13.11.2020 - 18:19 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Sie dürfen doch nicht: Vergeblicher Kraftakt der Fitnessstudios in Weiden

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Hü, Fitnessstudios dürfen wieder öffnen. Die Meldung bestimmt am Donnerstag die Corona-Lage. Hott, sie bleiben geschlossen, und Sporthallen gleich dazu, heißt es einen Tag später. Der Aufschrei lässt nicht lange auf sich warten.

Claudia Friese konnte sich nur ein paar Stunden freuen, dass sie ihr Fitnessstudio "Aerofit" wieder aufsperren darf. Die Enttäuschung, dass Kraft- und Aerobicraum weiter leer bleiben müssen, steht ihr ins Gesicht geschrieben.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

"Eine Katastrophe", stöhnt Claudia Friese. Am Freitagnachmittag hat sie Dutzende Telefonate enttäuschter Mitglieder, mehrere Stunden putzen und Weihnachtsdekoration hinter sich. Alles mehr oder minder vergeblich. Kaum hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof am Donnerstagvormittag grünes Licht gegeben, dass Fitnessstudios unter Auflagen ihren Betrieb aufnehmen dürfen, hat sich die Chefin des "Aerofit" in der Conrad-Röntgen-Straße ans Werk gemacht. Hier an der Hygiene nachjustiert, dort nochmal die Geräte überprüft, morgen kann es losgehen. Doch am späten Donnerstagabend lässt Ministerpräsident Markus Söder die Muskeln spielen. Nichts da, viel zu gefährlich. Und Breitensport in Hallen passt auch nicht in die Infektionslandschaft.

"Irgendwie haben wir den Braten gerochen, weil immer von Individualsport die Rede war", zügelt Claudia Friese ihren Frust. Auf ihr Handydisplay mag sie schon kaum mehr schauen. Viele Mitglieder schicken ihr die Titelseite des Neuen Tags vom Freitag mit der Fitnessstudio-Erlaubnismeldung. "Etliche haben gar nicht mitbekommen, dass das gleich wieder gekippt wurde, die sind dann richtig fertig, wenn ich das erkläre."

Doch das ist beileibe nicht Frieses Hauptproblem. "Seit die Corona-Ampel auf Dunkelrot steht, haben wir keinen einzigen Neuvertrag abgeschlossen." Dabei seien gerade Oktober und November "Peak-Saison", die Hauptumsatzzeit für Neukunden. Das bestätigt Stefan Schuster, Geschäftsführer des "Vitalis" im Stadtosten. "Die Leute haben kein Vertrauen mehr in langfristige Verträge." Das Jahresziel an Kunden werde er um zehn Prozent verfehlen. Dazu kommen finanzielle Kraftakte. Die Verluste hätten sich zwischen Donnerstag und Freitag um rund 3000 Euro erhöht, klagt Schuster: "Ich habe gleich Handwerker kommen lassen, um Trennwände zwischen den Geräten aufzustellen. Darauf bleibe ich jetzt sitzen." Doch rund 20Mitarbeiter müssten weiterbeschäftigt werden, denn zumindest die medizinische Trainingstherapie läuft im "Vitalis" ungebrochen.

Claudia Friese rechnet 2020 mit 20 bis 25 Prozent Verlust an Einnahmen und Mitgliedern. Die Weihnachtsdeko für ihr Studio macht sie am Freitagnachmittag trotzdem fertig. Irgendwas Schönes muss eben doch sein in diesen virenversechten Tagen.

Tennistrainer motiviert sich selbst

"Immer nach vorn schauen und positiv denken", empfiehlt auch Marcello Matteucci, Tennistrainer beim TC Rot-Grün. Einen Tag ohne Tennis kann er sich kaum vorstellen, nun bleiben ihm und seinen Schützlingen die Hallentüren verschlossen. "Ich glaube trotzdem an ein Happy End." Das hat damit zu tun, dass 2020 für den Verein hervorragend angefangen habe. "Seit Januar haben wir 76 Neumitglieder, so viele hatten wir noch nie in einem Jahr." Die Atmosphäre im Club passe, die Renovierung der Halle sei angedacht, doch nun ist an Hallensport erstmal gar nicht zu denken.

Das trifft rund 1500 der 2200 DJK-Mitglieder hart, ärgert sich Reinhold Wildenauer. So viele treiben beim größten Weidener Sportverein Hallensport. Vorsitzender Wildenauer hatte zwar damit gerechnet, dass nochmal strengere Auflagen kommen, einen Hallen-Lockdown hatte er indes nicht auf dem Schirm. "Wir halten uns doch schon jetzt an alle Vorgaben." Die lauten in städtischen Hallen zum Beispiel 10 Quadratmeter Platz pro Person minus 15 Prozent der Hallenfläche.

Psyche leidet an Bewegungsarmut

So könnten etwa in der Augustinus-Turnhalle 27 Menschen Gymnastik oder Yoga betreiben. "Wenn die Gruppen größer sind, sprechen sich die Mitglieder untereinander ab. Einmal setzt du aus, die nächste Woche bleibe ich daheim." Wildenauer sorgt sich weniger, dass ihm die Leute bei der Stange bleiben, sondern darum, dass die Zeit ohne Mannschafts- und Gruppensport ohne ihr Normalmaß an Bewegung leiden. "Den Leuten fehlt der Austausch, der Zusammenhalt." Ähnliches hat Claudia Friese beobachtet. "Das geht vielen auf die Psyche."

Die Volkshochschule versucht die Kunden ihrer rund 70 Gesundheits- und Bewegungskurse mit Online-Angeboten erst gar nicht in dieses Loch fallen zu lassen. Präsenzsport ist bei der VHS bereits seit Längerem ausgesetzt, vorerst bis Ende November. Sobald es möglich ist, wird die Kursdauer in den Januar hinein verlängert, erläutert Geschäftsführer Stefan Frischholz. Daher schlage der November-Lockdown für die VHS finanziell erstmal nicht ins Kontor. Im Gegenteil: Internet-Kurse wie Bodystyling oder Fatburner entwickeln sich derzeit zum Renner. Dabei macht eine Dozentin die Übungen im VHS-Zentrum "Balance" am Stockerhutweg vor, und die Teilnehmer eifern ihr am Laptop-Bildschirm im heimischen Wohnzimmer nach.

"Vitalis"-Chef Schuster kann seine Fitness-Familie einstweilen nur mit großzügigen Gutscheinregelungen bei Laune halten. Seine eigene belastet etwas, das sich anfühlt wie eine Hantel, die auf den Fuß fällt: "Ich rechne dieses Jahr mit sechsstelligen Einbußen."

Ein Kommentar zum Thema

Amberg
Hintergrund:

Sporthallen in Weiden

  • 16 städtische Turnhallen, davon eine Zweifachhalle (Mehrzweckhalle) und eine Dreifachhalle (Realschule)
  • 63 im Stadtverband für Leibesübungen organisierte Sportvereine, die die Hallen kostenlos nutzen
  • 3 Tennishallen: TC Postkeller, TC Grün-Rot und TSG Neunkirchen.
  • 5 Schulen, deren Turnhallen seit Freitag als Klassenzimmer oder für die Mittagsbetreuung genutzt werden. Hallen-Sportunterricht fällt daher aus. (phs)

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