17.04.2020 - 12:31 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bürgermeister statt Wirtschaftsförderer: Nicolas Lahovnik verlässt Weiden nach Wunsiedel

Zum 1. Mai wechselt der Leiter der Weidener Wirtschaftsförderung Nicolas Lahovnik als neuer Chef ins Rathaus von Wunsiedel. Vorher bilanziert er im Interview mit Oberpfalz-Medien und blickt voraus.

Nicolas Lahovnik gibt sich zuversichtlich, dass Weiden die wirtschaftlichen Folgen aus der Coronakrise bewältigen wird.
von Helmut KunzProfil

Im Interview erzählt er unter anderem, wie wichtig das Gewerbegebiet Weiden-West IV für die Stadtentwicklung ist und wie er auf die Corona-bedingte Beschneidung der Luisenburg-Festspiele reagiert.

ONETZ: Herr Lahovnik, Sie waren zwei Jahre lang Leiter der Abteilung Wirtschaftsförderung im Weidener Rathaus. Sie hatten ja bei Dienstantritt bestimmt gewisse Vorstellungen und Konzepte. Haben sich Ihre Wünsche erfüllt?

Nicolas Lahovnik: Was wir uns vorgenommen haben, sind wir angegangen. Bei Dienstantritt vor zwei Jahren war klar, dass es neben der kontinuierlichen und vertrauensvollen Begleitung und Betreuung der ortsansässigen Unternehmen, ein Kerngeschäft der Wirtschaftsförderung, zunächst folgende zwei Schwerpunkte in unserer Arbeit geben wird: Die frühzeitige Vermarktung von West IV, um bereits parallel zum Planungsprozess gut geeignete Unternehmen von außerhalb nach Weiden zu holen. Also einerseits die „große Wirtschaft“. Andererseits war auch klar, dass auch das Kümmern um unsere Innenstadt – unsere „kleine Wirtschaft“ – wichtiger werden wird. Der Erhalt einer lebenswerten Innenstadt ist schließlich nicht nur die Förderung des stationären Einzelhandels und der Gastronomie, sondern auch weicher Standortfaktor für die Ansiedlung größerer Betriebe von außerhalb. Das eine bedingt das andere. Nur wo Menschen gerne leben, dorthin ziehen auch Unternehmen, weil sie nur dort Arbeitskräfte finden. Wir sind deshalb einerseits frühzeitig in Gespräche mit namhaften Unternehmen und Projektentwicklern für Weiden-West IV gegangen, woraus sich vielversprechende Kontakte entwickelt haben, und haben gleichzeitig in sehr enger und guter Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing Weiden nach Lösungen gesucht, unsere Innenstadt weiter aufzuwerten. Aktuell läuft bekanntermaßen dazu eine Erhebung der Entwicklungspotenziale für die Innenstadt, gerade auch mit Blick auf Leerstände, von der wir uns Handlungsempfehlungen für die künftige Entwicklung erwarten.

ONETZ: Was hätten Sie gerne noch erledigt?

Nicolas Lahovnik: Sehr gerne hätte ich natürlich noch die ersten Unternehmensansiedlungen im neuen Gewerbegebiet West IV konkret betreut und die Umsetzung der Handlungsempfehlungen für die Innenstadt mit eingeleitet.

ONETZ: Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht Weiden-West IV für die wirtschaftliche Zukunft der Stadt?

Nicolas Lahovnik: Weiden-West IV ist der Garant für die Entwicklung der Stadt Weiden. Da sind sich übrigens die Experten aus Wirtschaft, Kammern, Gewerkschaften, Wissenschaft, Behörden und Politik einig. Wir benötigen dringend neue Arbeitsplätze. Zugleich müssen unsere örtlichen Betriebe räumliche Entwicklungsmöglichkeiten haben, sonst wandern sie ab. Auswärtige Unternehmen haben großes Interesse an einer Ansiedlung in Weiden, finden aktuell aber keine verfügbaren Gewerbeflächen mehr vor. Unternehmensansiedlung ist aber wichtig für die Zukunft der Stadt Weiden. Mit der Gewerbesteuer als wichtigste Einnahmequelle finanzieren wir schließlich unsere Straßen, unsere Spielplätze, unsere Kindergärten und unsere Schulen.

ONETZ: In welchen Bereichen und Branchen könnte noch weitere Wirtschaftskraft ausgeschöpft werden? Wo sehen Sie noch Potenzial?

Nicolas Lahovnik: Generell ist deutlich, dass Weiden stark dienstleistungsdominiert ist. Was wir für ein stabiles Wirtschaftsgefüge ergänzend bräuchten, wären einige weitere Produktionsbetriebe. Sowohl die dortigen Arbeitsplätze wären dringend vonnöten, als auch die entsprechende Wertschöpfung. Potenziale dafür bietet West IV.

