01.09.2020 - 15:11 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Vor 75 Jahren: Ein Eisenbahner macht Dampf für die Weidener SPD

Es beginnt in einer Gaststätte in der Landgerichtsstraße. Der Eisenbahner Nikolaus Rott und weitere ehemalige Genossen setzen am 1. September 1945 die Weidener SPD wieder aufs Gleis.

Die Gaststätte "Zur Zentralwerkstätte" in der Landgerichtsstraße. Im September 1945 erfolgt dort der erste Impuls zum Wiederaufbau der SPD: Das Bild vom Oktober 1906 zeigt allerdings Mitglieder des eben gegründeten Kreiswahlverein Neustadt/WN der Sozialdemokratischen Partei Bayerns.
von Externer BeitragProfil

1945, der Krieg ist vorbei. Die Stadt Weiden wird am 22. April 1945 von Truppen der amerikanischen Armee eingenommen. Wie überall in Stadt und Land gehören Sozialdemokraten zu den ersten Verantwortlichen, denen der Aufbau eines neuen Deutschlands anvertraut wird. In der Stadt Weiden sind es namentlich Nikolaus Rott, Gottlieb Linz, Josef Tröger und Xaver Heuberger, die von der amerikanischen Besatzungsmacht neben anderen demokratischen Kräften mit dem Wiederaufbau der Stadtverwaltung und der Wirtschaft beauftragt werden. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik waren sie in Führungsfunktionen Mitglieder der lokalen Parteiorganisation.

Es waren ältere Sozialdemokraten, die wieder wichtige Ämter besetzten. In der Zeit der Wiedergründungsphase befand sich der größte Teil der jüngeren Menschen noch in der Kriegsgefangenschaft. Dazu war der kontinuierliche Nachwuchs zwölf Jahre unterbunden. Unter der Aufsicht der amerikanischen Militärregierung entstehen wieder politische Parteien. Aber vorerst nur auf Ebene der Landkreise und Städte. Ein Landesverband ist dem Willen der amerikanischen Militärregierung zufolge vorerst noch nicht vorgesehen.

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Weiden in der Oberpfalz

Am 1. September 1945 versammeln sich in der Gaststätte „Zur Zentralwerkstätte“ in der Landgerichtstraße unter der Federführung des Eisenbahners Nikolaus Rott (1891–1989) die verbliebenen Genossen, um den Wiederaufbau einer lokalen Parteiorganisation der Weidener Sozialdemokratie voranzutreiben. Das Treffen wird von der lokalen US-Militärbehörde geduldet. Auch andernorts in Bayern finden erste sozialdemokratische Zusammenkünfte statt. Es sind politisch denkende Menschen, die sich bereits vor der offiziellen Zulassung der politischen Parteien treffen. Sie hatten ihrer Partei über die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur die Treue gehalten.

Nikolaus Rott.

In der Stadt Weiden ist die Sozialdemokratie bereits seit ihrer ersten Versammlung im Jahr 1897 präsent. Ein Sozialdemokratischer Wahlverein war 1898 gegründet worden. In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur hatten lose Gruppen für die Erhaltung der Gesinnungsgemeinschaft gesorgt. Den Nationalsozialisten war es nicht gelungen den „Marxismus“, und darunter verstanden sie insbesondere die Sozialdemokratie, mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Widerstand teuer bezahlt

Etliche Weidener Sozialdemokraten mussten ihren Widerstand gegen die Nationalsozialisten mit Schutzhaft, Berufsverbot, Zuchthaus oder Konzentrationslager bezahlen. Deshalb brauchte die Sozialdemokratische Partei Deutschlands 1945 weder ihren Namen noch ihr

Programm zu ändern. Sie bekannte sich von jeher zur demokratischen Staatsauffassung, zur Völkerverständigung und zur internationalen Zusammenarbeit.

Eine demokratisch-sozialistische Republik hatte man sich auf die Fahne geschrieben. Die Gaststätte „Zur Zentralwerkstätte“ hatte man bewusst als Ort der Zusammenkunft gewählt. Es galt an eine jahrzehntelange Tradition anzuknüpfen. War die „Restauration“ doch seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg der Treffpunkt der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Weiden. Geführt wurde das Lokal in diesen Jahren von dem legendären „roten Wirt“ Hans Bär, der 1911 wegen seiner sozialistischen Überzeugung aus den Diensten der Zentralwerkstätte entlassen wurde. In der Zeit der bayerischen Revolution 1918 war er Mitglied des Landesarbeiterrates. Von 1919 bis 1928 vertrat Bär (1870–1932) die Sozialdemokratie im Weidener Stadtrat. Kein Verein der vielfältigen sozialdemokratischen Subkultur in der Stadt wurde ohne ihn gegründet.

