25.07.2021 - 14:04 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Diversität bei Witt: "Wir brauchen keine Frauenquote"

Vielfalt ist ein wichtiges Thema in Unternehmen, spielt dort aber oft noch eine kleine Rolle. Bei der Witt-Gruppe ist das anders, wie Geschäftsführerin Stefanie Zühlke-Schmidt berichtet. Sie hat da schon andere Erfahrungen gemacht.

Klamotten nach den Farben des Regenbogens sortiert: Die Witt-Gruppe legt Wert auf Diversität.
von Julian Trager Kontakt Profil

Als Stefanie Zühlke-Schmidt vor 20 Jahren bei Neckermann durch die Tür in ein großes Besprechungszimmer trat, ging ein Raunen durch den Raum. Zühlke-Schmidt war damals der erste weibliche Direktor im Arcandor-Konzern, Direktorin sagte man zu der Zeit nicht. Die einzige Frau in der Führungsriege, neben ihr saßen 50 Männer in Anzügen. "Das war eine Sensation", erinnert sie sich heute ans Jahr 2001.

Acht Jahre später kam Zühlke-Schmidt zur Witt-Gruppe nach Weiden – als Geschäftsführerin im Bereich Einkauf. "Da gab es kein Raunen", sagt sie und lacht. Das gebe es dort auch heute nicht, wenn eine Frau Bereichsleiterin wird. "Das ist dann halt so, bei Witt sind sie es ja so gewohnt." Seit 25 Jahren gibt es in Weiden eine Frau in der Geschäftsführung. Das Oberpfälzer Textilhandelsunternehmen, das zur Otto-Group gehört, steht seit Jahren für Vielfalt oder für "Diversity" (Diversität), wie es heutzutage im Firmensprech heißt. Nur wurde in Weiden über das Thema lange nicht wirklich gesprochen – bis vor kurzem. "Wir wollen unsere Haltung sichtbar machen", sagt Daniel Fischer vom "Diversity"-Team der Witt-Gruppe. "Wir stehen tatsächlich dafür", sagt Zühlke-Schmidt.

Diversität – die Vielfalt der Menschen und Lebensformen – ist aktuell eines der wichtigsten Themen in Unternehmen. Vor allem jungen Menschen achten verstärkt auf die Haltung der Firmen in solchen Fragen. Zudem belegen Studien, dass Diversität auch ein Faktor für wirtschaftlichen Erfolg ist. Laut einer Analyse von McKinsey haben vielfältige Unternehmen eine um 25 Prozent größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Aber: Nur in 13,5 Prozent der Unternehmen in Deutschland spielt das Thema tatsächlich auch eine wichtige Rolle, behauptet eine Studie des Recruiting-Start-ups Truffls.

Frauen dominieren – nur in Führung nicht

Die Witt-Gruppe ist ein frauendominiertes Unternehmen, 75 Prozent sind Mitarbeiterinnen. "Allerdings kippt das etwas, wenn wir auf die erste Berichtsebene gehen", erklärt Zühlke-Schmidt, die einzige Frau in der vierköpfigen Geschäftsleitung. Auf Bereichsleiter-Ebene seien 30 Prozent Frauen, auf der darunter liegenden Abteilungsleiter-Ebene 50 Prozent. Aber: "Da haben wir ordentlich zugelegt." Vor 20 Jahren seien es auf diesen beiden Ebenen nur 20 und 36 Prozent gewesen.

Eine Frauenquote brauche das Unternehmen also nicht, findet Zühlke-Schmidt. "Wir haben ja schon ganz gute Zahlen." Mehr Frauen in die Führungsriege zu bringen, war vor Jahren aber schon ein Ziel, meint sie. "Es war nicht notwendig, dass mit einer Quote durchzuprügeln", sagt die Geschäftsführerin. "Letztendlich hilft eine Quote den Unternehmen, die es nicht gebacken kriegen." Bei Witt zähle ohnehin nur die Leistung, außerdem möchte man die Frauen auch nicht übervorteilen. Frauen sollten halt die gleichen Chancen haben wie Männer. Genau wie das gleiche Gehalt. "Da habe ich extra in der Personalabteilung nachgefragt, weil es mich selber auch interessiert hat", sagt sie zur Frage zum Gehalt. Die Antwort: "Eine ungleiche Bezahlung kann nicht festgestellt werden."

Auch neben der Geschlechteraufteilung achtet Witt auf Vielfalt. Auf verschiedene Herkunftsländer, sexuelle Orientierungen, Religionen. Das sei nur nicht so leicht dokumentierbar, sagt Daniel Fischer, der auch im Vorstand des Vereins Equality Oberpfalz sitzt und auf das LGBTIQ-Netzwerk "more*" innerhalb des Otto-Konzerns verweist.

"Wie ein indisches Gewürz"

"Wenn ich als Unternehmen erfolgreich sein will, muss ich die Gesellschaft im Unternehmen repräsentieren", erklärt Fischer. "Da muss ich eine offene Kultur leben." Das sei attraktiver, niemand müsse sich so verstecken oder verstellen und könne hundert Prozent geben. Davon profitierte auch das Unternehmen. "Ich sehe das wie ein indisches Gewürz", sagt Zühlke-Schmidt, "indem verschiedene Gewürze reinkommen, fängt es erst an zu schmecken."

Stefanie Zühlke-Schmidt arbeitet nun seit mehr als 20 Jahren fast nur mit männlichen Kollegen zusammen – Probleme hatte sie deswegen aber nie, erzählt sie. Aber: "Alle Männer wollten mir ein Problem aufreden, wie schlimm es doch sei, als einzige Frau." Sie selbst habe das aber nie so wahrgenommen, habe daraus nie etwas Großes gemacht. "Ich war da unempfindlich, bin da robust", sagt die Witt-Geschäftsführerin. "Ich war eher stolz, die erste Frau zu sein, die diesen Karrieresprung gemacht hat."

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Schwandorf
Stefanie Zühlke-Schmidt ist Geschäftsführerin Einkauf bei der Witt-Gruppe.
Daniel Fischer gehört zum "Diversity"-Team der Witt-Gruppe.
Auf einer Weltkarte sollten die Witt-Mitarbeiter am Tag der Vielfalt 2019 zeigen, wo sie ursprünglich herkommen oder wo sie ihre Wurzeln haben. "Am Ende hatten wir in fast jedem Land eine Pinnadel", sagt Daniel Fischer.
Hintergrund:

So divers ist die Witt-Gruppe

  • Generationen: 30 Prozent aus den Jahrgängen 1955–1965, 40 Prozent 1966–1980; 26 Prozent 1981–1995, 4 Prozent 1996–2010
  • Herkunft: 3500 Mitarbeiter stammen aus 47 Nationen
  • Religion: 56,3 Prozent sind römisch-katholisch, 15,2 Prozent evangelisch, weniger als 1 Prozent jüdisch, der Rest ist nicht erfasst
  • Inklusion: Mehr als 5 Prozent der Mitarbeiter sind schwerbehindert
  • Sexualität: Seit August 2019 gibt es im Otto-Konzern das Mitarbeiter-Netzwerk „more*“, das die LGBTIQ-Gemeinde in der Otto-Group vernetzt. Mehr als 300 Mitglieder sind aktuell dabei, auch welche aus der Witt-Gruppe.

 

 

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