27.07.2021 - 16:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

337 weitere Luftfiltergeräte für Schulen in Weiden: Stadtrat hadert, aber Kindeswohl geht vor

Bedarf für 337 weitere mobile Luftreinigungsgeräte mit Filter haben die Schulen in Weiden auf Nachfrage der Stadt angemeldet. Der Stadtrat gibt schließlich grünes Licht. Doch Zweifel über die Wirksamkeit der Geräte bleiben.

Bedarf für weitere 337 mobile Luftreinigungsgeräte mit Filter haben die Schulen in Weiden auf Nachfrage der Stadt angemeldet.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Das Thema mobile Luftreinigungsgeräte für Schulen kommt am Montag kurzfristig auf die Tagesordnung des Stadtrats. Ausschlaggebend ist ein neues Förderprogramm des Bayerischen Kultusministeriums, wie Dezernent Reiner Leibl verkündet. Das sehe vor, alle noch verbliebenen Klassenzimmer und Fachräume mit mobilen Geräten mit Filter oder Ionisationstechnologie bzw. dezentralen Lüftungsanlagen auszustatten. Die Anschaffungskosten werden anteilig mit 50 Prozent gefördert. Nach aktuellem Stand sind noch 505 Unterrichtsräume "ohne". Bei einer voraussichtlichen Förderung von 1750 Euro je Gerät (Stückpreis 3500 Euro) kämen auf die Stadt 883 750 Euro Anschaffungskosten zu, so Leibl.

Doch sind die Geräte der Weisheit letzter Schluss? Auch der Städtetag habe seine Probleme mit der Wirksamkeit, wusste der Dezernent. Und so stelle sich die Frage, ob wirklich alle Räume ausgestattet werden müssen oder ob nicht regelmäßiges Stoßlüften sowieso viel effektiver sei, wie es auch das Umweltbundesamt festgestellt hat. Die Stadtverwaltung hakte deshalb bei den Schulleitern nochmal nach und ermittelte den Bedarf "dringlich benötigter Geräte". 17 der 18 Schulen, für die die Stadt Weiden als Sachaufwandsträger zuständig ist, meldeten den Wunsch nach 337 Filtergeräten an. Außen vor sei die FOS/BOS, da das Gebäude über ein eigenes Lüftungssystem verfügt.

Knapp 600 000 Euro Kosten

"Damit", sagt Leibl, "läge der Eigenteil der Stadt nun bei 589 790 Euro." Aber. Hinzu kämen noch weitere Kosten. So schlage die Wartung für alle dann angeschafften Geräte (jährlicher Filterwechsel) mit weiteren 107 800 Euro pro Jahr zu Buche.

Auch wenn schon mehrfach über das Für und Wider mobiler Filtergeräte an Schulen gesprochen wurde, scheint das Thema auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie nicht ausdiskutiert zu sein. Die Mehrheit der Stadträte sah sich angesichts der dauerhaften Wirksamkeit von Luftreinigungsgeräten im Klassenzimmer im Zwiespalt. Doch für alle habe die Gesundheit der Kinder Priorität. "Ich kann das weder medizinisch noch technisch nachprüfen", beschrieb SPD-Stadtrat Matthias Holl das Dilemma. Als Rektor der Hans-Sauer-Schule wisse er um die Problematik und habe sich auf die frequentiertesten Klassenzimmer beschränkt. "Es ist eine schwierige Situation für alle Schulen, das Richtige zu tun. Doch die Diskussion mit den Eltern ist da, und wir kommen nicht drumrum."

Als ein "schwieriges Thema" sieht es auch CSU-Fraktionschef Benjamin Zeitler. Es sei noch nicht ausdiskutiert, denn es scheine nicht "die eine Lösung zu geben". Vielleicht sollte nur ein Teil der Geräte angeschafft werden? Zeitler sieht vor allem in der Wartung ein großes Problem auf die Stadt zukommen.

"Jetzt handeln"

"Das neue Schuljahr steht bevor. Wir müssen jetzt handeln, auch wenn es Bedenken gegen die Reinigungsgeräte gibt", sagt Roland Richter. Der SPD-Fraktionschef empfindet die Erwartungshaltung und den politischen Druck der Staatsregierung als nicht ganz fair. Doch wolle man sich später nicht vorwerfen lassen, man habe nicht mutig genug gehandelt. Jede Schule sollte für sich genau prüfen, in welchen Räumen ein Filtergerät wirklich Sinn macht. Auch vor dem Hintergrund, dass "wir mit den Anschaffungen ganz schön viel Elektroschrott produzieren".

