17.01.2021 - 20:09 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Vohenstraußer bewachte Kaiserproklamation

Mit der Einnahme von Paris wollte der preußische Kanzler Otto von Bismarck den Krieg gegen Frankreich beenden. 150 Jahre später erinnert Karl Ochantel an diese Zeit, die bis in die Oberpfalz hinein wirkte.

von Elisabeth DobmayerProfil

Nach der Schlacht bei Sedan verstarb der Vohenstraußer August Würschinger im 8. königlich bayerischen Jägerbataillon am 6. September 1870 nach einem Brustschuss. Seit der Schlacht um Orleans am 9. November 1870 wurde auch Andreas Jungkunst aus Vohenstrauß im 9. Jägerbataillon vermisst. Nach diesen Siegen marschierten deutsche Armeen Richtung Paris. Bereits Ende September 1870 war die Stadt vollständig eingeschlossen und die Belagerung begann.

Das Schloss Versailles diente König Wilhelm, dem Generalstab und dem Stab der 3. Armee als neues Hauptquartier. Dort wurde ein Feldlazarett eingerichtet, das auch viele Verwundete aus der Oberpfalz, insbesondere vom Amberger königlichen Infanterieregiment Nr. 6 aufnahm. Auch Andreas Griesbacher aus Georgenberg war mit den "Sechsern" auf dem Vormarsch. Er starb im Oktober 1870 "bei der Belagerung von Paris" im Lazarett.

Paris wird belagert

Im Januar 1871 wurden an die Marschleistungen der deutschen Truppen höchste Anforderungen gestellt, denn durch furchtbare Schneestürme mussten sie den im Rückzug befindlichen Franzosen immer dichter auf den Leib rücken. Auf dem Weg nach Paris waren sie ständig Gewehr- und Geschützfeuer ausgesetzt. Noch hielten sich die Truppen außerhalb der Reichweite der Pariser Festungsartillerie.

Auch die 3. Armee mit dem II. Bayerischen Armeekorps näherte sich von Süden der Hauptstadt. Der 23-jährige Georg Dümler aus Roggenstein erlag am 4. Januar 1871 seiner Schussverletzung. Im Amberger Regiment wurde Ferdinand Braun (Tännesberg) vor Paris verwundet.

Dann war der Aufmarsch der deutschen Truppen um Paris abgeschlossen. Ab dem 5. Januar 1871 begann an der Südfront der systematische Beschuss der vorgelagerten Forts auch durch bayerische Batterien des Artillerieregiments "Prinz Luitpold". 300 bis 400 Granaten pro Tag schlugen im Stadtgebiet ein. Ein Soldat des Amberger 6. Infanterieregiments "König Wilhelm von Preußen" vermerkte im Tagebuch: "Am 5. Jänner in der Früh gab es ein Vorpostengefecht in Clamart, da ging um halb 9 Uhr das Beschießen der Vorwerke von Issy-Les-Moulineaux los." Einige Tage später standen die Amberger "hinter der Schanz von Issy." Die Forts wurden niedergekämpft und die deutschen Vorposten weiter an die französische Hauptstadt vorgeschoben.

Zu dieser Zeit hatte die französische Feldarmee einschließlich neu aufgestellter Truppen eine Stärke von 535 000 Mann, war sogar den preußisch-deutschen Truppen überlegen. General v. Moltke machte sich Sorgen über den Nachschub. Zudem brachen während der Wintermonate Krankheiten unter den belagernden Truppen aus. Georg Hermann aus Waldau, Hornist im 4. Jägerbataillon, und Georg Schwarzmeier aus Altentreswitz, verstarben im Januar in einem Spital an Typhus. Ebenso am 12. März Michael Voit aus Pfrentsch vom 8. Jägerbataillon. Johann Kilger aus Georgenberg verschied am 22. Januar in einem Militärspital an Pocken.

Glänzende Kaiserproklamation

Am 18. Januar 1871 gründete sich das Deutsche Kaiserreich in der Spiegelgalerie des Schlosses zu Versailles. Auch der "Vohenstraußer Anzeiger" verherrlichte Jahre später diesen Festakt: "In dem Palast der französischen Könige sammelten sich die Fürsten und Generäle der ruhmreichen Armee, die Uniformen und Orden blitzten und schimmerten. Die Fahnen wehten und triumphierten." Den Schülern wurde der Staatsakt im prunkvollen Königsschloss, wo einst Ludwig XIV. seine Befehle ausgegeben hatte, genau beschrieben: Alle mit dem Eisernen Kreuze I. Klasse geschmückten Offiziere und Mannschaften hatten anwesend zu sein. Jedes Fuß- und Reiterregiment der einzelnen Korps sollte eine Fahne entsenden. Um halb 1 Uhr trat Seine Majestät in den Festsaal ein, während ein Sängerchor das "Jauchze dem Herrn, alle Welt!" anstimmte.

