den Frust hält er fünf Jahre nach seiner Flucht nun endlich die Belohnung in der Hand: sein Abiturzeugnis. Vor den Prüfungen sei er sehr aufgeregt gewesen, erzählt er. „Ich wusste, was das bedeutet, wenn ich es nicht schaffe.“ Die Deutsch-Prüfung fällt ihm am schwersten, im zweiten Anlauf schafft er aber auch die. In Geografie, eins seiner Lieblingsfächer, erreicht der 21-Jährige sogar 14 Punkte. „Jetzt bin ich stolz“, sagt er. Dass seine Familie bei der Abschlussfeier, die für ihn ein tolles Erlebnis war, nicht mit dabei sein konnte, macht Haydari traurig, doch Eltern und Geschwister seien zum Teil noch in der Türkei und in Afghanistan. „Jetzt kann ich meiner Familie helfen, ich schicke ab und zu Geld.“

Wie es für ihn nach dem Schulabschluss nun weitergeht, weiß Haydari noch nicht so recht. „Ich glaube, ich mache eine Pause, ich will den Kopf frei kriegen.“ In Frankreich, in der Schweiz und in Stuttgart plant er, Freunde zu besuchen, die mit ihm aus Afghanistan geflohen sind. Danach will er sich entweder auf ein Studium oder einen Job konzentrieren. „Etwas in Richtung Kommunikation wäre schön“, meint der 21-Jährige, der nach seiner Reise in Weiden und Umgebung bleiben möchte. Dort, wo er schon so viel erreicht hat.

Im Auto zum Abizeugnis

Weiden in der Oberpfalz

Kepler-Gymnasiasten lassen sich ungewöhnliche Abifeier einfallen

Weiden in der Oberpfalz
Die afghanische Flagge ziert die Motorhaube: Nezamuddin Haydari (Zweiter von rechts) ist stolz darauf, als Geflüchteter nun ein Teil der Abifeier des Kepler-Gymnasiums sein zu können.
Kepler-Gymnasium verabschiedet Schulabsolventen:

Abiturfeier im Autokino

Nezamuddin Haydari ist einer von 116 Abiturienten des Weidener Kepler-Gymnasiums, die in diesem Jahr ihr Abiturzeugnis auf ungewöhnliche Weise ausgehändigt bekamen. Die Schule feierte den Abschluss des Jahrgangs wegen der Coronakrise mit einem Autokino. Auf dem „Bergler-Rasthof“ in Windischeschenbach verteilten sich die Schüler mit ihren Autos und lauschten zunächst den Worten von Studiendirektor Johannes Wagner. Dann erhielten alle einzeln ihr Zeugnis.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.