ONETZ: Welche Tipps würden Sie Ihrem Nachfolger auf den Weg geben?

Nicolas Lahovnik: Das ist so gar nicht meine Art, altkluge Tipps zu geben. Jeder Wirtschaftsförderer entwickelt zwangsläufig seinen eigenen Stil und seine eigenen Schwerpunkte. Das hat auch damit zu tun, dass die Branche einfach sehr volatil ist und du in dem Job entsprechend flexibel auf teils unvorhergesehene Entwicklungen reagieren können musst. Wenn Sie unbedingt einen Tipp hören wollen, dann würde ich sagen: Beharrlichkeit, Netzwerk, Empathie. Beharrlichkeit braucht es zum Beispiel bei der Begleitung und Unterstützung für Projekte von Unternehmen, etwa wenn es darum geht, in einem Genehmigungsverfahren „dran zu bleiben“ und gemeinsam mit einer Genehmigungsbehörde Lösungen zu suchen, wie sich ein Vorhaben vielleicht doch noch umsetzen lässt. Mit dem Schlagwort „Netzwerk“ meine ich, dass du als Wirtschaftsförderer davon lebst, möglichst viele Leute zu kennen und gute Kontakte zu haben. Immer nah dran zu sein, zu hören, wo es hakt, und zu wissen, wer wo behilflich sein kann. In den ersten Wochen meiner Tätigkeit war ich deshalb hauptsächlich unterwegs, um entsprechende Kontakte aufzubauen. Und um zu wissen wo es hakt, dafür braucht es halt das dritte Schlagwort: Empathie. Sich in die Situation eines Unternehmers hineinfühlen zu können, zu verstehen versuchen, wie er denkt und was seine Sorgen sind..

ONETZ: Noch immer geschlossene Geschäfte, leere Straßen. Wie, glauben Sie, wird Weiden mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie klar kommen?

Nicolas Lahovnik: Wenn Gastronomen über Monate kein Tischgeschäft haben, Einzelhändler wochenlang keinen stationären Handel betreiben können, mittlere oder große Unternehmen über längere Strecken Kurzarbeit fahren müssen, dann hat das zwangsläufig erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auch auf die Stadt. Wir haben als Wirtschaftsförderung in den letzten Wochen unzählige Gespräche mit Unternehmern geführt und das Signal erhalten, dass die Soforthilfen des Freistaats in Verbindung mit den geltenden Kurzarbeitsregelungen, Steuererleichterungen und Überbrückungsdarlehen gut funktionierende Maßnahmen sind. Wer sich zudem die Konjunkturprognosen der Fachleute für die Zeit nach der Krise anschaut, wird zur Einsicht gelangen, dass es wieder deutlich bergauf gehen wird. Entsprechend bin ich der Überzeugung, dass wir auch in Weiden in der Summe die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bewältigen werden. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige Betriebe und damit auch die dortigen Arbeitsplätze derzeit am Rande der Existenz stehen. Entscheidend ist vor Ort deshalb, dass es möglichst nicht zu tragischen Einzelschicksalen kommt oder einzelne Wirtschaftszweige einbrechen. Inzwischen können ja zumindest die kleinen Geschäfte – wenn auch unter Einschränkungen – wieder öffnen. Das wird die Auswirkungen zumindest im Einzelhandel hoffentlich etwas abmildern. Aber ganz ehrlich: Auch wir Bürger selbst haben es jetzt in der Hand, wie es mit unserem inhabergeführten innerstädtischen Einzelhandel und auch mit der Gastronomie weitergeht. Wenn wir die schönen kleinen Läden und Lokale in der Altstadt und damit Leben in unserer „guten Stube“ auch in Zukunft haben wollen, dann gilt es jetzt mehr denn je, unsere kleinen Händler und Gastronomen zu unterstützen. Bei jedem (Online-)Einkauf sollten wir in uns gehen und uns fragen, ob es den Artikel nicht auch in einem unserer schönen Weidener Geschäfte gibt. Und wenn wir uns in normalen Zeiten gerne mal ein Essen im Wirtshaus gegönnt haben, sollten wir unsere Lieblingsgaststätte jetzt auch unterstützen, indem wir ihren Abhol- oder Lieferservice nutzen.

ONETZ: Sie werden zum 1. Mai Bürgermeister von Wunsiedel. Die Kreisstadt ist von der Einwohnerzahl her viermal kleiner als Weiden. Sie haben in der Oberpfalz ein Netzwerk geknüpft. Glauben Sie, dass sich Ihre Erkenntnisse, die Sie in den letzten beiden Jahren hier sammeln durften, auch in Oberfranken umsetzen lassen?