Stadtrat Stefan Rank (Bürgerliste) hält Lüften für absolut notwendig. Die Geräte seien nicht Stand der Technik, verbrauchten viel Strom und würden die Viren nur begrenzt filtern: "Filterwechsel nur einmal im Jahr? Da möchte ich nicht in dem Raum sein." Er würde Raumlüftungsgeräte, mit denen auch ein Austausch der Luft möglich sei, lieber sehen. Mit Blick auf die Mehrzahl der ungeimpften Kinder müsse jedoch alles Notwendige getan werden.

Kinder seien das "höchste Gut", sagt auch Karl Bärnklau (Grün.Bunt.Weiden). Doch er könne dem Beschlussvorschlag der Stadtverwaltung so nicht zustimmen. Er bat zudem um die Prüfung des Einsatzes von dezentralen Lüftern, die nun ebenfalls bezuschusst würden. Dies sei geprüft worden, erwiderte Dezernent Leibl. Er verwies jedoch auf die Anschaffungskosten pro Gerät von rund 10 000 Euro und das zeitliche Problem bis zum Schuljahresbeginn.

Frischluft beste Lösung?

Frischluftzufuhr hält Helmut Schöner (Ausschussgemeinschaft Demokratisch-Ökologisch Weiden) für die beste Lösung. "Das ganze Thema scheint noch nicht zu Ende diskutiert. Wir lehnen den Beschlussvorschlag ab." Schulen seien keine Pandemietreiber, meldete sich die online zugeschaltetet Stadträtin Sonja Schuhmacher zu Wort. Luftfilter würden das Problem nicht lösen. Sie würde das Geld lieber in die seelische Gesundheit der Kinder investiert wissen, die in der Pandemie sehr gelitten hätten. Manfred Schiller (AfD) bereiten die zu erwartenden Stromkosten Sorgen. Nach seiner Rechnung kämen da bestimmt noch einmal rund 160 000 Euro pro Jahr hinzu. Auch Florian Graf (SPD) sieht sich nicht als Fachmann. Wenn von Luftreinigung die Rede sei, dann heiße das für ihn, dass es das Raumklima verbessert. Die anzuschaffenden Geräte seien vermutlich eine Notlösung, "aber eine sinnvolle, die wir jetzt mittragen sollten".

337 weitere Filteranlagen sollen angeschafft werden. Vielleicht werden es auch noch weniger, warf Oberbürgermeister Jens Meyer ein. Die Verwaltung werde angehalten, noch einmal bei den Schulen nachzuhaken, was wirklich Sinn macht. Er ärgere sich, dass die Kommunen als Schulaufwandsträger eine große Last zu schultern hätten. "Bei den Kitas kommt die gleiche Thematik noch einmal auf uns zu."

Schlussendlich folgen die Stadträte bei acht Gegenstimmen dem Vorschlag der Verwaltung, die zusätzlichen mobilen Luftreinigungsgeräte für die Schulen anzuschaffen. Der Bedarf werde ein weiteres Mal abgefragt.

Coronaviren im Klassenzimmer: Lüften hilft

Deutschland und die Welt
Hintergrund:

337 weitere Luftfiltergeräte für Weidener Schulen

  • Stadt Weiden ist Sachaufwandsträger für 18 Schulen.
  • Insgesamt 608 Fach- und Unterrichtsräume, von denen bislang 103 mit mobilen Luftreinigungsgeräten (1. Förderrunde: 49, 2. Förderrunde: 54) mit Filter ausgestattet sind.
  • 3. Förderrunde: Schulen melden auf Nachfrage der Stadt Bedarf von 337 "dringlich benötigten Geräten" an.
  • Kosten pro Gerät: 1750 Euro bei 50 Prozent Förderung (Stückpreis: 3500 Euro).
  • Anschaffungskosten: 589.750 Euro bei 50 Prozent Förderung.
  • Jährliche Wartungskosten: 107.800 Euro. Noch nicht enthalten sind Strom- und Personalkosten. (Quelle: Stadt Weiden)

 

 

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