28.07.2021 - 18:01 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Gründung von Cube und Ghost: Wie die Oberpfalz zur Rad-Hochburg wurde

Mit Cube und Ghost liegen zwei der bedeutendsten Fahrradmarken Deutschlands in der Nordoberpfalz. Wie ist es eigentlich dazu gekommen? Eine Geschichte über vier Oberpfälzer, die zu Konkurrenten wurden – aber immer Freunde blieben.

Die Limo kaufte Ghost 1994 auf einer Messe in Las Vegas. Sie diente dann als Teamfahrzeug für Ghost. Aufs Dach brachte man zehn Räder. Hier 1996 am Gardasee.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Geschichte von Ghost und irgendwie auch die von Cube beginnt mit zwei wohnungslosen jungen Männern. Weil es als Student in München 1990 genauso schwer war wie heute, eine bezahlbare Wohnung zu finden, übernachteten Uwe Kalliwoda und Klaus Möhwald in der Anfangszeit ihres Studiums bei vielen Bekannten. „Auf dem Sofa oder am Boden“, erinnert sich Kalliwoda heute. Irgendwann landeten die beiden Waldsassener in der WG von Marcus Pürner und Michael Prell. „Da haben wir eine Zeit lang übernachtet.“ Die vier Männer kannten sich schon länger, Pürner und Prell kamen aus Marktredwitz und Arzberg.

Als Kalliwoda und Möhwald, den alle „Möwe“ nennen, eine Drei-Zimmer-Wohnung ergatterten, zog Prell mit ein. „Um uns die Wohnung leisten zu können“, sagt Kalliwoda, „haben wir Räder montiert und verkauft“, nichts eigenes, normale Handelsware. Es lief über einen Weidener Fahrradladen, bei dem Kalliwoda nebenbei arbeitete. Es war der Anfang einer Oberpfälzer Erfolgsgeschichte, aus der bald zwei Erfolgsgeschichten wurden.

In München stieg auch Marcus Pürner mit ein. „Wir wollten uns etwas Geld dazu verdienen“, sagt der Waldershofer. „Nach etwa einem Jahr merkten wir, dass wir zu unterschiedlicher Ansichten waren, was den Start der Firmengründung angeht, und beschlossen, getrennte Wege zu gehen“, erzählt Pürner. „Wir blieben aber befreundet.“ Eine gemeinsame Firma sei es nie gewesen, sagt auch Kalliwoda. Und trotzdem: „Wir haben uns extrem oft getroffen damals, gemeinsam über alles Mögliche spekuliert.“ Aber irgendwann sei es dann halt geschehen: Uwe und Möwe machten ihr Ding in Waldsassen, sie gründeten Ghost. Pürner und Prell machten ihr Ding in Waldershof, daraus entstand Cube.

Drang in die Selbstständigkeit

Heute, knapp 30 Jahre später, brechen beide Firmen gerade ihre eigenen Rekorde. Ghost verkauft dieses Jahr erstmals mehr als 200.000 Räder, Cube sogar mehr als eine Million. Beide sind ihrer Heimat treu geblieben – und so liegen zwei der bedeutendsten Fahrradmarken Deutschlands nur etwa 20 Kilometer voneinander entfernt im Landkreis Tirschenreuth. Die nördliche Oberpfalz, eine Hochburg der Fahrradbranche. Neben den beiden großen Herstellern gibt es übrigens auch noch kleinere, zum Beispiel Gunsha-Bikes. Eine kleine Radmarke aus Bärnau, gegründet von Georg Preisinger, der als Pionier der Gravel-Bikes gilt.

„Ich war kein Radlfreak“, sagt Uwe Kalliwoda. Eigentlich waren er und sein bester Freund Möwe, sie kennen sich seit Kindheitstagen, erfolgreiche Skifahrer, Grasskifahrer. Das Rad war halt ein Trainingsmittel. 1992 beendete Kalliwoda sein Betriebswirtschaftsstudium, aber „ich hatte keine Lust auf ein Angestelltenverhältnis, sondern den Drang in die Selbstständigkeit“, erinnert er sich. Also eröffneten die beiden Kumpels einen eigenen Fahrradladen in Waldsassen, „Radsport K+M“. Erfahrungen in der Branche hatte Kalliwoda bereits gesammelt. Mit 20 hatte er begonnen, in Weiden in einer Fahrradwerkstatt zu helfen. Im Praxissemester in Taiwan hatte er später mehrere Fahrradfabriken besucht.

Der Laden daheim lief gut, es folgten bald weitere, in Hof, Oberviechtach oder Weiden. „Wir haben aber damals auch erkannt: Um aus der Vergleichbarkeit herauszukommen, brauchen wir was Eigenes.“ Es war 1993, die Marke Ghost wurde gegründet.

