16.07.2021 - 11:50 Uhr
WaldthurnOberpfalz

Waldthurnerin trotzt dem Krebs und engagiert sich für "Fuck Cancer"

Sonja Gerth aus Waldthurn macht ihre Krebserkrankung öffentlich. Die dreifache Mutter will ein Zeichen setzen und den Blick auf eine Organisation lenken: "Fuck Cancer" hilft in der Not - ist aber selbst auf Hilfe angewiesen.

Sonja Gerth aus Waldthurn (rechts) unterstützt die Organisation "Fuck Cancer" von Myriam von M. (links) als ehrenamtliche Mitarbeiterin. In Berlin treffen sich die beiden Frauen sich mit Angehörigen einer 19-Jährigen, die an Krebs gestorben ist.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Sonja Gerths Zwillinge sind gerade mal drei Jahre alt, der älteste Sohn vier, als sie 2009 an Brustkrebs erkrankt. Die junge Frau macht alles, um wieder gesund zu werden. Sie lässt Operation, Chemotherapie und Antihormonbehandlungen über sich ergehen und besiegt die Krankheit. Leider nur vorübergehend. Bis heute geht der Kampf der mittlerweile 41-Jährigen weiter. Als Mitstreiter hat sie neben ihrem Mann und den drei Söhnen nun auch eine bekannte Frau an ihrer Seite: Myriam von M., die mit ihrer Organisation "Fuck Cancer" vielen Krebskranken in ganz Deutschland emotional, psychologisch und finanziell beisteht.

Kämpfen und nach Rückschlägen immer wieder aufstehen muss die gelernte Bürokauffrau aus Waldthurn spätestens seit dem Jahr 2013, als in ihrer Hüfte ein Tumor entdeckt wurde. "Ich dachte, ich hatte es rum", erinnert sich Sonja. Es dauert bis sie sich von dem erneuten Schlag etwas erholt. In dieser Zeit verfolgt sie im Fernsehen Myriams Dokumentation "Gesichter einer Krankheit", in der Krebskranke ihre Geschichte erzählen. 2018 folgt die Reihe "Voller Leben - Meine letzte Liste". "Ich dachte mir, so cool, was die Frau macht. Ich überlegte mir, wie ich ihr helfen könnte", erzählt die 41-Jährige.

Keine Prognose

Während im Frühjahr 2020 die ganze Welt von der Coronapandemie gefangen ist, bemerkt Sonja Veränderungen in ihrem Körper. "Ich fühlte mich beim Joggen schlecht, bekam schlecht Luft und habe in kurzer Zeit über zwei Kilo Gewicht verloren." Der Coronatest fällt negativ aus. Eine Blutuntersuchung zeigt, dass die Tumormarker erhöht sind. Ihr Onkologe wiegelt zunächst ab, versucht, sie zu beruhigen. Kurze Zeit später ertastet Sonja eine kleine Schwellung unterhalb des Schlüsselbeins. Erst im Oktober 2020 erhält sie eine Computertomographie. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Sonjas Lunge ist komplett mit Metastasen übersät. "Das war wie der Weltuntergang für mich. Aber es gibt dir niemand eine Prognose. Jeder Mensch ist anders. Ab dem Zeitpunkt war nur eins klar: Ich bin jetzt eine Palliativ-Patientin. Ich werde definitiv nicht mehr gesund. Es sind auch Metastasen im Rücken. Wenn es gut läuft, habe ich noch zehn Jahre." Die 41-Jährige startet nach der Diagnose eine Tabletten-Chemotherapie und eine Antihormonbehandlung. Das Ziel: Den Krebs in Schach halten.

Nicht nur die Krankheit macht ihr zu schaffen: "Jeder fühlte sich durch Corona wie eingesperrt. Aber bei mir war es noch viel schlimmer. Ich habe ein ganzes Jahr meiner restlichen Zeit verloren. Die Zeit, die mir noch bleibt, soll qualitativ hochwertig sein." Sonja entschließt sich, Myriam auf Facebook anzuschreiben. Ende Februar 2021 tauschen sich die beiden erstmals bei einer Online-Sprechstunde aus. Seitdem weiß Sonja, dass sie sich - solange sie kann - für diese Kampagne für Aufklärung und Krebsvorsorge ehrenamtlich engagieren will. "Myriam kümmert sich um rund 200 Schützlinge. Sie ist da, wenn man sie braucht. Es geht nicht nur um psychologische Betreuung. Sie erfüllt letzte Wünsche, unterstützt die Angehörigen und begleitet ihre Schützlinge beim Sterben, wenn sie das wollen."

