21.11.2021 - 09:13 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Bibliothek des Klosters Waldsassen wird ein Wohlfühlort zum Innehalten ohne Zweck und Ziel

Nicht rückwärts gewandt, sondern am Puls der Zeit: Der barocke Bibliothekssaal in der Zisterzienserinnen-Abtei in Waldsassen soll nach der Sanierung völlig anders genutzt werden. Immer wieder ist von einem "Dritten Ort" die Rede.

Ein Element aus dem Bibliothekssaal des Klosters Waldsassen hat es bereits auf die Luisenburg geschafft: Der damalige Intendant Michael Lerchenberg (im Bild als Boandlkramer zusammen mit Schauspieler Dieter Fischer) stellte 2009 auf der Naturbühne mit dem Nachbau zweier Regalreihen und lebensgroßen Figuren einen barocken Himmel dar.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Vor einem ehrgeizigen Projekt steht die Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen: Der barocke Bibliothekssaal soll in den nächsten Jahren restauriert werden. 2024 soll das Projekt vollendet sein. Dann wären genau 300 Jahre nach dem Beginn der Ausgestaltung am Anfang der Amtszeit von Abt Eugen Schmid (1724 bis 1736) vergangen.

Immer wieder fällt bei Gesprächen über die Sanierung des Bibliothekssaals und der künftigen Funktion ein Begriff aus der Soziologie: "Dritter Ort" soll die Bibliothek nach dem Abschluss der Arbeiten sein. ",Dritter Ort‘ ist ein durchaus gängiger Begriff, vor allem für Bibliotheken", erklärt Dr. Peter Pfister. Der frühere Archivdirektor und Leiter des Archivs des Erzbistums München und Freising, des Erzbischöflichen Archivs München und Diözesanarchivar des Erzbistums München und Freising sowie Direktor der Diözesanbibliothek des Erzbistums München und Freising steht dem Kloster Waldsassen nahe. Er bringt sich, seit er 2018 in Ruhestand ging, in der Abtei ein.

Erholung und Entspannung

Unter anderem unterstützte Pfister, der dem Zisterzienserorden als Laie (Familiare) angehört, die Abtei beim Aufbau des Klosterarchivs und ist zudem Herausgeber des Jubiläumsbands über das Wirken der Zisterzienserinnen aus Anlass des 25. Jahrestag der Wahl von Sr. Laetitia M. Fech OCist zur Äbtissin.

"Wir sind hier am Puls der Zeit", sagt die Äbtissin über die Stiftsbibliothek als künftigen "Dritten Ort" – der Bereich, wo Menschen Erholung und Entspannung fänden. Die Ordensfrau räumt aber gleichzeitig ein: "Ich habe vor einem Dreivierteljahr von einem ,Dritten Ort‘ auch noch nichts gewusst." Peter Pfister erzählt ergänzend von den Voraussetzungen für "Dritte Orte" nach Ray Oldenburg im Kontext mit dem Zugang zu Bibliotheken in zeitlicher, räumlicher und sozialer Hinsicht: Doch diese, so Pfister, beträfen vor allem kommunale Einrichtungen. Dies dürfe aber nicht verwechselt werden mit der künftigen Bedeutung der Klosterbibliothek in Waldsassen.

Wohlfühlort für Leib, Seele, Geist

"Das ist etwas für die heutigen Menschen, ein Wohlfühlort für Leib, Seele und Geist", so die Äbtissin. Dabei bringt Äbtissin Laetitia M. Fech den Begriff "Achtsamkeit" ins Spiel. "Das kommt immer mehr ins Bewusstsein der Menschen." Vieles sei in der schnelllebigen Zeit verloren gegangen und werde nun wieder bewusst wahrgenommen. "Und jetzt erinnert man sich daran, dass das Kostbarkeiten in unserem Leben sind", sagt die Äbtissin und nennt etwa das Waldbaden. Ebenso hätte früher niemand von einem "Dritten Ort" im Zusammenhang mit einem Kloster oder einer Bibliothek gesprochen.

"Wir wollen den Leuten unsere Spiritualität, unser geistliches Leben, für alle Sinne zugänglich machen", sieht Äbtissin Laetitia die Bibliothek als Lern- und Begegnungsraum und als pastoralen Ort. Nicht nur museal und rückwärts gewandt solle sie genutzt werden. "Wir wollen Menschen ein lebendiges Frauenkloster vorstellen und zeigen, wie Spiritualität und Kultur gelebt wird." Dies könnten Menschen mit allen Sinnen erleben. Denn viele Besucher hätten keinerlei Vorstellung von Religion. "Und von einer Zisterzienserin schon dreimal nicht."

Stille und Ruhe erleben

Den Menschen solle Stille, Ruhe aber auch Fühlen und Sehen erfahrbar gemacht und mit modernen Medien die Arbeit der Zisterzienserinnen vorgestellt werden.

