16.09.2021 - 17:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Arolsen Archives: Jeder Name der NS-Opfer zählt

Die Dokumente der Arolsen Archives berichten von Einzelschicksalen der Opfer des Nationalsozialismus. Um diese für jeden zugänglich zu machen, gibt es das Projekt #everynamecounts. Dafür braucht es Freiwillige, die die Dokumente indizieren.

Das Indizieren der Dokumente macht man am Computer.
von Caroline Keller Kontakt Profil

Gut 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs suchen immer noch viele Menschen nach Informationen zu den Schicksale ihrer Angehörigen. Und jeder kann den Betroffenen bei der Suche nach ihren Liebsten nun helfen. Die Arolsen Archives (bis 2019 Internationaler Suchdienst) im hessischen Bad Arolsen haben alleine 2020 Anfragen zu rund 26 000 Menschen erhalten, die während der NS-Zeit verfolgt, verschleppt oder ermordet wurden. 900 000 Menschen haben das Online-Archiv für ihre Recherche genutzt. Seit 2019 hat das zum Unesco-Weltdokumentenerbe gehörende Archiv 27 Millionen Dokumente online veröffentlicht. Die Daten geben Auskunft über KZ-Inhaftierte, Zwangsarbeiter und Überlebende der Verfolgung.

Nun gilt es, die Dokumente zu den Opfern der NS-Zeit auch online in einer Datenbank auffindbar zu machen. Dafür müssen die Informationen auf den gescannten Dokumenten - zum Beispiel Häftlingspersonalbögen der KZ Buchenwald, Auschwitz und Flossenbürg- in ein Computerprogramm - eingegeben, also indiziert werden. Die Archive haben dazu das Programm "#everynamecounts" (zu deutsch: jeder Name zählt) ins Leben gerufen. Bei dem Projekt können freiwillige Helfer diese Daten in eine Computermaske eingeben. Bei dieser Datensammlung geht es nicht nur um den Namen des Opfers, sondern auch um die Namen von Angehörigen. Das sei wichtig, da Dokumente von den Nazis zum Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurden und dadurch Spuren von Opfern verschwunden sind. Für Angehörige können diese Hinweise bei ihrern Recherchen wichtig sein.

Schritt für Schritt erklärt

Wie "#everynamecounts" funktioniert, wird auf der Internetseite www.arolsen-archives.org in einer digitalen Einführung erklärt. Ein kurzes Video erklärt das Projekt und seinen Nutzen. Danach wird Schritt für Schritt anhand eines Häftlingspersonalbogen beispielhaft gezeigt, wo welche Informationen zu lesen sind, wie man sie in eine Maske einträgt und warum diese Informationen wichtig sind. Ein jedes Dokument gibt einen Einblick in ein Einzelschicksal, Informationen wie und warum die Person von den Nazis verfolgt wurde.

Nach der Einführung startet das Indizieren. Manche Dokumente wurden mit einer Schreibmaschine ausgefüllt, was das Lesen vereinfacht. Andere wurden per Hand ausgefüllt. Die Schwierigkeit ist nicht nur die Lesbarkeit, sondern auch die Sütterlinschrift, die kaum mehr wenige Menschen lesen können. Auch wenn das Archiv Quellen zur Sütterlinschrift zur Verfügung stellt, ist es knifflig, die Schriftzeichen zu entziffern. Wenn die Freiwilligen die Schrift nicht entziffern können, gibt es die Möglichkeit "unklar" in die Eingabemaske einzutragen.

An die Opfer erinnern

Jedes Dokument wird von drei Helfern gelesen und indiziert. Bei Unstimmigkeiten der drei Versuche werfen Historiker der Archive einen Blick darauf. Eine weitere Möglichkeit ist die Diskussionsfunktion. Mit einem Klick auf die jeweilige Schaltfläche kann man mit anderen Freiwilligen über Eingaben diskutieren. Das Ziel des Projektes ist es, Angehörigen die Recherche zu erleichtern.

Aber auch zukünftige Generationen sollen sich an die Namen und Identitäten der Opfer erinnern können. Vor allem soll die heutige Gesellschaft angesprochen werden. "Denn der Blick zurück zeigt uns, wohin Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus führen", steht auf der Internetseite des Projekts. Helfen kann bei dieser Arbeit tatsächlich jeder.

Auch wenn keine direkte wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Archiven und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg existiert, ist der Austausch nicht unwichtig, erklärt Julius Scharnetzky, Pressesprecher der Gedenkstätte in Flossenbürg. "Die Art und Weise wie wir arbeiten und die der Archive ist unterschiedlich", sagt Scharnetzky am Telefon. Die KZ-Gedenkstätte ist vor allem auf Effekten spezialisiert, also persönliche Gegenstände von NS-Opfern. "Für biographische Daten sind die Archive eine bessere Anlaufstelle", so der Pressesprecher. Dennoch gibt es einen Datenaustausch und -abgleich, um Angehörigen die Suche zu erleichtern.

Kommentar zum Arolsen-Archiv

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Die Arolsen Archives

Hintergrund:

Die Arolsen Archives

  • Zentrum für Dokumentation, Information und Forschung über die nationalsozialistische Verfolgung, NS-Zwangsarbeit sowie den Holocaust
  • Bis zum 20. Mai 2019 war die Organisation unter dem Namen Internationaler Suchdienst bekannt
  • Im Juni 2013 wurde das Archiv des Internationalen Suchdienstes von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen
  • #everynamecounts Anfang 2020 zunächst als pädagogisches Projekt an Schulen
  • Ziel: Künftig sollen Lebens- und Leidenswege von über 17,5 Millionen von den Nazis verfolgten Menschen online auffindbar sein. 2025 soll das Projekt abgeschlossen sein.

 

 

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