08.07.2021 - 17:06 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Große Nachfrage und Materialmangel: Werden Fahrräder bald teurer?

Die Fahrradindustrie erlebt einen Boom und leidet unter Materialmangel, manche Teile kommen erst Monate später. Der Ghost-Chef und ein Händler erklären, wie es dazu kommt, wie lange es andauern wird – und was es für die Kunden bedeutet.

Ghost-Geschäftsführer Christoph Mannel in der Produktionshalle in Waldsassen.
von Julian Trager Kontakt Profil

Radfahrer brauchen derzeit nicht nur Koordination, Kraft und Ausdauer, sondern vor allem Geduld. Ganz, ganz viel Geduld. Ein neues Radl? Kann ein Jahr oder länger dauern, bis es kommt. Das Bike ist defekt, muss in die Werkstatt? Kann sechs Monate dauern, bis das Ersatzteil verfügbar ist. Die Fahrradbranche hat zurzeit mit einem noch nie dagewesenen Materialmangel zu kämpfen. Das spüren die großen Hersteller von Ghost in Waldsassen und Cube in Waldershof, die Händler in Amberg, Weiden und Co. – sowie natürlich die Kunden in der ganzen Oberpfalz. "Die Lage ist bescheiden", fasst der Amberger Zweiradhändler Peter Stadler zusammen.

Die Branche ist, extrem angeschoben von der Pandemie, von ihrem eigenen Erfolg überrollt worden. Fahrradfahren boomt, egal ob normales Rad oder E-Bike. "Die Nachfrage ist irrsinnig hoch", sagt Christoph Mannel, Geschäftsführer von Ghost. Der Waldsassener Hersteller werde heuer fast 200.000 Räder verkaufen, das seien 20 Prozent mehr als im Vorjahr, das wie die vergangenen 15 Jahre auch ein Rekordjahr gewesen sei. "Wir könnten aber doppelt, dreifach und vierfach so viele Räder verkaufen", meint Mannel. Auch der Waldershofer Hersteller Cube meldet einen Rekord. "Wir sind im laufenden Jahr um 20 Prozent auf über eine Million verkaufte Fahrräder gewachsen", erklärt Cube-Sprecherin Marie Korzen.

Vom starken Wachstum überrascht

Die meisten Hersteller und Zulieferer waren darauf nicht vorbereitet. "Ehrlich gesagt haben wir auch nicht gerechnet, dass so ein großes Wachstum kommt", gibt der Ghost-Geschäftsführer Christoph Mannel zu. "Wir haben uns auf 8 bis 12 Prozent eingestellt – nicht auf 20 bis 30 Prozent."

Mannel berichtet von Problemen in der Zulieferkette und in der Logistik. "Das eine ist die generelle Verfügbarkeit von den Zulieferern, das zweite ist, dass man gar keine Container mehr bekommt." Und Flugzeuge flögen auch nicht mehr so viele nach Asien, wo die meisten Zulieferer sitzen. Drei Bereiche seien vor allem betroffen, sagt Mannel. Bremsen, Gabeln und Schaltgruppen. "Da gibt es die wenigsten Alternativen, die wenigsten Anbieter."

Natürlich habe man manchmal die Möglichkeit, auf andere Zulieferer, auf andere Teile auszuweichen. Das funktioniere aber nicht immer einwandfrei. "So ein Radl muss ja immer auch ganz viele Tests durchlaufen, es muss ja sicher sein", sagt Mannel. Die Standards seien da sehr hoch. Man könne also nicht immer so leicht auf andere Teile ausweichen. "Deswegen ist das alles ein bissl schwierig derzeit." Aber trotzdem spricht man in Waldsassen von einem "Luxusproblem", die Verkaufszahlen brechen ja alle Rekorde.

