20.05.2021 - 11:33 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Neubeginn mit eigenem Betrieb: Aus den USA über Mexiko nach Waldsassen

"Mit den Händen arbeiten" war schon immer die Passion von Alexander Ficht: Nachdem er in jungen Jahren in die sprichwörtlich "große weite Welt" gegangen war und Karriere gemacht hatte, wagte er einen Neubeginn im Gründerzentrum Waldsassen.

Alexander Ficht hat sich nach vielen Jahren in leitender Position bei einem Industrieunternehmen den Traum von der eigenen Bauschlosserei erfüllt. Im Bild der Industriemeister in seiner Werkstatt im Gründerzentrum Waldsassen vor einer E-Bike-Garage. In der Hand hält Ficht ein Zubehörteil für den Elektroanschluss zum Laden der Fahrrad-Akkus.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Viele Jahre arbeiteten Alexander Ficht und seine Frau Nadine für ein großes Industrieunternehmen aus der Region an verschiedenen Stationen im Ausland. Ihre gemeinsame Geschichte führte sie wieder in die Heimat. Dann kam Corona. Jetzt betreiben sie ihre eigene Firma. Mit seiner „kleinen Bauschlosserei“, wie Ficht sagt, erfüllte sich der gebürtige Arzberger 2020 einen Traum. Dass dies früher als geplant passierte, lag auch an der Corona-Pandemie.

Wie es dazu kam, erzählt der Industriemeister im Gespräch mit Oberpfalz-Medien in einem Besprechungsraum des Gründerzentrums Waldsassen. Dort hat der Unternehmer zwei Hallen gemietet, beide 260 Quadratmeter groß. „Es wird schon langsam wieder knapp“, sagt Ficht und überlegt, wie er die zur Verfügung stehende Fläche noch besser nutzen könnte. „Eine kleine Fräsmaschine ginge schon noch rein“, meint Ficht.

Typische Palette und Exoten

Alle typischen Aufträge, die eine Bauschlosserei erledigt, fertigt auch die Firma Metallbau Ficht: Metalltreppen, Geländer, Handläufe – vielfach in Edelstahl oder mit pulverbeschichteter Oberfläche. In der Werkstatt gibt es auch Exoten, wie Ficht über die verschließbare Fahrradbox sagt: „Der Kunde will das 4000-Euro-Bike nicht immer in den Keller tragen.“ Auch für die Industrie arbeitet Ficht – etwa für ein Unternehmen in Cheb/Eger. In der Tochterfirma eines Konzerns mit Sitz in Baden-Württemberg muss Ficht einen Verstärkungsrahmen für einen Pressen-Tisch einbauen.

In einem international agierenden Industriebetrieb aus der Region haben Alexander Ficht und seine Frau Nadine viele Jahre gearbeitet. Die Eltern von zwei Töchtern (2 und 5 Jahre) sind auch im jetzigen Job ein eingespieltes Team: Nadine Ficht kümmert sich um das Büro, während sich Alexander der Schlosserei mit seinem Können und der eigenen Hände Arbeit einbringt. Niedergelassen hat sich die Familie in Pleußen, wo sie vor einiger Zeit ein Wohnhaus erworben hat.

Corona beschleunigt Umsetzung

Eines habe sich zum anderen gefügt, sagt Ficht im Rückblick auf seine berufliche Laufbahn – die Jahre in den USA, dann in Mexiko. Schon im Ausland habe er, der viel mit Managementaufgaben betraut war, den Wunsch verspürt, mit einem Metallbaubetrieb beruflich unabhängig zu werden. Dass dies schneller als geplant passierte, lag auch an Corona: Nach der Rückkehr aus dem Ausland arbeitete Ficht als freiberuflicher Maschinenhändler, dem plötzlich die Umsätze gänzlich wegbrachen – wegen der Investitionsstopps in der Industrie nach dem Ausbruch der Krise.

"Vor zwei, drei Jahren war das noch Zukunftsmusik, dass ich eine kleine Schlosserei haben könnte."

Alexander Ficht

„Vor zwei, drei Jahren war das noch Zukunftsmusik, dass ich eine kleine Schlosserei haben könnte“, erinnert sich Ficht. Seine wirtschaftliche Lage aber beschleunigte die Umsetzung massiv. „Es läuft besser als erwartet“, freut sich Ficht über die aktuelle Auftragslage seines Betriebs. Der Chef genießt sein neues Leben, wenngleich sich dies viele Leute gar nicht vorstellen können. „Komplett konträr“ sei dieses im Vergleich zu früher: Damals saß er im Büro, der Alltag des Metallbauers bedeutet dagegen schweißtreibende Arbeit.

