12.11.2020 - 18:29 Uhr
WackersdorfOberpfalz

Wackersdorfer Boden günstig für Atommüll-Endlager

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Ironie der Geschichte: Die Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll wurde in Wackersdorf nicht gebaut. Warum der Boden dort nun für ein Endlager infrage kommt, erläutert Wissenschaftler Harald Dill.

WAA, auf Nimmerwiedersehen? Die Demonstranten von 1986 in Wackersdorf könnten nun einen Schreck bekommen: Der Geologie-Professor Harald Dill hält ein Atommüll-Endlager dort für möglich.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

ONETZ: Laut Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) sind weite Teile der Oberpfalz prinzipiell für ein Endlager geeignet. Teilen Sie die Einschätzung?

Professor Harald Dill: Die Oberpfalz gehört zu den Gebieten, die Gesteine enthalten, die von der BGE (für den Standort des Endlagers, Anm. d. Red.) vorgegeben sind – zumindest was die Granite und Tone anbelangt. Insofern wäre die Oberpfalz rein theoretisch geeignet. Bezüglich der Granite – damit kenne ich mich am besten aus – wäre das möglich. Ich möchte aber auch folgendes sagen: Man sollte nicht zu sehr auf das nordostbayerische Grundgebirge konzentrieren, wo Granit ansteht, sondern den Granit dort untersuchen, wo der im Vorland unter größerer Überdeckung auftritt. Das heißt also, nicht primär den Granitgipfel, sondern den Granit, wo er verborgen ist. Da gibt es genügend Möglichkeiten in Bayern, aber auch in anderen Bundesländern.

ONETZ: Zum Beispiel in Windischeschenbach bei der kontinentalen Tiefbohrung?

Ich habe beim kontinentalen Tiefbohrprojekt mitgearbeitet. Da ist aber kein Granit erbohrt worden. Ich könnte Ihnen aber ein anderes potenzielles Gebiet nennen, wo ich mich auch sehr gut auskenne: das Gebiet der geplanten WAA Wackersdorf – was nicht heißt, dass Wackersdorf mein Wunschziel wäre. Dort habe ich eine der großen Tiefbohrungen mit zirka 350 Metern wissenschaftlich bearbeitet. Dort gibt es 300 Meter Dachgestein, davon eine 60 Meter mächtige Wechselfolge aus Tonen und Sandsteinen, die wenig durchlässig sind, darunter, an tiefster Stelle bei 350 Meter, beginnt erst der Granit. Ein solches Dachgestein oben drüber kann teilweise sehr viel besser abdichten als mancher Gneis oder dergleichen. Was positiv hinzukommt: ein Becken, das sich senkt, wogegen ein Granitgebirge aufsteigt. Das heißt, in Wackersdorf treffen zwei Faktoren aufeinander, die positiv einwirken. Ein solches Szenario lässt sich sicherlich noch an weiteren Stellen im Grundgebirge-Vorland finden.

Das sagt der Geologe Andreas Peterek zu einem möglichen Standort in der Oberpfalz

Parkstein
Professor Harald Dill.

ONETZ: Wo wäre ein Endlager in Bayern nach Ihrer Ansicht noch möglich?

Das ist eine Frage, die ich auf keinen Fall mit Angabe von Koordinaten beantworten werde. Das wäre auch verfrüht, da für eine Lokation noch weitere Daten bereitgestellt werden müssen. Ich kann meine wissenschaftlichen Kenntnisse für bestimmte Gebiete bereitstellen. Ich kenne Nordostbayern sehr gut, ich arbeite dort seit 1976. Alles, was ich Ihnen sage, beruht auf meiner wissenschaftlichen Arbeit.

ONETZ: Es kam für viele überraschend, dass der Salzstock Gorleben im BGE-Bericht als ungeeignet eingestuft wurde. Für Sie auch?

Ich konnte diese Entscheidung geowissenschaftlich nicht nachvollziehen. Ich habe bei Gorleben eine Bohrung mituntersucht. Das ist ein Fünf-Sterne-Bergwerk, das ist sehr gut untersucht worden. Meine persönliche Ansicht ist: Da haben sie sich ins Knie geschossen. Wenn ich den am besten untersuchten Salzstock als ungeeignet erachte, und alle anderen Salzstöcke im norddeutschen Becken als mögliche Endlager-Standorte ansehe, dann sehe ich schon die nächsten Gerichtsprozesse kommen. Man hat hier also mehr politisch gehandelt und wollte Tumulten aus dem Weg gehen.

Ein Kommentar zu Professor Harald Dills Vorschlag

Wackersdorf

ONETZ: In der Region gibt es Vulkane, jüngst ist einer bei Bärnau entdeckt worden. Im Egergraben bebt die Erde. Das sind solch Ausschlusskriterien für ein Endlager – oder?