Dass hinter den Klostermauern in Waldsassen eine besondere Atmosphäre der Stille herrscht, durften auch die Teilnehmer des Runden Tisches im August erleben. Nach den Beratungen in der Sporthalle besuchten die Teilnehmer die Bibliothek und angrenzende Räume.

„Da machen wir eine Glaswand hinein“, so erzählte die Äbtissin damals von den Planungen, wonach Besuchern der Blick in den Kreuzgang gewährt werden soll. Die Ordensfrau forderte die Gäste auf: „Jetzt sind Sie alle mal ruhig.“ Kurz erlebten die Besucher absolute Stille, ohne jegliches Nebengeräusch.

Szenografie

So etwas, sagt die Ordensfrau, gebe es heute nur mehr selten. "Auch das ist ,Dritter Ort': Wo ich mich irgendwo hinsetzen kann und man nichts mehr hört", so die Zisterzienserin und spricht von einem Innehalten, zwecklos und ohne Ziel. "Auch das gehört zum Leben." Denn jeder Mensch werde an diesen Punkt kommen, "wo wir nichts tun dürfen". Doch auf diese Weise könne man im Leben ein Gefühl bekommen, "dass es um unser Sein geht und dass es noch mehr gibt".

Auch der Szenografie werden sich die Ordensfrauen bedienen: Damit wird der Raum mit akustischen, visuellen und haptischen Effekten inszeniert. „Wir sind mit dem Haus der Bayerischen Geschichte in Gespräch“, verrät die Äbtissin von Kontakten zu der Einrichtung in Regensburg.

Katalogisierung und Digitalisierung

Einzelheiten darüber will die Äbtissin aber noch nicht nennen. Ein Grund dafür ist, dass die Finanzierung bisher noch nicht gesichert ist. Erster Schritt im Sommer war der Runde Tisch in Waldsassen. "Die Anträge sind jetzt gestellt", so die Äbtissin im Hinblick auf die Finanzierung. "Wir hoffen, dass wir im Frühjahr die Bewilligungsbescheide erhalten." Erst dann könnten Angebote einholt und mit der Maßnahme begonnen werden. "Wir bekommen keine Kirchensteuermittel", erklärt die Äbtissin und Pfister ergänzt: "Die Äbtissin muss ums Geld betteln." Höchstens ein Zuschuss der Diözese wäre drin.

Vor den eigentlichen Arbeiten müssen die Bücher in der Bibliothek aber ausgeräumt und zwischengelagert werden. Dabei ist eine Katalogisierung und Digitalisierung der 5500 Bücher vorgesehen. "Das muss als Vorarbeit geschehen, bevor wir überhaupt anfangen", so die Äbtissin im Hinblick auf den späteren Start des Sanierungsprojekts, das rund 6 Millionen Euro kosten soll.

Die Bestimmung der Provenienz des Bestands in der Bibliothek sei ein wesentliches Kriterium für die Forschung. „Das sind zwei große Schritte nach vorne.“ Es sei wichtig, zu wissen, was in den Regalreihen steht. Bisher sei dies nicht geschehen. "Da braucht man Fachleute", so die Äbtissin und ergänzt: "Wenn ich Dr. Pfister nicht an der Seite hätte, wäre ich das nicht angegangen."

Ohne Fachkompetenz ließe sich ein solches Vorhaben nicht verwirklichen, ist die Äbtissin dankbar. Sie spricht von einem Glücksfall, dass der Archivwissenschaftler sich nach dem Aufbau des Archivs auch der Bücher in der Bibliothek widmet.

Im August ging es um die Finanzierung der Bibliothekssaal-Sanierung

Waldsassen

Klosterfreunde beschäftigen sich mit Sanierung der Bibliothek

Waldsassen
Dr. Peter Pfister und Äbtissin Laetitia Fech (von rechts) und weitere Teilnehmer am Runden Tisch im August im Kreuzgang des Klosters.
Hintergrund:

Was verbirgt sich hinter dem „Dritten Ort“?

  • "Dritter Ort" können in der Definition des US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zufolge vielerlei Bereiche sein – ein Aufenthalt im Biergarten, in einer Gaststätte, im Garten oder eben auch in einer Bibliothek. Äbtissin Laetitia M. Fech stellt dabei das Geistlich-Spirituelle heraus.
  • "Erster Ort" benennt das Familienleben und das Zuhause.
  • "Zweiter Ort" umfasst in der Definition die Arbeit : "Dort, wo ich mein Geld verdiene und alles, was dazu gehört", so die Zisterzienserin und fügt hinzu: "... dass das Leben rund läuft".

"Ich habe vor einem Dreivierteljahr von einem ,Dritten Ort‘ auch noch nichts gewusst."

Äbtissin Laetitia M. Fech

",Dritter Ort‘ ist ein durchaus gängiger Begriff, vor allem für Bibliotheken."

Dr. Peter Pfister

 

 

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