30.05.2021 - 10:13 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

44 Jahre als Kinderkrankenschwester am Klinikum Weiden: Wickeln, füttern, Ratschläge geben

1. März 1977 bis 16. März 2021: Dazwischen liegen 44 Arbeitsjahre als Kinderkrankenschwester. Sonja Breitschaft und Agnes Rupprecht haben sie auf der Geburtstation im Klinikum Weiden verbracht – gemeinsam vom Anfang bis zum Ende.

44 Jahre – ihr gesamtes Berufsleben – verbrachten Sonja Breitschaft (links) und Agnes Rupprecht zusammen: als Kinderkrankenschwestern am Klinikum Weiden. Tausende Mütter und Neugeborene haben sie in dieser Zeit betreut.
von Anita Reichenberger Kontakt Profil

Das gesamte Berufsleben miteinander zu bestreiten, ist "schon etwas Besonderes", ist sich Sonja Breitschaft bewusst. Die Kinderkrankenschwester und ihre Kollegin Agnes Rupprecht waren bis zu ihrem Abschied Mitte März "die Dienstältesten" auf der Station 32 im Klinikum Weiden. "Wir haben die Stellung gehalten", erklärt Rupprecht - während sich ein "gewaltiger Wandel" abgespielt hat.

Rupprecht gehörte zu den 21 Schülerinnen, die am 1. März 1977 ihre Ausbildung an der Kinderkrankenpflegeschule in Weiden begannen. Bewerbungen für den Kurs gab es weit mehr: nämlich mehrere hundert, erinnert sich die 62-Jährige. Den Beruf habe sie ergriffen, "weil ich gerne mit Kindern arbeiten wollte - und darum bin ich dann auch geblieben".

Drei Jahre dauerte die Ausbildung, während der sie "auf Entbindung" gleich mit Sonja Breitschaft zusammenarbeitete. "Wir waren immer beieinander" - zumal es für die Schülerinnen Pflicht war, im Schwesternwohnheim zu wohnen.

An ihrem letzten Arbeitstag hatten Sonja Breitschaft und Agnes Rupprecht (Zweite und Dritte von links) noch einmal gemeinsam Spätdienst: "Das hat die Stationsleitung so organisiert", erzählt Breitschaft. Michaela Hutzler (rechts), Medizinische Direktorin der Kliniken Nordoberpfalz Ag, und Zentrumsleitung Manuela Humig dankten zum Abschied den beiden Kinderkrankenschwestern für ihr Engagement in mehr als vier Jahrzehnten.

Zu Beginn im Kinderzimmer

Auch für Breitschaft stand die Berufswahl früh fest: "Als ich elf Jahre alt war, hat meine Tante Zwillinge bekommen. Die habe ich fast mit großgezogen", erzählt die ebenfalls 62-Jährige. Danach war klar: "Ich will Säuglingsschwester werden." Zum Ende der Realschule hin tendierte sie zwar zur Fachlehrerin, doch ihre große Schwester, die bereits Kinderkrankenschwester gelernt hatte, gab den Ausschlag. "Ich habe dann ja auch gelehrt: Auszubildende, neue Kollegen, unsere Mütter", erklärt die Etzenrichterin.

Sie und Rupprecht wurden nach der Ausbildung vom damaligen städtischen Krankenhaus übernommen: wie lediglich zwei weitere der frisch gebackenen Kinderkrankenschwestern. Beide fingen im Kinderzimmer an, ehe Sonja Breitschaft zu den Wöchnerinnen wechselte: um nicht nur mit Neugeborenen, sondern auch mit deren Müttern zu tun zu haben, merkt sie an.

Denn: "Das waren getrennte Stationen", macht Agnes Rupprecht deutlich. "Die einen waren für den oberen Bereich zuständig, die anderen für den unteren", lacht sie: auf der Säuglingsstation für Kinder und Stillen, auf der Entbindungsstation für Mütter und Gebärmutter.

Agnes Rupprecht.

"Rooming In" erst später

Die Neugeborenen wurden früher im Kinderzimmer betreut; den Müttern wurde der Nachwuchs lediglich fünf Mal am Tag für jeweils eine halbe Stunde gebracht, blickt die 62-Jährige zurück. Und so bevölkerten das Zimmer "teilweise 30 Kinder", für die Rupprecht "in der Nacht alleine zuständig" war. Wickeln, füttern, Neugeborene aufnehmen, Nebenarbeiten: "Mir ist nicht langweilig geworden."

