12.03.2020 - 11:16 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Brief aufgetaucht: Weidener Jüdin vor Nazis versteckt

Rosa Hoffmann, geborene Rebitzer, überlebte als einzige Weidener Jüdin den Zweiten Weltkrieg in der Stadt. Sie wurde zwei Jahre lang an wechselnden Orten versteckt. Bisher war nicht vollständig bekannt, wer alles half, ihr Leben zu retten.

Gejagte Fabrikantentochter: Rosa Hoffmann.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Historiker Dr. Sebastian Schott (Stadtarchiv Weiden) befasst sich schon seit geraumer Zeit mit dem Schicksal von Rosa Hoffmann. Jetzt hat ihm der Zufall zu einem bemerkenswerten Brief - und neuen Erkenntnissen - verholfen: Am 15. August 1945 hat Rosa Hoffmann an den Onkel in Portland (Amerika) geschrieben. Sie schildert ihre Erlebnisse in der NS-Zeit. Der Brief ist Teil einer Sammlung, archiviert im Leo Baeck Institute in New York. Auf die Sammlung machte Schott der Brite John Farnhill aufmerksam, der für die jüdische Gemeinde Südwales an einem Forschungsprojekt arbeitet.

Rosa, verheiratet mit dem evangelischen HNO-Arzt Dr. Friedrich Hoffmann, muss 1942 hilflos miterleben, wie ihre Eltern abtransportiert werden. Schuhfabrikant Gustav Rebitzer und seine Frau Ernestine werden nach Nürnberg gebracht, wo Juden in einem Altersheim für die Deportation in den Osten "gesammelt" werden. Die Mutter erliegt dort ihrem Herzleiden. "Vielleicht klingt es verbittert, aber es war das Beste", schreibt Rosa. Vater Gustav muss im September 1942 in den Zug ins KZ Theresienstadt steigen. "Wir sahen ihn noch ein letztes Mal. Es war bewundernswert, wie ruhig und resigniert Vater war." Gustav Rebitzer stirbt im März 1943. Auch ihr Onkel, ihre Tante Johanna Boscowitz, viele Freunde und Kolleginnen "sind in KZ in Polen getrieben worden", schreibt Rosa.

Weiden gilt als "judenfrei". Von den 1933 noch rund 170 Angehörigen der jüdischen Gemeinde ist kein einziger mehr da: Alle sind emigriert oder deportiert. Für Rosa wird es trotz "Mischehe" immer gefährlicher. Sie meldet sich in die Anonymität Berlins ab und arbeitet als private Krankenschwester in Wilmersdorf. Im Juni 1943 wird sie in Berlin von der Gestapo verhaftet, "Glücklicherweise war Friedrich in Berlin und konnte mich befreien, aber es war äußerst gefährlich."

Odyssee durch die ganze Stadt

Eines der Verstecke war im Engelmann-Haus am Unteren Markt (mit Turm, heute Wöhrl).

Der Mediziner holt seine Frau zurück nach Bayern und versteckt sie. Wie Rosa schreibt, kommt sie zunächst in Bamberg bei einem Universitätsfreund unter. Als ein anonymer Brief eingeht, beginnt die Odyssee durch wechselnde Verstecke. Ihr Mann findet einen Zufluchtsort in Weiden bei einem Arbeiter am Hammerweg, dessen Namen im Brief nicht genannt wird. Zeitweise lebt Rosa in Teublitz, "bei den Eltern von Fanny und Betty".

Über ein Jahr verbirgt sich die Jüdin im Bahnwärterhäuschen des Schlossers Nikolaus Rott, selbst verfolgter Sozialdemokrat, an der Regensburger Straße. Zwischendrin wohnt sie bei Bekannten (der Familie Schuller) am Unteren Markt 14, heute Wöhrl. Schullers stammen aus Waidhaus, Tochter Katharina heiratet später Rotts Sohn. Die letzten Kriegstage quartiert Friedrich seine Frau angesichts immer stärkerer Luftangriffe in der Haidmühle bei Altenstadt/WN ein. Die Müllner Anna und Josef Lindner bringen sie in einem verborgenen Hinterzimmer unter, bis im April 1945 endlich die Amerikaner anrollen.

"Dort war ich eine Woche, wenn meine Gefangenschaft zu einem guten Ende kam und die Weidener Einwohner mich mit Enthusiasmus begrüßten." Rosa Hoffmann, bei Kriegsende 47 Jahre alt, macht aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. "Jetzt haben sie nur Liebe für uns, zu spät für unsere armen Eltern."

Die Überlebende berichtet von der Einweihung der Synagoge im August 1945. "Die ist für die polnischen Juden, die seit ihrer Befreiung vom KZ Flossenbürg hier wohnen." Von der ehemaligen jüdischen Gemeinde ist nur Lothar Friedmann gekommen. Er hat das Konzentrationslager überlebt.

