19.02.2021 - 15:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Angst vor Corona: Patienten verzichten auf Zahnvorsorge

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Aus Angst vor Corona blieben viele Patienten im Raum Weiden-Neustadt 2020 dem Zahnarztstuhl fern. Doch mangelnde Vorsorge kann sich rächen und trifft im einen oder anderen Fall womöglich den Geldbeutel, wenn der Eintrag im Bonusheft fehlt.

Zahnvorsorge ist wichtig, betont auch der Weidener Dentist Dr. Michael Emmrich (links). Doch während des Corona-Lockdowns hat auch er in seiner Praxis einen Rückgang der Patientenzahlen bemerkt.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Die Bereitschaft zur Zahnvorsorge sei in der Pandemie so stark zurückgegangen wie seit Jahren nicht, meldet die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) in einer Pressemitteilung. Im Vergleich mit dem ersten Quartal 2019 hätten 2020 bayernweit 12 Prozent ihrer Versicherten weniger die Chance zur Zahnvorsorge genutzt. Im zweiten Quartal verzeichnete die Krankenkasse sogar einen Rückgang um 19 Prozent.

Nach dem ersten Lockdown mehr Wurzelbehandlungen

Ein Trend, den Dr. Frank Wohl bestätigt. "Zumindest gefühlsmäßig", wie er betont, denn Zahlen liegen ihm nicht vor. Doch in seiner Praxis in Grafenwöhr hat der Beisitzer des Zahnärztlichen Bezirksverbands Oberpfalz und Obmann für den Bereich Weiden-Neustadt/WN eine ähnliche Entwicklung festgestellt. Was ihn nicht wundert. "Am Anfang waren ja viele verunsichert. Auch wir selbst. Alle mussten erst lernen, mit der Situation umzugehen." Dabei sei der erste Lockdown seiner Ansicht nach "reichlich spät" gekommen. Seiner Beobachtung nach habe die Zahl der Patienten im zweiten Halbjahr, also nach Ende des Lockdowns, wieder zugenommen und damit zugleich die Zahl der Wurzelbehandlungen und Extraktionen. Sprich: Der Zähne, die gezogen werden mussten. "Ich führe keine Strichlisten, aber das war mein Eindruck." Für ihn ein Beleg dafür, dass sich mangelnde Vorsorge durchaus negativ auswirken kann.

Er und seine Kollegen würden aber auch großen Aufwand betreiben und viel Geld in die Hand nehmen, um die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten, sagt Dr. Wohl. In seiner Praxis zum Beispiel würden die Patienten bei Ankunft nach möglichen Corona-Symptomen befragt, ob ein Corona-Test anstehe und es werde Fieber gemessen. "Bei über 37 Grad Temperatur schicken wir den Patienten wieder nach Hause und vereinbaren einen neuen Termin." Desinfektionsmittel für die Hände seien selbstverständlich. Er selbst arbeite von Anfang an durchgängig mit FFP2-Maske, sein Personal seit Herbst. Vor der Untersuchung werde den Patienten außerdem eine antivirale Spüllösung gereicht, die die Virenzahl verringere oder sogar Viren abtöte. "Es gibt sogar einen Experten am Robert Koch-Institut, der fordert, das Spülen mit derartigen Lösungen sollte Pflicht werden, wenn jemand zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr unterwegs war."

Dass Zahnarztpraxen in Corona-Zeiten sogar der sicherste Bereich im Gesundheitswesen seien, belegt seinen Worten zufolge eine Statistik der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), die erst jüngst im BGW-Magazin veröffentlicht wurde. Demnach wurden der Berufsgenossenschaft bis Ende Dezember 19 774 Verdachtsfälle auf Covid-19 als Berufskrankheit gemeldet, 78,6 Prozent davon wurden als Berufskrankheit anerkannt. Die Statistik bezieht sich übrigens auf meldepflichtige Fälle aus nicht-staatlichen Einrichtungen. "Nur 85 der gemeldeten Verdachtsfälle betreffen die Sparte Zahnmedizin", hebt Wohl hervor. "Und das bei 240 456 Vollbeschäftigten in diesem Bereich." Der Sektor Kliniken bildet in der BGW-Statistik übrigens den negativen Spitzenreiter. Hier wurden der Berufsgenossenschaft 9005 Verdachtsfälle bei 771 256 Vollbeschäftigten gemeldet.