Kalliwoda und Möhwald starteten in der Garage von Möwes Vater. „Der hat sich immer geärgert“, erzählt Kalliwoda, „weil er sein Auto draußen stehen hat lassen müssen.“ Vor allem im Winter habe der Vater öfter geschimpft, wenn er eine zentimeterdicke Schneedecke von der Frontscheibe fegen musste, weil die Garage voll mit Montageständer, Räder und Radteile war. Anfangs waren die beiden ganz allein, machten alles selbst. Tagsüber verkaufen, nachts montieren, 16 Stunden pro Tag. „Das war kein Zuckerschlecken“, sagt der heute 55-Jährige, aber sie hätten es auch gern getan. „Das war ja auch Leidenschaft und Herzblut.“ Anfangs produzierten sie zwischen 50 und 100 Räder im Jahr.

In Elbart bei Freihung gibt es einen neuen Treffpunkt für Mountainbiker.

Der Vater rät zum Aufhören

Eigentlich wollten sie die Räder nur für sich machen, aber die Bikes kamen bei den Leuten an. Bald mussten sie sich entscheiden: die Läden oder die eigene Marke? Sie verkauften die Läden. „Danach haben wir uns nur noch auf Ghost konzentriert.“ Aber ohne große Pläne. „Wir haben einfach angefangen und gemacht.“

Auch für die späteren Cube-Gründer Marcus Pürner und Michael Prell war die Sache mit den Fahrrädern anfangs nur ein Nebenjob. Die beiden begannen in einem kleinen Raum der Firma von Pürners Vater. „Zu dieser Zeit wurden viele Fahrräder aus den USA importiert, die waren sehr auf deren Markt ausgerichtet“, sagt Pürner. „Wir wollten damals Räder nach unserem Anspruch für den deutschen Markt anbieten.“ Fahrräder, die ihnen selbst gefallen. Nicht jeder glaubte an einen Erfolg, der Vater, selbst ein erfolgreicher Unternehmer, habe ihm auch mal geraten, das Geschäft lieber bleiben zu lassen, es bringe doch nichts, erzählte Pürner einmal dem Rad-Portal Velobiz. Der junge Waldershofer blieb aber dran. „Wir hatten keine Riesenvision“, gab Pürner in dem Interview zu. „Wir haben einfach nur gemacht.“ Er und Prell waren Bastler. Pürner baute sein erstes Rad mit 15 selbst auseinander und lackierte es matt-schwarz. 1993 entstand die Marke Cube – die eigentlich anders heißen hätte sollen.

Der erste Name lautete Slickrock, doch den gab es bereits. Sie mussten ihre Marke umbenennen, dann also Move. Auf ihrer ersten Eurobike-Messe kam Pürner, so erzählt er es, erst am dritten Tag nach Friedrichshafen, er musste noch Examen schreiben. „Als ich durch die Hallen lief, kamen mir Leute mit Move-T-Shirts entgegen. Ich war total erstaunt und begeistert, dass wir T-Shirts hatten“, erinnert er sich und schiebt direkt hinterher: „Bis ich herausfand, dass die Shirts gar nicht von uns waren, sondern von einer anderen Marke.“ Dann also Cube.

„Einzigartig in Radbranche“

In Waldsassen war die größte Hürde das Geld. „Das Schwierigste war für uns am Anfang die Finanzierung“, sagt Ghost-Gründer Kalliwoda. „Das ging bei uns nur Step-by-step.“ Deswegen sei man auch eine Spur langsamer gewachsen als Cube. „Was wir von der Bank bekommen haben, ist heutzutage lächerlich“, meint er. 10.000 Mark Kredit waren es, sie wollten eigentlich das doppelte. „Natürlich hatten wir damals auch Angst“, gibt er zu. „Ich kann mich erinnern, dass wir mal einen Container ausgeladen haben und dann im Lager gesessen sind. Da war so viel Ware da, dass wir gesagt haben: Wenn wir das nicht verkaufen, sind wir platt.“ Das Zeug sei dann aber schnell weggegangen. Von Marcus Pürner hat man eine ähnliche Anekdote auch schon gehört.

Die Produkte von Cube und Ghost waren gefragt. Die Unternehmen wuchsen kontinuierlich, und das wird wohl auch in Zukunft so bleiben. Die Oberpfälzer Nachbarn sind weiter auf Expansionskurs.

„Das ist natürlich schon lustig, wenn du zwei so erfolgreiche Firmen nebeneinander hast“, sagt Kalliwoda. „Wir haben uns gegenseitig nach oben gepusht.“ Sie seien zwar Konkurrenten gewesen, aber immer auch Freunde. „Diese Situation ist in der Fahrradbranche einzigartig“, meint er „Wenn die angerufen haben, dass ihnen tausend Schaltwerke fehlen, haben wir sie ihnen geliehen.“ Ein paar Wochen später hätten sie die Schaltwerke zurückgebracht. „Umgekehrt war das genau das gleiche“, so Kalliwoda, der wie Möhwald nicht mehr bei Ghost ist. „Zu Beginn unterstützten wir uns gegenseitig“, bestätigt Pürner, der noch immer Cube-Chef ist. „Die Tatsache, dass wir uns alle kannten, hat vermutlich ursprünglich den positiven Wettbewerb ausgelöst, welcher beide Unternehmen nach vorne brachte.“ Noch heute sind die Gründer befreundet, telefonieren ab und zu und, wenn es zeitlich möglich ist, treffen sie sich auch zum Essen.

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