28.10.2020 - 14:33 Uhr
WaldershofOberpfalz

Weihwasser aus dem Automaten

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Das kirchliche Leben steht auch in Zeiten von Corona nicht still. In der katholischen Kirche in Waldershof freuen sich die Gottesdienstbesucher über einen besonderen Service.

Der berührungsfreie Weihwasserspender in der Waldershofer Kirche Sankt Sebastian ist bei den Gläubigen beliebt.
von Autor FPHProfil

Es gibt Dinge im Leben, die sind so selbstverständlich, dass niemand darüber nachdenkt. So taucht fast jeder katholische Gottesdienstbesucher beim Betreten und Verlassen der Kirche seine Finger in den Weihwasserkessel und bekreuzigt sich. "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." So war es zumindest bis Mitte März. Doch dann kam Corona und mit dem Virus die Angst. Auf einmal wurden die Behälter samt geweihtem Wasser zu potenziellen Viren-Schleudern. Seither bleiben die Kessel trocken.

Die Pandemie hat das Leben in vielen Kirchengemeinden förmlich ausgetrocknet. Der Prodekan des katholischen Dekanats Kemnath-Wunsiedel, der Marktredwitzer Pfarrer Josef Triebenbacher, befürchtet, dass Corona längerfristige Folgen für das kirchliche Leben haben könnte. Lediglich die Kolpingsfamilie veranstalte ab und zu ein Treffen im Freien, was jetzt in der kalten Jahreszeit ebenfalls kaum mehr möglich sein werde. Egal ob Singkreis, Frauenbund oder Seniorenkreis, die Mitglieder dieser Gruppen haben sich monatelang nicht getroffen. "Es macht mir Sorgen, wenn vor allem die Senioren im Winter noch weniger Angebote haben."

Wir haben zumindest an den Sonntagen immer gut 150 Gläubige in der Kirche.

Pfarrer Bernd Philipp

Wann das Gemeindeleben wiederbelebt werden kann? Diese Frage bewegt Triebenbacher. "Ich befürchte, dass so einiges abbricht." Umso wichtiger ist das "Kerngeschäft" der Pfarreien: die Gottesdienste. Diese können unter strengen Hygieneauflagen stattfinden. Wobei der Besuch der Sonntagsgottesdienste in der Marktredwitzer Gemeinde Herz Jesu von 18 auf rund 10 Prozent der Gemeindemitglieder gesunken ist. "Ähnliches höre ich aus den anderen Gemeinden", sagt Triebenbacher.

700 Sitzplätze

Etwas anders sieht es in Waldershof aus. Die Neue Kirche Sankt Sebastian ist mit 700 Sitzplätzen eine der größten im Dekanat. Wie Pfarrer Bernd Philipp berichtet, dürfen unter Corona-Bedingungen 200 Menschen die Gottesdienste besuchen. "Wir haben zumindest an den Sonntagen immer gut 150 Gläubige in der Kirche." Noch eine Besonderheit gibt es in der Kösseinestadt: Hier zeichnen sich die Gläubigen seit kurzem wieder mit Weihwasser das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust.

Der Automat ist nicht zu übersehen. Obwohl die neue Kirche in Waldershof mit ihrer brutalistischen Anmutung aus Beton und Glas eine offene und moderne Atmosphäre ausstrahlt, wirkt der High-Tech-Automat am Haupteingang noch ein wenig fremd: 1,40 Meter hoch und 40 Zentimeter breit ist das filigrane Wunderwerk. Es ermöglicht den Katholiken in Waldershof, sich garantiert coronavirenfrei zu bekreuzigen. Damit sind sie technische Vorreiter. "Ich war vor kurzem in Bad Wörishofen und habe in der Stadtkirche diesen wunderschönen Automaten gesehen. Da war mir klar, dass wir in Waldershof auch so einen aufstellen sollten", sagt der Stadtpfarrer von Sankt Sebastian, Bernd Philipp, im Gespräch mit der Frankenpost. Flugs fotografierte er mit dem Smartphone das auf der Rückseite aufgeklebte Firmenschild, googelte und landete im Online-Shop eines schwäbischen Maschinenbauers.

