04.09.2020 - 15:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Angst vor einer heimlichen Taufe in christlichen Kindertagesstätten

Manche muslimische Eltern befürchten offenbar Missionierung ihrer Kinder. Der Interreligiöse Gesprächskreis Weiden will mit Hilfe eines Flyers mit Vorbehalten und Berührungsängsten aufräumen.

Der interreligiöse Arbeitskreis legt einen Flyer auf, der muslimische Eltern ermutigen soll, ihre Kinder an christlichen Festen teilhaben zu lassen. Rechts Familie Yldirim, die sich voll integriert fühlt.
von Helmut KunzProfil

Es gibt latente Befürchtungen muslimischer Eltern, dass ihre Kinder in Kindertagesstätten kirchlicher Träger heimlich getauft würden. Ein Vorwurf, der Kita-Leiterin Tanja Zwack von der Kindertagesstätte Herz Jesu schon mehrmals zu Ohren gekommen ist und den sie als vollkommen unbegründet zurückweist. Die Erzieherin kennt auch weitere Vorbehalte. „Selbst wenn christliche Kinder nur singen oder das Kreuzzeichen machen, denken einige muslimische Eltern, dies würde ihren Kindern schaden.“

Der Interreligiöse Gesprächskreis – bestehend aus Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche, der Jüdischen Gemeinde und des Deutschsprachigen Muslimenkreises (DSMK) – hat sich jetzt dieses Problems angenommen und einen Flyer in kurdischer, türkischer, russischer und arabischer Sprache aufgelegt, der in den Kitas verteilt werden soll. „Wir wollen keine Distanzierung schaffen, sondern Distanz vermeiden“, betonte der Sprecher, Pfarrer Alfons Forster, am Mittwoch bei der Präsentation im Kindergarten Herz Jesu. Der Flyer solle dazu beitragen, dass Kinder aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen in christlich geprägten Kitas friedlich und glücklich zusammen lebten.

Eltern verbieten Teilnahme

Die Broschüre thematisiert christliche Feste in kirchlichen Kitas. „Wir haben oft das Problem, dass muslimische Kinder bei den Vorbereitungen christlicher Feste zwar dabei sind, dass sie aber bei der Durchführung nicht dabei sein dürfen“, bedauerte der Geistliche. Deren Eltern würden das verbieten. Als Beispiele nannte er den St. Martinszug, Nikolaus oder Weihnachten.

Den Anstoß gab vor 15 Monaten Tanja Zwack. „Ich habe damals Pfarrer Gerhard Pausch informiert, und er hat das Thema an den Gesprächskreis weitergeleitet.“ Die Kita-Leiterin: „Für uns ist es völlig in Ordnung, wenn muslimische Kinder keine christliche Gebetshaltung einnehmen. Andererseits wünschen wir uns aber dann schon auch, dass muslimische Kinder an unseren christlichen Gepflogenheiten teilnehmen dürfen.“

Wie man Computerspiele selbst programmiert lernen Jugendliche bei der Ferienaktion in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Man tue alles für die Integration, lasse sogar türkische Lieder singen, spreche über muslimische Feste oder besuche die Moschee. Deshalb sollten muslimische Eltern nicht verlangen, dass Erzieherinnen muslimische Kinder in anderen Räumen zu betreuen hätten, sobald die christlichen Kinder auf christliche Weise beteten. „Allein das ist von der Personalausstattung her schon schwierig.“ Man sei eben eine katholisch geprägte Kindertagesstätte und da gehöre das tägliche Gebet dazu. Die jüdische Gemeinde beteiligte sich nicht an der Präsentation wegen der Toleranz der jüdischen Religion.

Positiv dürfte die Tatsache gesehen werden, dass auch der Vorsitzende des DSMK in Weiden, Imam Maher Khedr, mit im Gremium sitzt. Er nahm gemeinsam mit seiner Tochter Anna Khedr, der Generalsekretärin des DSMK, an der Präsentationsveranstaltung im Garten der Kita Herz Jesu teil. Maher Khedr stellte sich mit aller Deutlichkeit hinter die Kita-Leiterin. Muslimische Kinder dürften und sollten auch bei christlichen Festen mitmachen. „Der Koran verlangt von uns sogar, dass wir uns nicht ausschließen dürfen. Es steht ganz klar im Text, dass es uns nicht verboten ist, zum Beispiel bei einem Martinszug oder beim evangelischen Buß- und Bettag mitzumachen. Im Gegenteil. Der Koran fordert uns auf, dass wir uns an den Bräuchen des Landes beteiligen, in dem wir leben.“ Religion und Hautfarbe spielten dabei keine Rolle.

Für Miteinander der Religionen

Die Erzieherinnen in den Kitas seien bestens ausgebildet und geschult, was die Betreuung muslimischer Kinder betreffe, sagte Maher Khedr. „Die wissen genau, was sie tun müssen beim Ramadan, Opfer- oder Zuckerfest.“ Auch was muslimische Kinder essen dürften. „Wir wollen dazu beitragen, dass das Miteinander der Religionen gut gelingt“, warf Pfarrer Pausch ein.

Die Tochter von Mustafa und Derya Yildirim besucht den Kindergarten von Herz Jesu. Meergen Su fühle sich hier bestens aufgehoben, unterstrich ihr Vater, der aus der Türkei stammt und seit 25 Jahren in Deutschland lebt. „Ich finde, es ist wichtig, dass mein Kind dieses mulitkulturelle Zusammenleben, diese Integration sieht und fühlt“, betonte er. Für seine Tochter wünsche er sich eine friedliche Zukunft.

Finanziert wird das Integrationsprojekt von „Arbeit und Leben in Bayern“, erläuterte der Projektleiter „Familienakademie“, Paul Zitzmann. „Unser Integrationsprojekt hat es sich zum Ziel gesetzt, die Integration in Weiden zu verbessern.“ Für die Gestaltung des Flyers zeichnete er persönlich verantwortlich.

Hintergrund:

Flyer klärt in vier Sprachen auf

Paul Zitzmann, Projektleiter der "Familienakademie" in Weiden, zeichnet für die Gestaltung des Flyers verantwortlich. Die Informationsschrift in kurdischer, türkischer, russischer und arabischer Sprache soll in den Kindertagesstätten an Eltern verteilt werden und folgendes klarstellen:

Bei uns sind Kinder von allen Religionen und Kulturen willkommen. Wir machen Kinder anderer Religionen und Kulturen nicht zu Christen. Die Kinder sollen die christliche Kultur unseres Landes kennenlernen. Dies dient der Integration. Wir haben Respekt vor den verschiedenen Religionen und Kulturen. Wir wollen, dass die Religionen Frieden haben. Wir beten und singen mit den Kindern. Wir erzählen Geschichten aus der Bibel. Wir feiern die christlichen Feste. Manchmal gehen wir in die Kirche. Wir respektieren den Glauben der anderen. Wir erzählen von Festtagen anderer Religionen. Wir sprechen mit den Kindern über die Unterschiede der Religionen.Wir geben muslimischen Kindern kein Schweinefleisch zu essen.

Der Weidener Imam Maher Khedr, hier mit seiner Tochter Anna Khedr, der Generalsekretärin des Deutschsprachigen Muslimenkreises, betonte, dass der Koran seine Glaubensbrüder sogar dazu auffordere, sich an den Gebräuchen in ihrer neuen Heimat zu beteiligen. Links im Bild Projektleiter Paul Zitzmann.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.