26.04.2020 - 09:55 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Serie "Virus und wir": Unter Verdacht

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Senioren sollten sich vor dem Coronavirus besonders schützen. Das kann in einem Mehr-Generationen-Haushalt zu Komplikationen führen, wie Redakteurin Christine Walbert erfahren muss.

Die Einschränkungen der Coronakrise könnten für Risikopatienten, darunter ältere Menschen, noch sehr lange dauern.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Meine Eltern haben es derzeit nicht leicht. Er (80) und Sie (78) leben in der Einliegerwohnung unseres Hauses. Wir sind ein eingespieltes Team. Seit einiger Zeit ist aber nun vieles anders. Nicht jeder hat mehr die Lizenz zu allem. Oma nimmt die Kasernierung zur eigenen Sicherheit relativ entspannt. Wohnung und Terrasse reichen ihr zum kleinen Glück.

Opa dagegen musste seine sozialen Kontakte von 100 auf 0 runterfahren. Zoigl ist gestrichen, Kirchenchor auch. Selbst der Vormittagsplausch mit Leuten, die er beim Gassigehen mit unserem Hund so trifft, muss mit Abstand über die Bühne gehen. „Also am besten redest du gar nicht mit irgendjemand“, bekommt der 80-Jährige von seiner 20-jährigen Enkelin vor jeder Runde eingeschärft. Bei der Rückkehr erwartet ihn ein Verhör. Bereitwillig gibt er jedes Mal Auskunft.

Nachmittags ist er dann ohne Hund unterwegs. Steht sein Auto nicht auf dem Wendehammer, werden die restlichen vier Leute im Haus nervös. „Wo ist er bloß schon wieder hin? Wenn er auf die Idee kommt, jemanden zu besuchen, dann kauf’ ich ihn mir“, höre ich mich tatsächlich sagen.

Stunden später taucht er wieder auf. Der Rest der Truppe hat sich auf der Terrasse versammelt. Die Lage ist besprochen. Jetzt muss er nur noch gestehen. Als unser Hund den Heimkehrer erblickt, wedelt er mit dem Schwanz. Das Tier hat die Diskussion offenbar nicht verstanden. Opa kommt die Treppe herunter – mit seinem Spazierstock in der Hand und einem Fernglas um den Hals. Es bricht Jubel aus – ein innerlicher, lautloser natürlich. Er soll nicht merken, dass wir ihn einmal mehr verdächtigt hatten, ein Kontaktverbotsbrecher zu sein. „Da kommt er ja, der Opa. War es schön im Wald?“, singen wir erleichtert. „Wie immer halt“, sagt er und liefert ohne weitere Aufforderung eine detaillierte Ortsbeschreibung.

Am Abend sitzt unser Senior im Gartenstuhl, genießt ein Seidel Bier und schaut dem Hund bei der Grundstückswache zu. Ich verfolge das alles vom Fenster aus. Meine Wache ist vermutlich noch lange nicht zu Ende.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.