Hohe Hygienestandards

Diese Zahlen betreffen – wie gesagt – ausschließlich das Personal, nicht die Patienten. Sie sind für Dr. Wohl dennoch ein Beleg dafür, dass auch Patienten in Zahnarztpraxen vor Ansteckung ziemlich sicher seien. Denn laut BGW seien die Verdachtsfälle auf Ansteckung beim Personal meist auf Zusammentreffen in der Mittagspause oder ähnliches zurückzuführen, nicht auf Kontakte im Behandlungsraum, erläutert Wohl. Das gute Abschneiden der Dentisten, erklärt er folgendermaßen: "Zahnärzte haben viel mit Viren und Keimen zu tun und sind deshalb extrem gut auf den Umgang damit trainiert."

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Einen Rückgang der Vorsorge-Patienten beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hat auch der Weidener Zahnarzt Dr. Michael Emmrich in seiner Praxis bemerkt. "Wir machen regelmäßige Anfragen, ob die Patienten einen Vorsorgetermin möchten. Aber viele haben damals gesagt, sie trauen sich momentan nicht und sind lieber vorsichtig." Im Juni und Juli habe sich die Situation dann etwas gebessert, berichtet der stellvertretende Obmann für den Bereich Weiden-Neustadt/WN. Doch mit dem zweiten Lockdown seien jetzt viele wieder vorsichtig und verzichteten lieber auf die Vorsorgeuntersuchung.

Dabei erklärt auch Dr. Emmrich mit Hinweis auf die BGW-Auswertung, dass Zahnarztpraxen als ausgesprochen sicher gelten würden. "Meines Wissens ist kein Fall nachgewiesen, in dem sich ein Patient in einer Zahnarztpraxis infiziert hat. Die Schutzmaßnahmen sind sehr hoch." Natürlich akzeptiere er trotzdem, wenn jemand aus Angst vor Ansteckung auf den Vorsorgetermin verzichte.

Jürgen Spickenreuther, Direktor der AOK-Direktion Weiden, verweist auf eine Pressemitteilung der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB) vom 9. Februar, wonach im ersten Halbjahr 2020 in Bayern 650 000 Vorsorgeuntersuchungen weniger durchgeführt wurden als im Vorjahreszeitraum. Auch die KZVB betont darin die hohen Schutz- und Hygienestandards und warnt bei mangelnder Vorsorge vor möglichen schmerzhaften Folgen, wie Karies oder gar Zahnverlust. "Und Zahnersatz ist meistens mit einer finanziellen Eigenbeteiligung des Patienten verbunden", heißt es in der Pressemitteilung weiter.

Vom Verband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) gibt es laut Spickenreuther außerdem eine Empfehlung an alle gesetzlichen Krankenkassen, "dass die coronabedingte Nicht-Inanspruchnahme der Zahnvorsorgeuntersuchungen für die unter 18-jährigen auch im zweiten Kalenderhalbjahr 2020 sowie der Zahnvorsorgeuntersuchungen der über 18-jährigen im Kalenderjahr 2020 nicht zum Verlust des vollständigen Bonusanspruchs führt." Jede Krankenkasse entscheide letztlich für sich, ob und wie sie diese Empfehlung umsetze.

Angesichts der hohen Hygienestandards in den Zahnarztpraxen, gebe es zwar keinen Grund nicht zur Vorsorge zu gehen, meint auch Spickenreuther. Es sei jedoch verständlich, dass viele Menschen angesichts der Pandemie verunsichert seien. Deshalb habe die AOK beschlossen: "Der Bonus für das Kalenderjahr 2020 gilt als erfüllt, unabhängig davon, ob eine Vorsorgeuntersuchung durchgeführt worden ist oder nicht."

Hintergrund:

Starker Rückgang trotz hoher Sicherheit

  • Laut Kassenzahnärztlicher Vereinigung Bayern (KZVB) im ersten Halbjahr 2020 bayernweit 650 000 Vorsorgeuntersuchungen weniger als im Vorjahreszeitraum
  • Laut Kaufmännischer Krankenkasse (KKH) nutzten im ersten Quartal 2020 bayernweit 12 Prozent ihrer Versicherten weniger die Chance zur Zahnvorsorge als 2019, im zweiten Quartal 19 Prozent weniger
  • Laut Auswertung der Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege (BGW) betreffen nur 85 der gemeldeten 19 774 Verdachtsfälle auf Covid-19 als Berufskrankheit das Personal in Zahnarztpraxen. Das entspreche 0,43 Prozent aller Verdachtsfälle bei einem Anteil von 4,7 Prozent an den Beschäftigten.

 

 

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