Der König nahm in der Mitte vor dem Altare Aufstellung, im Halbkreise um ihn die Prinzen von Preußen und Bayern. Es folgten Gesang, Choräle mit Posaunen, Gebet und Predigt. Nach Beendigung der religiösen Feierlichkeit trat der 74-jährige König "frisch und rüstig wie ein Jüngling" in voller Generalsuniform durch die Reihen der Versammlung auf die erhöhte Estrade zu. Nach seiner Ansprache verlas Kanzler Bismarck in weißer Uniform in die Stille der Versammlung die Proklamation: "Seine Majestät sehe es als Pflicht an, die deutsche Kaiserwürde anzunehmen."

Erinnerung an einen gefallenen Vohenstrausser

Gemälde in Vohenstrauß

Gleichzeitig erfolgte die deutsche Reichsgründung, bei der sich auch Bayern und die Staaten des Norddeutschen Bundes zum neuen Deutschen Reich vereinigten. Ein Maler hat als Augenzeuge die Proklamation in bunten Gemälden festgehalten. Ein Original in der Größe von 202 mal 167 Zentimeter befindet sich im Bismarck-Schloss bei Hamburg, ist aber für eine Ausstellung in Versailles ausgeliehen. Ein weiteres Ölbild von 1877 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erhalten sind nur schwarz-weiße Reproduktionen. Wer eine kleine Kopie davon bestaunen will, kann sich an Horst Peugler in Vohenstrauß wenden, der das Bild als wertvollen Familienbesitz betrachtet.

Der Kapplmüller stand Posten

Das Schloss wurde dabei von Infanterie bewacht. Unter den Soldaten, die am Tage der Kaiserproklamation vor dem Spiegelsaal Posten standen, war auch der Kappl von Fiedlbühl, der "alte Kapplmüller, der so gebückt gegangen ist." So erinnerte sich Chronist Donat Pinter.

Schließlich verhandelte die französische Regierung mit Bismarck über die Bedingungen eines Waffenstillstandes, der am 28. Januar unterzeichnet wurde. An diesem Tag gab es noch eine Verlustmeldung: Oberstleutnant im 4. Chevaulegers-Regiment Franz Anton von Lichtenstern, Sohn des Landrichters Reisner von Lichtenstern auf Burgtreswitz, fiel bei der Belagerung vom Pferd und verletzte sich schwer. Die Festungen in Paris streckten die Waffen, Teile der Stadt wurden von den 30 000 Mann starken Besatzungstruppen vorübergehend besetzt.

Ein Soldat vom II. Bataillon des Amberger 6. Regiments notierte: "Morgens 6 Uhr marschierten wir von Clamart über die Seine nach Paris". Der Marsch führte vorbei am zerschossenen Fort von Issy-Les-Moulineaux. "Hernach hatten wir von dem Kaiser und Kronprinzen von Preisen (!) Inspektion und Vorbeimarsch, um halb 9 Uhr ging der Einmarsch in Paris an." Dann erfolgte der Einzug von 30 000 Mann auf der Avenue Champs-Élysées.

Für die Beteiligten zählte dies zu den bedeutendsten Erlebnissen ihres Lebens. Als 1917 der Metzgermeister Johann Mühlhofer zu Grabe getragen wurde, hieß es, dass er den ganzen Krieg 1870/71 mitgemacht habe. Mit militärischen Ehren wurde 1922 auch Gendarmerie-Wachtmeister Josef Staab von Moosbach ins Grab gesenkt. Der Veteranenverein erinnerte an dessen Kriegstaten. Auch in der Grabrede für Schuhmacher Lorenz Hutzler 1930 erinnerte der Kriegerverein an dessen Einzug in Paris mit dem 2. Jägerbataillon. 1932 wurde unter Trommelwirbel und Ehrensalve Gastwirt Andreas Bamler beigesetzt. Er hatte im 6. Chevauleger-Regiment an den Schlachten bei Orleans und Paris teilgenommen, vom Feldzug 1870 gäbe es nun nur noch zwei lebende Veteranen.

Offiziell endete der Krieg am 10. Mai 1871. Noch im Mai 1871 stiftete Kaiser Wilhelm I. für alle Kriegsteilnehmer eine Gedenkmünze. Die bayerischen 4. Chevaulegers, die an Belagerung und an Besatzung beteiligt waren, kehrten erst am 4. August 1873 nach Augsburg zurück.

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