Keine Probleme mit Computerchips

Weder bei Ghost noch bei Cube gab oder gibt es Schwierigkeiten mit Computerchips für E-Bikes. Anders als in der Autoindustrie standen die Bänder deswegen dort nicht still. "Das Gute an der Radbranche ist, wenn man das so sagen darf, dass wir noch nicht so professionell sind wie die Autoindustrie", sagt Mannel. "Wir sind noch nicht 100 Prozent 'just in time'." Grob skizziert kommen die Teile bei Autobauern vormittags an und nachmittags werden sie verbaut. In der Fahrradindustrie ist die Vorlaufzeit bei der Zulieferung größer. "Deswegen tut man sich leichter."

Die meisten Fahrradhändler und Werkstätten kämpfen auch mit dem Materialmangel. Das Teil, das man braucht, um ein Rad zu bauen, braucht man eben auch, um es zu reparieren. Das Zweiradcenter Weiden kommt allerdings recht gut durch die Situation, teilt die Geschäftsleitung per Mail mit. "Den vielerorts vermeldeten Teilemangel können wir aufgrund unserer Lagerkapazitäten bei allen unseren Marken sehr gut kompensieren", heißt es weiter.

"Besserung Anfang 2024"

Bei Peter Stadler sieht das anders aus, gibt er zu. Wenn es etwa um Schaltwerke geht, könnten seine Kunden durchaus bis zu sechs Monate warten müssen. Und bei einem neuen Rad? "Wir bestellen jetzt für den Herbst 2023", sagt der Amberger Fahrradhändler. "Es ist das totale Chaos in der Lieferkette." Es komme aktuell alles zusammen. Die extrem hohe Nachfrage, der Schiffsstau in China und dazu der amerikanische Markt, der "alles nimmt, was lieferbar ist, um jeden Preis", sagt Stadler. "Dagegen sind wir arme Leute."

Für Kunden bedeutet das, dass sie eben etwas geduldiger sein müssen – und vielleicht flexibler. "Wenn es einen Gegenstand in rot nicht gibt, muss man ihn dann halt in blau oder grün nehmen", meint der Zweiradhändler. Weil die Begehrlichkeit so hoch bleibe, sei es aktuell keine gute Zeit für Schnäppchenjäger, sagt Ghost-Chef Mannel. "Wenn einem das Rad gefällt und es zur Geldbörse passt, sollte man sofort zuschlagen. Denn sonst kommt der nächste Kunde durch die Tür und nimmt es." Die angespannte Situation wird sich auch im nächsten Jahr nicht verbessern, heißt es von allen. "Ich gehe davon aus, dass es sich Anfang 2024 wieder normalisieren wird", sagt Peter Stadler.

Und was ist mit den Preisen? "Die werden in nächster Zeit exorbitant steigen", meint der Amberger Händler, "Angebot und Nachfrage". Der Geschäftsführer des Fahrradhändlers Rose Bikes, Marcus Diekmann, sagte zu den möglichen Folgen des Chaos im Seeverkehr dem „Handelsblatt“: „Das wird auf das Weihnachtsgeschäft durchschlagen. Wir werden eine Mega-Preissteigerung bekommen.“

Vorwürfe gegen Weidener E-Bike-Händler

Weiden in der Oberpfalz

Ghost will die Radbranche umkrempeln

Waldsassen
Hintergrund:

Fahrradmarkt 2020

Die Wirtschaftsdaten der deutschen Fahrradindustrie für das Jahr 2020 laut Zweirad-Industrie-Verband:

  • 5,04 Millionen verkaufte Fahrräder und E-Bikes (16,9 Prozent mehr als im Vorjahr)
  • 1,95 Millionen verkaufte E-Bikes (38,7 Prozent des Gesamtabsatzes)
  • 2020 wurden 43,4 Prozent mehr E-Bikes verkauft als 2019
  • Umsatz mit Fahrrädern und E-Bikes liegt: 6,44 Milliarden Euro (60,9 Prozent mehr als 2019)
  • Durchschnittlicher Verkaufspreis pro Fahrrad (inklusive E-Bikes): 1279 Euro

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.