03.09.2020 - 20:16 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Anwalt Arthur Braun spricht über Tschechien: "Das Pendeln in die Oberpfalz wird sehr argwöhnisch gesehen"

Der Weidener Anwalt Arthur Braun arbeitet in Prag. Im Interview erzählt er, in welchen Bereichen uns Tschechien mittlerweile voraus eilt und wie es um das deutsch-tschechische Verhältnis bestellt ist.

Tschechische Polizisten kontrollieren die Grenze. In der Coronakrise hatte Tschechien ein restriktives Ein- und Ausreiseverbot erlassen.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Arthur Braun, dessen Familie in Weiden lebt, gilt international als bestens vernetzt. In der Kanzlei Braun Partners (bpv) am Obstmarkt, unweit des Ständetheaters in Prag, hat sich der Jurist auf Akquisitionen und Übernahmen, Handels-, Wettbewerbs- und Arbeitsrecht spezialisiert. Die globalen Ratinghandbücher empfehlen ihn auf diesen Gebieten als absoluten Fachmann und Top-Insider.

Braun geht davon aus, dass sich die tschechischen Direktinvestitionen in Deutschland auf einen zweistelligen Milliardenbetrag belaufen. Seit einigen Jahren hilft er verstärkt tschechischen Unternehmen auch beim Markteintritt in Deutschland.

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien gibt der Weidener einen Einblick, wie unser östliches Nachbarland wirtschaftlich und politisch tickt, in welchen Bereichen es uns mittlerweile voraus eilt und wie es um das deutsch-tschechische Verhältnis bestellt ist. Der Oberpfälzer war nach der Wende der erste westliche Jurastudent an der Karls-Universität in Prag, er beherrscht fünf Sprachen.

ONETZ: Kurze Corona-Rückblende: Wie erlebten Sie die Schließung der Grenze?

Arthur Braun: Der Lockdown fiel in Tschechien zu Beginn wesentlich härter aus als in Deutschland. Ich schaffte es gerade noch zu meiner Familie nach Weiden, von wo aus ich sechs Wochen lang im Homeoffice arbeitete. Die Grenzschließung empfinde ich heute noch als brutal: Die grenzüberschreitenden Beziehungen haben beidseits sehr gelitten, Familien wurden zerrissen. Das war wirklich schlimm. Noch schmerzlicher war für die Menschen in Tschechien das Dichtmachen der Grenze zur Slowakei.

ONETZ: Was waren die Hintergründe für die rigorosen Maßnahmen Tschechiens?

Im westböhmischen Grenzraum war von lokalen Unternehmen diese hermetische Schließung durchaus gewollt. Denn der Arbeitskräftemangel ist dort extrem. Gerade im tschechischen Mittelstand ist die Angst groß, dass Pendler als Arbeitskräfte dauerhaft abgeworben werden und abwandern. Das Pendeln in die Oberpfalz wird deshalb sehr argwöhnisch gesehen. Angesichts dieser Lage hege ich auch so meine Zweifel an den offiziellen Zahlen der tschechischen Einpendler in die Nordoberpfalz: Statt 3000 dürften es wohl eher mehr als 10 000 sein. Sie brauchen nur mal an den Grenzübergängen die Bewegungen beobachten…

Wenn Sie aus Bayern kommen, begegnet Ihnen grundsätzlich Sympathie.

Arthur Braun

Arthur Braun

ONETZ: Wie fängt Tschechien den krassen Arbeitskräftemangel auf?

Durch extrem viel Migration: Ukrainer, Serben, Mongolen, Vietnamesen oder Philippiner. Tschechien holt nur keine Dunkelhäutigen oder Araber ins Land. Wenn Sie gegen den Islam einen Holzpfosten aufstellen, wird er gewählt. Bei aller Bewunderung für Deutschland – in die sich manchmal Neid mischt – herrscht Unverständnis über die großzügige Migrationspolitik, von der Energiepolitik mit dem Ausstieg aus der Atomkraft ganz abgesehen.

ONETZ: Das Bild Deutschlands wandelt sich zum Negativen?

