08.07.2021 - 17:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Barrierefrei durch Weidens Innenstadt: Pläne in der Zwickmühle der Interessen

Nur kurz blitzen die Probleme auf, die die Stadt Weiden auf dem Weg zur barrierefreien Innenstadt begleiten. Bei der Bürgerversammlung wird klar: Nicht nur Gastronomen und Händler verfolgen unterschiedliche Interessen – eine Zwickmühle.

von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

Ein Viertel der Weidener sei in der Mobilität eingeschränkt, erklärt Oberbürgermeister Jens Meyer bei der Bürgerversammlung am Mittwochabend in der Max-Reger Halle. Barrierefreiheit sei ein Menschenrecht. "Und das wollen wir in Weiden durchsetzen. Schritt für Schritt." Eine hohe staatliche Förderung mache Vieles erstmals möglich. Ihm sei durchaus bewusst, dass jede Veränderung auch spezielle Auswirkungen habe. Er wolle keinen Streit, sondern alle Bürger und Interessengruppen einbinden und in gemeinsamer Anstrengung das Optimale erreichen.

Hohe Ignoranz erfahren

Eine Fahrt im Rollstuhl habe ihm verdeutlicht, mit welch riesigen Schwierigkeiten Rolli-Fahrer zu kämpfen haben, bekennt Meyer. "Jede Rinne ist ein Hindernis." Noch schlimmer aber: Bei diesem Selbstversuch habe er "als offenbar Behinderter eine Ignoranz erfahren, die ich in Weiden nicht für möglich gehalten hätte".

Die Planer Dr. Tobias Preising (Planwerk, Nürnberg) sowie Jochen Baur und Marc Weschta (SEP, München) stellen die sechs Varianten für die Führung des neuen behindertengerechten Plattenbelags von Tor zu Tor und deren Auswirkungen (auf Gastronomie, Handel, Wochenmarkt) vor. Der Austausch des gesamten Pflasters (gespalteter Granit) sei nicht finanzierbar, betonen die Stadtplaner, so dass nur "Plattenstreifen" in verschiedenen Breiten und Wegen denkbar seien.

Steg zur Judengasse umstritten

Jochen Baur, der bereits den Umbau der Weidener Innenstadt (1983/1985) plante, findet unter den annähernd 50 Gästen auch seinen damaligen Bauleiter Hans Schindler. Und der wiederum zeigt sich etwa mit der Planung eines reinen Fußgänger-Steges vom Max-Reger-Park in die Judengasse keineswegs begeistert: Die bisher vorhandene Brücke sei ein wichtiges Ventil für den Autoverkehr, der die Fußgängerzone entlaste, aber auch im Katastrophenfall einen wertvollen Zugang zur Altstadt darstelle.

"Es geht ums Herz unserer Stadt", fordert Meyer zur Diskussion um die Barrierefreiheit in der Altstadt auf. Zugleich beruhigt er die Bürger: Er kündigt an, dass es noch im Juli eine weitere Gesprächsrunde mit den Gastronomen, Einzelhändlern, Marktkaufleuten und Hausbesitzern gebe.

Warum Schankflächen abtreten?

Wie zu erwarten, liegt dort das größte Konfliktpotenzial. So lehnen die Wirte die Umbauvarianten ab, bei denen sie ihre bisherigen "Freischankflächen" - teilweise fernab ihres Lokals - im "Baumhain" wiederfinden würden. Lenka Dreythaller ("Café Frieden") klagt: "Immer gehen sie gegen uns Gastronomen vor. Wir sind schon da. Warum sollten wir mit unseren Flächen zurückgehen?"

Sabine De Leo ("Café Sicilia") hält ebenfalls nichts vom "Abrücken" der Freischankflächen vom Haus und den langen Wegen von der Küche zu den Gästen. Sie befürchtet Kollisionen mit Rollstuhlfahrern und Radlern. "Da muss ich schauen, dass ich keinen überrenne und mich keiner überfährt." Martin Sauer, der mit "Café Ristretto" und "Vistretto Doppio" sogar zwei Lokale am Unteren Markt betreibt, betont, dass die Gastronomen 80 bis 90 Prozent ihres Umsatzes mit dem Betrieb im Freien erwirtschaften. Vor 18 Jahren sei der Untere Markt eine Todeszone mit Null-Frequenz gewesen. Heute schlage hier das Herz der Stadt. "Ich bitte, diese Blüte sorgsam zu behandeln."

So könnte die barrierefreie Innenstadt aussehen

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Auch diese Themen liegen den Weidenern am Herzen

  • Radl-Rambos. Andrea Kuchenreuther, Peter Klein und Erich Löw klagen die "Radl-Rambos". Ihre Forderung: In der Fuzo runter vom Rad und schieben. Schrittgeschwindigkeit gilt für alle
  • Stöpselträger. Kurt Koreis bricht eine Lanze für die Radlfahrer, schimpft über Handy-Nutzer und Stöpselträger, die auf kein Klingeln der Radler reagieren
  • Platten in den Seitengassen fordert Eva Nitsche.
  • Behindertenparkplätze. Wie viele gibt's noch in der Altstadt, fragt Stefan Brunner. Etwa 20, schätzt Baudezernent Oliver Seidel
  • Kombination der Gestaltungsvarianten, von Martin Sauer und Tobias Sonna angeregt, um die speziellen Anliegen von Gastronomie/Markt (Unterer Markt) und Einzelhandel (Oberer Markt) besser berücksichtigen zu können. Vom Planerteam abgelehnt
  • Bahnhof. Als zwingend nötig, fordert Rudolf Trummer einen barrierefreien Bahnhof. "Aber seit drei Jahrzehnten nur leere Versprechungen."

 

 

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