"Für heutige Mütter ist es unvorstellbar, dass sie ihr Kind nicht bei sich haben können", sagt die Altenstädterin. Doch erst etwa Mitte der 1980er Jahre sei das "Rooming In" eingeführt worden: Ab da "durften Mütter, die das wollten, ihr Kind bei sich auf dem Zimmer haben". Die Erkenntnis, dass es "nicht mehr so toll ist", beide zu trennen, so Sonja Breitschaft, habe sich erst mit der Zeit durchgesetzt. Nun aber werden das Neugeborene und seine Mutter als Einheit betrachtet: "eine ganz ausgezeichnete Entscheidung".

Im Klinikum Weiden hat die integrative Wochenbettpflege 2005 mit dem Umzug auf die heutige Station Einzug gehalten. Die Zusammenlegung von Säuglings- und Wochenbettpflege habe nur Vorteile, meint die langjährige Kinderkrankenschwester: "Es arbeitet sich viel leichter." Und "die Frau hat nur einen Ansprechpartner".

Geändert hat sich auch das Prozedere bei Entbindungen. Früher sei die werdende Mutter auf der Station begleitet worden, "bis die Wehen stärker geworden sind", erläutert die Etzenrichterin. Dann erst seien Arzt und freie Hebamme angerufen worden. "Das waren aufregende Zeiten", schmunzelt Breitschaft. Denn "die Hebammen haben ja nie gewusst, wann es losgeht". Und so sei eine von ihnen schon mal "mit Lockenwicklern im Haar gekommen, weil sie gerade beim Friseur war".

Die 62-Jährige begrüßt es sehr, dass es am Klinikum mittlerweile angestellte Hebammen gibt: "Weil dann rund um die Uhr einfach jemand da ist." Denn "es geht manchmal so schnell", berichtet sie von einer Patientin, die noch im Arztzimmer entbunden hat. Das ist nicht der einzige Wandel, den die beiden Kinderkrankenschwestern im Laufe ihres Berufslebens mitgemacht haben. Auch organisatorisch, personell, medizinisch und diagnostisch habe sich einiges getan, erklärt Breitschaft. Agnes Rupprecht kommt dabei etwa auf die "Durchgangszeit" der Wöchnerinnen zu sprechen. Früher habe diese "fünf bis sechs Tage" betragen, "jetzt oft nur noch zwei bis drei Tage". Und nach einem Kaiserschnitt habe die Frau "in der ersten Zeit fast zwei Wochen" im Krankenhaus bleiben müssen, "heute drei bis fünf Tage".

Sonja Breitschaft.

Ganzes Programm in kurzer Zeit

Zugleich sei "die Geburtenzahl stetig angestiegen", berichtet Rupprecht von "oft zehn Zugängen und Entlassungen am Tag". Die Schwangere könne auch nur ambulant zur Geburt ins Krankenhaus kommen. "Das ist jetzt alles möglich", merkt die Altenstädterin an: "Wie die heutige Zeit schnelllebiger ist, so ist es das da auch."

Jede Zeit habe dabei "etwas für sich gehabt". Wobei schnelllebiger gleichbedeutend mit arbeitsaufwendiger sei, verdeutlicht Rupprecht: Gefordert sei "innerhalb von kurzer Zeit das ganze Programm". Ihre Kollegin pflichtet ihr bei. Ihr Ziel sei es, "dass, wenn die Mütter nach Hause gehen, einen einigermaßen sicheren Umgang mit dem Neugeborenen haben". Zwei bis drei Tage seien, um jedem gerecht zu werden, "schon eine kurze Zeit".

Eine weitere Veränderung betrifft die Mütter. Ihnen sei heutzutage durch Internet, Lektüre sowie Geburtsvorbereitungs- und Säuglingspflegekurse, die es früher nicht gegeben habe, selbst "viel mehr über die Vorgänge" bekannt, sagt Rupprecht: "Sie wissen schon, was sie wollen." Die 62-Jährige stellt dies auch in Zusammenhang mit dem Alter der Mütter. "Sie sind älter als früher beim ersten Kind", erklärt sie: in den 1980er Jahren noch "so Anfang 20", "jetzt schon Anfang 30".

