07.05.2021 - 10:59 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Erinnerungen an das Kriegsende in Waldsassen

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Der Zweite Weltkrieg war am 8. Mai 1945 zu Ende. Die Anzahl derer, die von den Geschehnissen damals erzählen können, werden immer weniger. Um so wertvoller sind schriftliche Aufzeichnungen aus dieser Zeit.

Das Danzer-Anwesen in Waldsassen auf einer Aufnahme aus dem Jahre 1951.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Bruno Salomon aus Waldsassen ist im Besitz eines solchen Dokuments. Er hatte vor vielen Jahren schon die Aufzeichnungen seines Nachbarn erhalten, dem Buchbindermeister Josef Danzer (1873 bis 1967). Die Notizen schildern die Verhältnisse um das Kriegsende 1945 in Waldsassen und geben Einblick in die Situation damals.

"Wir sind alle gesund und haben keinen körperlichen Schaden genommen", beginnen die Aufzeichnungen von Josef Danzer. Auch das Haus sei "glimpflich davon gekommen". Allerdings werden kleinere Schäden genannt: "Vorne sind beinahe sämtliche Fensterscheiben kaputt, auch das Schaufenster und eine Scheibe der Ladentür." Berichtet wird von einem Granateneinschlag durch das Dach des Hinterhauses, "durch Karls Kammer, den Plafond von Reindls Küche, nahm das Fensterkreuz mit und krepierte im Eiskeller von Malzer".

Die Schilderungen vermitteln ein interessantes Bild von den Kampfhandlungen in der Region vor nun mehr 76 Jahren. Zwei Stunden etwa habe das Artilleriefeuer gedauert; 80 Schuss ungefähr seien in die Stadt gefallen. "Das Binhackhaus hat drei Volltreffer bekommen. Einen zwischen Einfahrt und Binhackladen, also nur 3 Meter von uns entfernt, es wurde ein großes Mauereck mitgenommen. Die anderen zwei über der Haustür im Garten. Dort wurde ein großes Stück Hauswand heraus gesprengt, so dass zwei Zimmer blank dastehen ohne Vorderwand."

Granatsplitter im Wohnzimmer

Die Nachbarhäuser sind den Angaben zufolge mit zerbrochenen Fenstern und von Granatsplittern beschädigten Fassaden davon gekommen. "Auch unsere Fassade hat gelitten. Zwei Buchstaben der Firma sind weg und die elektrische Leitung abgesprengt. Ich fand im untern Wohnzimmer einen Granatsplitter von ca. 10 cm Länge."

Danzer schildert in seinen Aufzeichnungen das Ausmaß der Zerstörungen in Waldsassen: "Zwei Häuser in der Siebertstraße, die Forsterhäuser sowie das Wührlhaus an der Wondrebbrücke, Stadel und Stall von Ochsenmeier Franz neben Gabriel Waller und ein Flügel der Bareuther-Fabrik sind niedergebrannt." Schwer beschädigt worden seien ferner das Rathaus, außerdem mehrere Geschäfte: "Velhorn-Bäcker, Bernreuther-Bäcker, Häupl, Riedl-Schmied, Gläßl, Rosner Michael, Bogner-Bäcker, Ziegler-Bräu, Hack." Daneben habe es eine "ganze Anzahl" Dachbeschädigungen gegeben an weiteren Häusern. "Kirche und Kloster blieben unbeschädigt."

Tag und Nacht Artillerielärm

In Konnersreuth sind den Aufzeichnungen zufolge 35 Anwesen niedergebrannt, in Münchenreuth 5 Anwesen, in Hundsbach, Schloppach und Wernersreuth je ein Anwesen. "Bei uns waren während der Beschießung 25 Personen im Keller." Selbst bei den am nächsten liegenden Einschlägen sei keine Erschütterung bemerkbar gewesen. "Die im Radio gemeldeten Straßenkämpfe waren nicht, auch nicht die Panzerabschüsse."

"Die Überängstlichen kamen Tag und Nacht nicht aus den Kellern. Namentlich die Gruft war ständig vollgepfropft."