Wenn Sie aus Bayern kommen, begegnet Ihnen grundsätzlich Sympathie. Wir haben nicht nur den gemeinsamen Heiligen Nepomuk. Die Oberpfalz und Tschechien entwickeln sich wieder zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum. Wir gehören zusammen. Vor 1938 rangierte die damalige Tschechoslowakei unter den zehn reichsten Ländern der Welt und Bayern war überwiegend ein armes Agrarland. Gerade in den 90er Jahren war Deutschland ein Vorbild, es ruhten auch große Hoffnungen auf der EU. Heute wird alles Schlechte auf Brüssel geschoben.
Schauen Sie: Auch wenn Tschechien die Konvergenz auf manchen Feldern nicht geschafft hat, ist es als Industrieland auf der Überholspur. Hier haben die Unternehmer noch Hunger. Tschechien wandelt sich zum IT-Land, das Deutschland schon heute weit voraus ist. Die CZ-Volkswirtschaft ist viel offener und internationaler als die Deutsche. Nano-Textilien sind eine tschechische Spezialität. Es gibt eine lebhafte technische Startup-Szene, etwa für Software-Programme (Antivirus), Künstliche Intelligenz (KI) und viel private Investoren. Die tschechischen Unternehmer agieren effizient, viele sind reich geworden; sie haben keine Komplexe gegenüber den Vertragspartners im Westen mehr.

ONETZ: Wo knirscht es noch?

Leider fehlt in Tschechien eine funktionierende Börse. Und die tschechische Bürokratie toppt oft sogar die Deutsche. So dauern in CZ Bauvorhaben inzwischen viel länger als in Deutschland – vor 20 Jahren war das umgekehrt. Die Umweltverträglichkeitsprüfungen übertreffen die deutschen Normen bei weitem.
Die Steuerlast ist teilweise in Deutschland erheblich höher: 25 Prozent Kapitalertragssteuer zu 15 Prozent. Tschechien hat die Grunderwerbssteuer ganz abgeschafft, für die Einkommensteuer gibt es niedrigere „Flat Taxes“, dafür kein Splitting und keine Werbungskosten. Umgekehrt fallen die Sozialabgaben, von denen der Arbeitgeber den größten Teil trägt, mit etwa 45 Prozent des Arbeitnehmerlohns weit höher aus. Die tschechische Rentenkasse ist nicht Demografie-fest – eines der Probleme für die Zukunft. Ein tschechischer Pendler mit drei Kindern erhält in Bayern übrigens soviel Kindergeld wie in der Größenordnung des tschechischen Mindestlohns. Auch das ist ein Grund, warum in Tschechien die Pendler nach Deutschland beneidet werden.

ONETZ: Können Sie uns konkrete Beispiel für die hohe Digitalisierung beim östlichen Nachbarn nennen?

Jedes tschechische Unternehmen verfügt über eine digitale Datenbox in die Behörden- und Gerichtspost zugestellt werden. Das Handelsregister steht seit 24 Jahren kostenlos online. Tschechien versteht sich als Transparenz-Region: Wer beherrscht welches Unternehmen. Jeder Vertrag ab einer Höhe von paar Tausend Euro muss im Internet veröffentlicht werden.

ONETZ: Trotz dieser Transparenz: Ist Korruption noch ein Thema?

Die Korruption ist aus dem Alltag weitgehend verschwunden. Um der Bestechung entgegen zu wirken, sind die Gehälter beim Staat oft höher als in der Privatwirtschaft. So verdient ein Richter soviel wie der beginnende Anwalt in einer Spitzenkanzlei, vor 20 Jahren noch wie eine Sekretärin. Die Vermögensverhältnisse eines jeden Politikers, Bürgermeisters oder Stadtrats sind im Internet einsehbar. Trotz dieser ungeheuren Transparenz existiert noch eine Art Schattenwelt. Es sind vielfach noch sogenannte „Kickbacks“ üblich: Zehn Prozent des Auftragsvolumens dienen als Bestechungsgelder. Eine Hand wäscht die andere… Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, es waren auch die Westler, die Schmiergelder zahlten.

ONETZ: Wie fällt Ihr Fazit aus?

Dem Land geht es gut. Leider fällt in Tschechien die deutsche Sprache immer weiter zurück. Englisch wird die Regel, vor allem im Wirtschaftsleben.

Prag ist immer eine Reise wert.

ONETZ: Ist Prag für unsere Leser eine Reise wert?

Uneingeschränktes Ja! Die touristische Überfüllung gehört den Vor-Corona-Zeiten an. Es machen zwar relativ viele Touristen aus Österreich und Deutschland Urlaub in Prag, aber die Amerikaner, Russen und Asiaten bleiben weg. Prag ist übrigens die einzige Metropole in Osteuropa ohne Braindrain, der Abwanderung der Intelligenz. Auch das erklärt das internationale kulturelle Leben für Junge.

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