Langfristige Anschaffung

Die Kosten des Geräts: 700 Euro. "Das ist ja kein Gag, sondern eine langfristige Anschaffung", so Pfarrer Philipp. Tatsächlich sind die Kirchgänger von dem Automaten begeistert. Dies bestätigt Mesner und Elektro-Fachmann Peter Gärtner. Er hat den Weihwasserspender installiert und weiß die Technik made in Schwaben zu schätzen. "Man kann sogar selbst bestimmen, wie viel Weihwasser er spendet."

Die Tüftler aus dem schwäbischen Mindelheim haben eine einstellbare Ultraschall-Sensortechnik eingebaut, die eine Hand auch noch im Abstand von 15 Zentimetern wahrnimmt. Je nach Wunsch der Pfarrei lässt sich die Wasserabgabe-Zeit auf 0,25 bis 2,5 Sekunden einstellen.

Individuelles Design

Der Waldershofer Mesner Peter Gärtner wird häufig auf den Automaten angesprochen. "Die Kirchgänger schätzen ihn. Endlich können sie völlig berührungslos und garantiert ohne Coronaviren Weihwasser nutzen." Die Pfarrei Waldershof hat sich für ein individuelleres Design als die schwarze Standardausführung entschieden. Das blaugraue von LED hinterleuchtete Glas, das große Kreuz und die Tropfschale aus mattem Alu wirken tatsächlich sakraler als der Prototyp.

Wie beliebt der Automat ist, hat Pfarrer Bernd Philipp neulich gemerkt. "Unser Weihwasserspender ist mit einer Zeitschaltuhr gekoppelt. Einmal hat der Gottesdienst etwas länger gedauert, und der Automat war schon nicht mehr in Betrieb, da haben einige Kirchgänger gemurrt." Sollte Corona eines Tages überwunden sein, will Pfarrer Philipp den Automaten in der Kirche stehen lassen. "Ich glaube, die Leute schätzen die Hygiene. Manchmal schwimmt eben in den normalen Weihwasserkesseln das eine oder andere unappetitliche Teilchen herum. Und wenn jeder seine Finger ins Wasser taucht, weiß man nie, ob sich daran Bakterien befinden." Trotz allem würden irgendwann auch die alten Kessel wieder mit Weihwasser gefüllt. Das wünschten sicher viele Kirchgänger.

Das Weihwasser befindet sich in einer Vase im Automaten. In diese hinein führt ein Schlauch. Wenn der Sensor eine Hand registriert, pumpt ein Elektromotor einen kleinen Spritzer Wasser nach oben und gibt ihn ab. Der Weihwasserspender ist ein Baustein des Hygienekonzepts der Pfarrei, das in Waldershof ähnlich ist wie in anderen Kirchen auch: Es darf nur eine bestimmte Anzahl Menschen in die Kirche, die Besucher müssen sich registrieren und werden von Ordnern zu ihrem Platz geführt. Auch für die Kommunion hat sich die Gemeinde etwas einfallen lassen: ein rollbares Holzgestell mit Plexiglasscheiben. Der Pfarrer teilt die Hostie durch einen Schlitz an die Gläubigen aus. So hat Corona keine Chance.

Hier ein Bericht zum 50. Weihejubiläum der neuen Kirche St. Sebastian

Waldershof
Hintergrund:
  • Das Kreuzzeichen gilt im Christentum als dreifaches Symbol: Es ist ein Zeichen für Jesus Christus, für sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung.
  • Weihwasser ist Wasser, über das von einem Priester ein Segensgebet gesprochen wurde. Damit werden auch Menschen, Gegenstände, zum Beispiel Neubauten, und Gräber an Allerheiligen gesegnet.
  • Das Kreuzzeichen mit Weihwasser beim Betreten und Verlassen der Kirche erinnert an die eigene Taufe.
  • Forscher der Hochschule Furtwangen haben Weihwasser analysiert. In gesegnetem Wasser sind – je mehr Gläubige ihre Finger hineinhalten – viele Keime vorhanden, aber weit weniger Bakterien als etwa in einem Küchenschwamm.
  • Weihwasser wird von Zeit zu Zeit ausgewechselt. Es wird aber nicht achtlos weggeschüttet.

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