Dass die Mütter "voll informiert" sind, "hat Vor- und Nachteile", gibt Sonja Breitschaft zu bedenken: "Sie meinen wirklich, es funktioniert auch so, wie es im Buch steht, und geht nach Schema. Und dann ist es doch nicht so." Hier komme die Kinderkrankenschwester ins Spiel: "Wir stehen ihnen dann zur Seite. Die Frauen sind froh, wenn eine erfahrene Schwester sie unterstützt."

Zumal jedes Kind anders sei: "Jedes Neugeborene ist ein Individuum, eine eigene Persönlichkeit" - aber "kein kleiner Erwachsener". Denn das Kind "kann nicht sagen, was ihm fehlt". Deshalb sei Beobachtung "ganz wichtig", betont die Etzenrichterin: "Es kommt viel auf Erfahrung an in diesem Job."

Gegen generalistische Ausbildung

Breitschaft plädiert aus diesem Grund aus auch dafür, "dass Kinderkrankenpflege ein eigener Ausbildungsberuf bleibt". Die generalistische Ausbildung über drei Jahre mit einer Spezialisierung nur im letzten Jahr lehnt sie ab: "Das eine Jahr ist einfach zu kurz." Außerdem nehme der Bereich der Kinderintensivpflege - "Frühchen und ganz Kleine" - zu, erläutert sie. Dafür sei wichtig, dass die Pfleger die entsprechende "Ausbildung haben und sich weiter spezialisieren können", stellt die 62-Jährige klar.

Als Mütter haben beide nach der Geburt ihrer Kinder "nur mehr Teilzeit gearbeitet", Breitschaft sogar als "die Erste im Haus". Schichtdienst und Familie unter einen Hut zu bringen, sei schwierig, merkt Rupprecht an: "Das ist heute wahrscheinlich auch das Problem", wenn es um die Gewinnung von Nachwuchs gehe. Auch Breitschaft sieht hier Handlungsbedarf. Sie hat zum einen "andere Schichtmodelle" im Blick. "Und ich hoffe für die Jugend, dass der Beruf lukrativer wird."

"Keine Schichten, kein Nachtdienst, jedes Wochenende und jeden Feiertag frei": Das genießen die langjährigen Kolleginnen nun sehr - zunächst für zwei Jahre noch in der Freistellungsphase der Altersteilzeit. Aber "der Abschied ist mir schwergefallen", gibt Sonja Breitschaft zu: "Es war ein tolles Arbeiten." Kinderkrankenschwester "ist wirklich ein wunderschöner Beruf".

Nicht zuletzt, weil die positiven Begebenheiten in ihrem Beruf überwiegen. Die Etzenrichterin hatte etwa "Schulfreundinnen zur Entbindung" auf der Station, und "jetzt habe ich deren Kinder wieder betreut". Froh war sie auch, wenn ihr Plädoyer fürs Stillen - "für mich gibt's nichts Besseres" - auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Wie Sonja Breitschaft hat auch Agnes Rupprecht an ihrem Beruf neben dem "Umgang mit den Kindern und den Wöchnerinnen" die Abwechslung gefallen: "Es war kein Tag wie der andere." Und sie betont: "Wenn alles gut rumgeht, die Eltern zufrieden sind, das Kind gesund ist und alles passt - das ist einfach ein schönes Erlebnis."

Hintergrund:

Geburtshilfe am Klinikum Weiden

  • Geburtshilfe am Klinikum Weiden besteht aus Station 32 (30 Pflegekräfte) und Kreißsaal (16 Hebammen). Als Ärzte zuständig die 16 Mediziner der Frauenklinik.
  • Zahl der Geburten: 2006: 1066; 2010: 1091; 2015: 1273; 2020: 1531
  • Chefärzte 1977 bis 2021: Geburtshilfe: Dr. Eberhard Lattermann, Dr. Horst Fabritz, Dr. Albert Roßmann, Dr. Bernd Hornbacher. Kinderklinik: Dr. Barbara Borkowsky-Fehr, Dr. Ehrenfried Lachmann, Dr. Heinrich Vielhaber, Dr. Fritz Schneble.
  • Klinikum Weiden setzt Kinderkrankenschwestern auf Station 32 ein sowie in Kinderklinik (Normal- und Intensivstation, Kinder-Notaufnahme), Anästhesie, Aufwachraum, diversen Funktionsbereichen. (rca)

 

 

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