Erste Bezirkskonferenz im August

Einige Tage zuvor, im August 1945 hatten sich bereits niederbayerische und oberpfälzische Sozialdemokraten in Regenburg zu einer Bezirkskonferenz zusammengefunden, um die weitere organisatorische Ausweitung der Partei in Ostbayern zu besprechen. Der erste offizielle Bezirksparteitag der SPD Niederbayern/Oberpfalz findet dann im Oktober in Regensburg statt. Im selben Monat, am 19. Oktober 1945, gründen ehemalige Mitglieder der katholischen Bayerischen Volkspartei (BVP) in Weiden die „Christlich-Demokratische Partei“, die 1946 in der Gründung einer Ortsgruppe der Christlich-Sozialen-Union (CSU) aufgeht. Auch die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) wird für die Stadt Weiden zugelassen.

100 Jahre SPD Rothenstadt

Rothenstadt/Weiden in der Oberpfalz

Im selben Zeitraum meldet die“ Mittelbayerische Zeitung“ die Einrichtung eines sozialdemokratischen Informationsbüros in der Stadt Weiden unter Leitung von Paula Konarske. Aufgabe dieses Büros ist es, die Bildung sozialdemokratischer Ortsvereine in der nördlichen Oberpfalz zu fördern und zu unterstützen. Am 23. Dezember 1945 erteilen die örtlichen US-Militärbehörden in Weiden den Sozialdemokraten die Genehmigung zur politischen Betätigung. Voraussetzung für die Zulassung waren 25 Unterschriften von Personen, die in keiner Verbindung zum Nationalsozialismus stehen durften. Beizufügen war ein Grundsatzprogramm, ebenso waren Angaben über den Zweck der politischen Organisation und ihre Finanzierung zu machen.

Xaver Heuberger der erste Chef

Die offizielle Gründungversammlung findet erst im Januar 1946 statt. Nikolaus Rott erstattet auf dieser Versammlung einen umfangreichen Bericht über die bisherige Tätigkeit der Ortsgruppe. Xaver Heuberger, zwei Jahre später Opfer eines grausamen Verbrechens, wird zum ersten Vorsitzenden gewählt. Josef Tröger, 1944 als Gefangener im KZ Flossenbürg, von den Amerikanern als 2. Bürgermeister der Stadt eingesetzt, wird sein Stellvertreter.

Josef Tröger (1895–1971) ist 1946 Mitglied der verfassungsgebenden Landesversammlung Bayerns, was die Bedeutung der Weidener SPD im Nachkriegsbayern unterstreicht. Mit der „Wiederbegründung“ im Jahr 1945 werden die Sozialdemokraten zu einer politischen Kraft, welche die Geschicke der Stadt bis heute mitbestimmt. Die Nachkriegszeit hatte u.a. durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen auch die politischen Kräfteverhältnisse in der oberpfälzischen Stadt verändert.

Im „Roten Jahrzehnt“ in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist sie die stärkste politische Kraft in der Stadt. Und heute stellt sie mit Jens Meyer seit Mai 2020 wieder einen sozialdemokratischen Oberbürgermeister, der in der Nachfolge der sozialdemokratischen Stadtoberhäupter Hans Schelter (Amtszeit 1952 bis 1970), Hans Bauer (Amtszeit 1970 bis 1976) und Kurt Seggewiß (Amtszeit 2007 bis 2020) steht.

Zum Autor:

Karl Bayer

Karl "Charly" Bayer ist 1952 in Weiden geboren. 1971 wurde er Mitglied der Weidener SPD. Er war Juso-Vorsitzender in Weiden und der nördlichen Oberpfalz und aktiver Gewerkschafter, engagierte sich zudem für die Anti-WAA- und die Friedensbewegung. Seit 1976 beschäftigt er sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung in der Region. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "Auf roten Spuren. Zu den Anfängen der Sozialdemokratie im ehem. Kgl. Bezirkssamt Vohenstrauß" (1982), "Der Rote Weg. Zur Organisationsgeschichte der Sozialdemokratischen Partei in der nördlichen Oberpfalz von 1890 bis 1918" (1987) und "Sozialdemokratie in Weiden" (1998). Zusammen mit Bernhard M. Baron verfasste er "Weiden 1933. Eine Stadt wird braun" (1993). Der Finanzbeamte im Ruhestand lebt heute in Nürnberg.

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