Hohe Wertschätzung

„So glücklich wie jetzt war ich in der Industrie schon längere Zeit nicht mehr“, beschreibt Ficht seine Erfüllung in seiner jetzigen Arbeit. „Weil das total erfüllend ist, wenn man etwas baut und das zu den Kunden bringt.“

"So glücklich wie jetzt war ich in der Industrie schon längere Zeit nicht mehr."

Bauschlosserei-Inhaber Alexander Ficht

Es sei spürbar, wenn einem Kunden die Treppe oder das Geländer beim ersten Erblicken auf Anhieb gefällt. „Dann strahlt der und er bedankt sich zehn Mal.“ Von diesem Feedback lasse sich über Wochen zehren. Diese Wertschätzung gebe es in der Industrie eher selten, so Ficht. „Da präsentiert man seine Monatszahlen und dann ist es gut.“

Perfekte Ausbildung und Erfahrung

Alexander Ficht weiß von vielen selbstständigen Handwerkern, dass sie innerlich angespannt sind, sich wegen der vielen Aufträge nur auf die Firma fixieren. „Ich möchte nicht, dass die Selbstständigkeit das komplette Leben dirigiert.“ Dies könnten Inhaber aber auch in gewisser Weise selbst steuern. Dabei hilfreich sei auch die frühere Tätigkeit in der Industrie, ist der Meister überzeugt. „Das waren die perfekte Ausbildung und die Erfahrung, die ich sammeln musste, damit ich eine Familie ernähren kann und ich mich selbst nicht übernehme.“

Langfristig möchte Ficht sein Personal aufstocken, auf bis zu sieben Leute. Christian Ziegler ist im Moment der einzige Mitarbeiter in der Werkstatt. Und auch diese wird allmählich zu klein, weshalb sich Alexander Ficht nach Alternativen umsieht. Auch ein Neubau sei nicht ausgeschlossen.

Corona beflügelt Auftragslage

„Ich hatte eigentlich erwartet, dass es schlimmer wird“, so Ficht über die Situation im Rückblick nach dem Ausbruch der Pandemie. Doch während der Lockdown-Phasen vergangenes Jahr und wegen der Schwierigkeiten zu reisen, hätten viele Leute Zeit und Geld genutzt und in nötige Renovierungen investiert. Corona hat sich für mich in die andere Richtung ausgewirkt“, freut sich Ficht über die Auftragslage. „Wir sind bis Herbst gut dabei.“

Sorgen bereitet dem Gründer eine andere Entwicklung: „Der Preis ist der Vorbote des Mangels“, erklärt Ficht im Hinblick auf die gestiegenen Rohstoffpreise für Stahl. Auch Holz sei betroffen. „Es wird viel exportiert“, sagt Ficht über die boomende Wirtschaft in Asien und in den USA. Deshalb werde das Material immer teurer. Zum Teil hätten sich Preise im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

Die Nachfrage nach Bauland in Waldsassen ist ungebrochen

Waldsassen
Nadine und Alexander Ficht im Büro ihres Betriebs im Gründerzentrum Waldsassen.
In zwei Hallen hat Alexander Ficht (links) seine Bauschlosserei eingerichtet. Rechts Mitarbeiter Christian Ziegler beim Schweißen.
Hintergrund:

Zur Person: Alexander Ficht

  • Alexander Ficht, Jahrgang 1976, ist gebürtiger Arzberger und lernte bei einem großen und weltweit agierenden Unternehmen in der Region Industriemechaniker. Nach der Meisterprüfung war Ficht für die Lehrlingsausbildung verantwortlich.
  • In der Firma lernte Alexander Ficht auch seine damalige Freundin und jetzige Frau Nadine kennen. 2004 gingen beide in die USA, in den Bundesstaat Michigan, wo Ficht ein Werk aufbaute. Aus anfänglich drei Jahren in den Staaten wurden am Ende insgesamt acht. Ficht unterstützte den Aufbau eines weiteren Fertigungsbetriebs in den Vereinigten Staaten.
  • Inzwischen reifte der Wunsch des Paares, eine Familie zu gründen. Die Rückkehr nach Deutschland wurde als Ziel immer klarer. Unterdessen ging das Paar nach Mexiko, dort errichtete Ficht ein weiteres Werk des Industriebetriebs. 2015 kündigte sich Nachwuchs an, worauf die Fichts in die Heimat zurückkehrten. Hier war Alexander Ficht noch einige Zeit bei seinem Arbeitgeber tätig.
  • Danach war Ficht selbstständiger Handelsvertreter für Metall-Bearbeitungsmaschinen aus Taiwan und Italien. Dieselskandale, E-Mobilität und letztlich auch die Corona-Pandemie ließen die Aufträge aber komplett wegbrechen.

 

 

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