Die Oberpfalz ist wie andere Gebiete in Nordostbayern sehr stark segmentiert (das heißt, das Gestein bildet keinen homogenen Block, Anm. d. Red.). Diese Segmentierung kann wie ein Puffer wirken, kann vieles abfedern. Ich habe in Würzburg studiert. Jeder, der die Vorlesung „Die Geologie von Bayern“ von Professor Rutte gehört hat, weiß, dass der Vulkanismus vom Oberrheintalgraben, vom Katzenbuckel (Odenwald) bis zum Kammerbühl in Tschechien jünger wird. Was man jetzt in Bärnau rausgebracht hat, kennt jeder Geologiestudent. Das heißt, man muss das nicht unbedingt nochmal näher untersuchen. Es ist für mich viel wichtiger, dass man im ostbayerischen Grundgebirge die Gesteine und Zonen untersucht, so wie ich es am Beispiel Wackersdorf erläutert habe.

Ein Artikel über den Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung

Oberpfalz

ONETZ: Der jüngste Ausbruch – ein Vulkan bei Neualbenreuth (Kreis Tirschenreuth) – liegt 280 000 Jahre zurück. Aus geologischer Sicht ist das ein Wimpernschlag. Wäre ein Endlager hier wirklich sicher?

Für mich ist das eigentlich Aktionismus für die Öffentlichkeit. Man sollte wissenschaftlich das Umfeld einer vermeintlichen Ausbruchstelle anschauen. Wenn ein Vulkan ausbricht, fliegt Gesteinsmaterial in die Luft. Aber das hat noch keinen Einfluss auf ein Endlager in der Tiefe. Es gibt die 1000-Meter-Bohrung Hohenstein 1/80, die ist weniger als zehn Kilometer vom Vulkan in Neualbenreuth entfernt. Diese Bohrung lässt keine Anzeichen für ein solches Ereignis vor 280 000 Jahren erkennen. Warum? Zwischen dieser Bohrung und Neualbenreuth verläuft eine Störung (eine Fuge zwischen einzelnen Gesteinen, Anm. d. Red.). Diese puffert Erschütterungen ab. Anders ausgedrückt: Wo ist in Deutschland durch Vulkanismus oder seismische Erschütterungen ein Hohlraum untertage zusammengebrochen? Mir ist nichts bekannt. Ich plädiere für eine systematische wissenschaftliche Herangehensweise statt Ängste bei den Leuten zu schüren.

ONETZ: Aber den Vulkan bei Bärnau untersuchen doch Wissenschaftler.

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

ONETZ: Sie stammen aus Marlesreuth bei Naila. Wie würden Sie ein Endlager in ihrer Heimat finden?

Ich bin keiner, der ein Endlager in 300 Metern Tiefe, wie es die BGE vorsieht, als geeignet ansieht. Wir sind heute in der Lage, Bergwerke aufzufahren in 1000 Metern Tiefe. Ich kann mir vorstellen, wenn ein Granit in 1000 Metern Tiefe da wäre und darüber eine Tonschiefer-Grauwacken-Wechselfolge, dann wären einige Bedingungen für ein Endlager schon erfüllt. An der Brücke der Deutschen Einheit über die Saale an der bayerisch-thüringischen Grenze wurde zwischen 261 und 516 Metern Tiefe ein Granit erbohrt. Man muss sich auf der Karte der BGE auch die weißen Flecken nochmals ansehen.

Ein Interview mit Bundestagsabgeordneter Marianne Schieder über die Endlagersuche in der Oberpfalz

Wernberg-Köblitz

ONETZ: In Tschechien hat der Rechnungshof die Dauer der Suche nach einem Standort kritisiert.

Wir haben jetzt hohe Kosten, auch im Zusammenhang mit der Pandemie. Aber es gibt gewisse Dinge, bei denen man nicht nur sparen sollte. Man sollte aber in der Oberpfalz nicht das zehnte Mal das abbohren, was man bereits kennt. Und man sollte nicht mit einem überdimensionierten Aufwand versuchen, ein Endlager zu verhindern, sondern mit einem ökonomisch vertretbaren wissenschaftlichen Aufwand einen Standort finden.

Zur Person:

Professor Harald Dill

  • Herkunft: 1949 in Marlesreuth bei Naila (Kreis Hof) geboren, Wehrdienst in Weiden, heute wohnhaft in Hannover
  • Studium: Studium der Geologie, Mineralogie, Lagerstätten und Geografie in Würzburg, Aachen und Erlangen
  • Beruf: Professor an der Uni Mainz sowie im Ausland; von 1979 bis 2014 Wissenschaftler der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover; noch heute Dozent an der Uni Hannover; rund 370 Publikationen
Hintergrund:

Die Endlager-Suche

  • Zeitplan: Wie die Suche nach einem Standort für ein Atommüll-Endlager in Deutschland aussehen soll, ist per Gesetz festgelegt. Bis 2031 soll ein Standort gefunden sein, bis 2050 das Gebäude dafür stehen.
  • Zwischenbericht: Im September hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung einen Zwischenbericht veröffentlicht. Darin enthalten sind 90 Gebiete, die aus geologischer Sicht infrage kommen, darunter Teile der Oberpfalz.

Weitere Informationen zur Endlager-Suche

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