Auszeit in Limburg

Sonja durfte vor einigen Wochen erfahren, was es heißt, bei "Fuck Cancer" aufgenommen zu sein. Im Mai schenkte ihr Myriam einige Tage "Auszeit" in ihrer Heimatstadt Limburg. Das Ehepaar Gerth musste nur für die Hin- und Rückfahrt aufkommen. Dort lernten sich Sonja und Myriam persönlich kennen. "Sie hat mich auch schon mit nach Berlin genommen, wo ich die Angehörigen eines ehemaligen Schützlings treffen durfte. Wir haben uns alle sofort wunderbar verstanden. Das gibt einem so viel Kraft, wenn man sich mit jemandem austauschen kann, der weiß, wovon man spricht."

Das Arbeitspensum von Myriam, die selbst an Krebs erkrankt war, sei enorm, meint Sonja. Sie plant, die Organisation weiter auszubauen. Als offizielle "Ehrenamtsmitarbeiterin" wird die Oberpfälzerin die Kampagne künftig unterstützen: "Solange es geht und es in die Pläne unserer Familie passt, werde ich helfen." Sie rührt für "Fuck Cancer" kräftig die Werbetrommel. Hilfe für Palliativkranke und Aufklärungsarbeit auf vielerlei Ebenen koste nun mal Geld: "Wir brauchen dringend Spenden." Sie wird Spendenbüchsen aufstellen, Aufrufe starten und Firmen kontaktieren.

Joggen und Hula-Hoop

Ihr Mann und die drei Buben stehen hinter Sonjas Engagement. Alle wissen, wie gut es der Mutter tut, wenn sie etwas unternehmen kann. Die quirlige Frau läuft dem Krebs schon seit Jahren davon. Nach der Hüft-OP 2013 entdeckte sie nämlich den Sport für sich. "Zwei bis dreimal in der Woche muss ich joggen gehen. Wenn das nicht klappt, weil ich mich zu schwach fühle, dann gehe ich zumindest Walken. Ich mache Hula-Hoop und Krafttraining. Ich muss mir zeigen: Ich kann es noch." Tatsächlich wirkt sie nach außen hin durchtrainiert und fit: "Viele Leute sehen mich laufen und denken sich bestimmt: Der kann doch nichts fehlen." Etliche Freunde und Bekannte konnten mit der schweren Erkrankung Sonjas nicht umgehen und brachen den Kontakt ab. Sie nimmt es gelassen: "Das ist eben so. Man sortiert aus. Es bleiben nur mehr die wahren Freunde übrig." Auch wenn es Tage gibt, wo sie liegenbleiben muss, geht sie ihren Weg einfach immer weiter. Sie freut sich auf ihre neue Aufgabe: "Ich wollte schon immer etwas Gutes unterstützen. Und hier tue ich definitiv etwas Gutes für Andere."

Myriam M. besucht krebskranke Theresa Baudler

Pressath

Internetseite Fuck Cancer von Myriam von M

Hintergrund:

Myriam von M. und "Fuck Cancer"

  • Myriam ist 41 Jahre alt, Mutter zweier Söhne und kämpft selbst seit 19 Jahren gegen den Krebs an. Zuerst ist es Vulvakrebs, nur drei Jahre später folgt die Diagnose Gebärmutterhalskrebs. Sie musste unzählige Operationen und Therapien über sich ergehen lassen.
  • Ihre Vorsorge- und Aufklärungskampagne "Fuck Cancer" ist seit Anfang 2014 am Start. Im April 2016 gründete Myriam von M. die Fuck Cancer gGmbH.
  • Die Fuck Cancer gGmbH hat es sich zur Aufgabe gemacht, krebskranke Menschen zu unterstützen. Im Vordergrund steht, die Betroffenen zu begleiten, ihnen Halt und Sicherheit zu schenken.
  • Zu den Aufgaben gehören: Betreuung krebskranker Menschen (und Angehöriger) durch finanzielle Hilfe im Krankheitsfall, Beratung und Begleitung bei Ämtergängen, Begleitung zu Arztbesuchen, sowie Hilfestellung bei Krankenhaus- und Arztbesuchen, Sterbebegleitung, psychologische Beratung, Erfüllen von Herzenswünschen, Aufklärungsarbeit (insbesondere Schulaufklärung), Veranstaltung von Vorträgen, Ausflügen, Messebesuchen, Workshops im Bereich Beauty, Fotografie.
  • Myriams Reichweite bei Facebook beträgt bis zu 19 Millionen Menschen wöchentlich. Mehr als 146.000 E-Mails von Betroffenen erreichten sie allein in den Jahren 2014 bis 2018.
  • 2016 kam ihre Autobiographie “Fuck Cancer - denn meine Wut macht mich stark gegen den Krebs” auf den Markt und wurde zum Spiegelbestseller.
  • Im Mai 2018 ging Myriams eigene TV Serie “Voller Leben- meine letzte Liste” mit der ersten Staffel bei RTL2 on Air. Diese war ein voller Erfolg. Die zweite Staffel ist in Arbeit.
  • Spendenkonto: Volksbank Darmstadt, IBAN: DE82 5089 0000 0066 4444 06, BIC: GENODEF1VBD

 

 

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