Rosa und Friedrich Hoffmann hoffen vergebens darauf, dass die Auswanderer ihrer Familien wieder kommen. Aber Bruder Herrmann bleibt in Portland, Cousine Sabine in Montreal. Auch Friedrich hat einige Zeilen unter den Brief gesetzt: "Ich hoffe, ihr könnt so bald wie möglich zurückkommen. Diese letzten Jahre hier zu leben waren kein Vergnügen. Ich bin ein alter Mann geworden. Friedl."

Am Ende scheitert die Ehe

Die Ehe zerbricht. Friedrich Hoffmann stirbt 1957 im Alter von 60 Jahren in Weiden. Die alleinstehende und kinderlose Rosa Hoffmann überlebt ihn um zehn Jahre. Ihr Todestag ist der 28. Januar 1967. Sie wurde 68 Jahre alt.

Hintergrund:

Die Gefahr unterschätzt

Die Sammlung aus dem New Yorker Archiv besteht aus Briefen der Familien Rebitzer und Boscowitz aus Weiden an den Onkel Anselm in Amerika (Portland). Die Familien betrieben in der Maxstraße gemeinsam die Schuhfabrik „Salix“ (Weide), heute Standort City-Center. Und sie waren verwandschaftlich verbandelt: Albert Boscowitz’ Schwester Ernestine war mit seinem Geschäftspartner Gustav Rebitzer verheiratet. Beide Paare hatten je eine Tochter.

Keiner der vier Eltern überlebte den Holocaust. Nur ihre Kinder: Rosa Rebitzer (später Hoffmann) und ihr Bruder Hermann, der nach Portland ausgewandert war, sowie Sabine Boscowitz, die ebenfalls rechtzeitig fortgeschickt wurde. Sie emigrierte nach England, dann nach Kanada.

Die Briefe zeigen, wie das heitere Familienleben zerbricht. In den 20ern schwärmen die Rebitzers von ihrer Tochter Sabine: „Sie ist ein wirklich reizendes Kind und sehr klug.“ Die 20 Jahre ältere Cousine Rosa schreibt dem Onkel schon selbst: Sie dankt für die Dollars zur Unterstützung ihrer Aussteuer. 1924 wird Anselm über ihre Verlobung mit dem evangelischen Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Friedrich Hoffmann unterrichtet. Begeistert sind die Eltern nicht, wie Rosas Vater Gustav ehrlich zugibt: „Anfangs haben wir nicht zugestimmt, aber am Ende ist das Wichtigste im Leben der Charakter eines jungen Mannes und nicht seine Konfession.“ Die Mutter findet später wohlmeinende Worte: „Unsere liebe Rosi und Friedrich sind recht glücklich zusammen. Friedrich hat schon eine ganz nette Praxis, Rosi macht seine Assistentin und stellt sich ganz geschickt an.“

Anfang der 30er ändert sich das Klima rapide. Albert Boscowitz berichtet 1931 von zunehmenden Antisemitismus. „Je schlechter es den Leuten geht, desto radikaler fallen die Wahlen aus und das Hakenkreuz (das Zeichen der Judenfeinde) ist jetzt Mode.“ Der Fabrikant hofft auf bessere Tage: „Überall in der Welt ist es für Juden besser als bei uns hier. Hoffentlich kommen auch wieder andere Zeiten.“

Die anderen Zeiten – sie kommen nicht. Sabines Vater Albert Boscowitz stirbt schon 1938 in München (Ursache unbekannt), ihre Mutter Johanna gilt als verschollen im polnischen Durchgangsghetto Izbica bei Lublin. Rosas Mutter Ernestine Rebitzer stirbt 1942 nach der Deportation nach Nürnberg. Die Sammlung enthält einen letzten Brief von Gustav Rebitzer aus dem Sammellager in Nürnberg an Schwiegersohn Friedrich: „Lieber Friedl, gestern haben wir die erste Nacht ohne Matratzen geschlafen. Was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht einige im Zimmer liegende Herren so viel geratscht hätten.“ Noch immer hat er Hoffnung: „Inliegend sende ich dir zwei Telegramme von Hermann, die du zu unseren Auswanderungspapieren legen mögest.“ Im März 1943 stirbt Gustav Rebitzer im Konzentrationslager Theresienstadt.

Die Briefeschreiber waren: Rosa Hoffmanns Ehemann Dr. Friedrich Hoffmann (links), ihr Vater Gustav Rebitzer (Mitte) und Onkel Albert Boscowitz (rechts, mit Cousine Sabine), beide Schuhfabrikanten. Im Bild zudem Dr. Berthold Rebitzer und Jakob Boscowitz (Zweiter von rechts).

Die jüdische Gemeinde Südwales recherchiert für ein Projekt das Schicksal von Gustav Rebitzer

Das Versteck auf der Haidmühle bei Altenstadt/WN

Die Verstecke in Weiden

So erging es Cousine Sabine Boscowitz in Kanada

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.