Josef Danzer in seinen Aufzeichnungen

In der Umgebung jedoch habe es weitere Kämpfe gegeben, begünstigt durch die Wälder über acht Tage in unmittelbarer Nähe. "Wir hatten Tag und Nacht den Artillerielärm in den Ohren und mussten Einschläge unserer Artillerien befürchten." Weiter berichtet Danzer: "Die Überängstlichen kamen Tag und Nacht nicht aus den Kellern. Namentlich die Gruft war ständig vollgepfropft." Weiter führt Danzer aus, dass "noch heute in Wernersreuth und Wondreb gekämpft" werde, mit dem Zusatz: "Ich schreibe dies am 2. Mai."

Ausgangsbeschränkungen

Im Haus der Danzers seien noch keine Amerikaner gewesen, heißt es weiter. Viele Häuser in den äußeren Stadtteilen hätten geräumt werden müssen, um der Einquartierung Platz zu machen. "Doch sind die Meisten schon wieder abgezogen." Danzer verweist auch auf Ausgangsbeschränkungen für die Einwohner Waldsassens – "von 8 - 10 und 4 - 6 Uhr. Diese Woche von 8 - 6 Uhr".

Unter dem 4. Mai 1945 ist vermerkt, dass Waldsassen "seit gestern einen neuen Bürgermeister und neue Stadträte" habe, mit Karl Bergauer als Bürgermeister. "Gestern wurden die männlichen und weiblichen Funktionäre der Partei auf einem Lastauto abtransportiert. Ziel unbekannt." Danzer hat notiert, dass das Geschäft "nun schon 14 Tage ganz geschlossen" sei.

"Ein- und Ausziehen"

In der Stadt sei noch immer ein "Ein- und Ausziehen" zu sehen: Es würden Häuser freigegeben, andere müssten geräumt werden. "Jetzt ist auch der Verkehr mit den nächsten Dörfern wieder freigegeben worden. Eine Zeitlang konnten nicht einmal die Kondrauer in die Stadt herein kommen." Danzer verweist außerdem darauf, dass "am nächsten Montag ein Knabe beerdigt" werde, "der einen Sprengkörper untersuchen wollte".

Die Wassernot sei "ab heute den 6. Mai wieder behoben", berichtet Danzer weiter. "Ein Volltreffer hatte in Poxdorf ein Rohr der Leitung zerhauen." Am 9. Mai abends sei auch die elektrische Leitung wieder in Ordnung gebracht worden, "sodass wir wieder Strom haben". Amerikaner seien am 10. Mai im Haus gewesen, "aber nur als Kunden, um verschiedene Sachen für ihre Schreibstuben zu holen".

"Den Laden machen wir diesen Monat überhaupt nicht mehr auf, schon der Polen wegen, vor denen nichts sicher ist", berichtet Josef Danzer weiter und verweist auf die Öffnung am Freitag, 1. Juni, "da die Polen endlich fort sind". Die "Fenster vorne heraus" habe Danzer selbst eingeglast. "Zu den anderen habe ich noch kein Glas bekommen können." Die Dachschäden seien dagegen immer noch nicht behoben. "Kürzlich regnete es so herein, dass das Wasser im Wohnzimmer bis zum Büffet lief und im Schlafzimmer konnte ich nicht an mein Bett herankommen, vor Nässe."

Weiterer Bericht über die letzten Kriegstage in Waldsassen

Waldsassen
Im früheren Danzer-Anwesen in der Luitpold-Straße befinden sich heute ein Café und eine Pension.
Hintergrund:

Doppelseitig auf dünnem Papier

  • Die Aufzeichnungen fanden sich auf einem maschinengeschriebenen, doppelseitigen dünnen Blatt Papier, das nur schwer kopiert werden konnte.
  • Der Inhalt wurde deswegen im Oktober 2015 von Stadtheimatpfleger Robert Treml abgeschrieben.
  • Das Blatt bekam Treml von Bruno Salomon kurzzeitig überlassen. Der Nachbar des Danzer-Anwesens in der Prinzregent-Luitpold-Straße erhielt die Aufzeichnungen vor vielen Jahren von der Familie Danzer und fand diese jetzt wieder – bei der Suche nach einem heimatgeschichtlichen Vorgang.

 

 

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