Nicolas Lahovnik: Ich blicke dankbar zurück auf zwei lehrreiche Jahre als Wirtschaftsförderer, die geprägt waren von unheimlich spannenden Entwicklungen, die ich miterleben durfte. Ich nenne nur beispielhaft die Fortschritte bei der Planung des Gewerbegebiets West IV, die Eröffnung des NOC, die angekündigte Verlagerung des Landesamts für Finanzen nach Weiden, die Untersuchung zur Entwicklung der Innenstadt... All das sind Themen, bei denen ich inhaltlich viele wichtige Erfahrungen mitnehme. Natürlich sind die Aufgaben in einer Kreisfreien Stadt der Größe Weidens teilweise etwas andere, als in einer knapp 10.000 Einwohner zählenden Kreisstadt. Aber viele Themen decken sich auch: Auch Wunsiedel ist, gemeinsam mit Marktredwitz, Oberzentrum, auch in der Wunsiedler Innenstadt ist Arbeit angesagt. Und: Wunsiedel kann mit den Luisenburg-Festspielen sowie mit einem Stadtwerkekonzern, der Spitzenreiter in erneuerbaren Energien ist, durchaus auch mit Leuchttürmen aufwarten. Allerdings habe ich auch in menschlicher und organisatorischer Hinsicht in Weiden viel gelernt. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, dass du als Wirtschaftsförderer immer ein offenes Ohr und die Rückendeckung der Stadtführung hast. In meinem Fall bin ich dafür allen voran Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und Finanzdezernentin Cornelia Taubmann sehr dankbar und werde mich sicher daran auch erinnern, wenn ich selbst als Bürgermeister Verantwortung trage. An dieser Stelle will ich aber auch mal die Gelegenheit nutzen, meinem tollen und engagierten Team in der Stabsstelle Wirtschaftsförderung sowie den Kollegen im gesamten Rathaus für die vertrauensvolle Zusammenarbeit zu danken!

ONETZ: Sie treten Ihr Amt in einer schwierigen Zeit an. Wunsiedel soll ja vom Coronavirus sehr stark betroffen sein. Und vieles bündelt sich im Rathaus. Wie werden Sie als Bürgermeister mit dieser schwierigen Situation umgehen?

Nicolas Lahovnik: Der Krisenstab im Wunsiedler Landratsamt und das Klinikum Fichtelgebirge machen, ähnlich wie der Katastrophenstab und das Klinikum in der Nordoberpfalz, einen hervorragenden Job. Wir sind ja als Nachbarn gemeinsam die am stärksten vom Virus betroffene Region in Bayern. Als kreisangehörige Kommune hat Wunsiedel im Katastrophenfall etwas andere Aufgaben, als die Kreisfreie Stadt Weiden. Wir sind weniger stark im offiziellen gesundheitlichen Krisenmanagement eingebunden, werden uns aber deutlich im wirtschaftlichen Bereich stark machen, uns also für unsere Gewerbebetrieben einsetzen und alles dafür tun, die wirtschaftlichen Folgen, unter anderem auch mit Blick auf Einschränkungen bei den diesjährigen Luisenburg-Festspielen, einzudämmen.

ONETZ: Wie schade finden Sie es, dass heuer wenigstens ein Großteil der Luisenburg-Festspiele nicht stattfinden kann? Wie stark wird sich dieser Ausfall auf den Fremdenverkehr auswirken?

Nicolas Lahovnik: Einschnitte bei den diesjährigen Festspielen wird es geben, darüber brauchen wir wohl nicht mehr diskutieren. Konkretes steht bislang – Stand 17. April, 10 Uhr – nicht fest. Wie groß die Einschnitte auch sein werden, bedeuten sie, je nach Intensität, natürlich nicht nur kulturell, regional wie überregional, einen herben Verlust, sondern schmerzen mich als „LuBu“-Fan auch ganz persönlich. Auch die finanziellen Auswirkungen werden, je nach Intensität der Einschnitte, enorm sein. Bei einem Totalausfall ist von einem Defizit in Höhe eines mittleren einstelligen Millionenbetrags auszugehen. Allein im ohnehin gebeutelten Wunsiedler Stadtsäckel. Von den Auswirkungen auf die Gastronomie und Hotellerie der gesamten Region bei sonst an die 150.000 Besuchern jährlich ganz zu schweigen. Fakt ist aber auch, dass der Gesundheitsschutz der Bevölkerung zu jedem Zeitpunkt Vorrang haben muss.

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