24.01.2021 - 13:18 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Droge Crystal Meth: "Bei uns auf dem Dorf gibt's das auch"

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Zoom muss die Treffen ersetzen. Corona macht auch Selbsthilfegruppen wie L.O.S. das Arbeiten schwer. Wie wichtig aber gerade diese Arbeit ist, hat zuletzt eine Reportage der ARD gezeigt. Denn Vohenstrauß ist keine Insel der Seligen.

Maria Aumüller und Manuel Woyschnitzka kennen die Crystal-Szene der Stadt Vohenstrauß; der Leiter der Selbsthilfegruppe und die ehemalige Dealerin waren selbst lange Zeit Teil davon, bis ihnen der Absprung gelang.
von Gabi EichlProfil

Manuel Woyschnitzka hat sich vor Jahren mächtig in die Nesseln gesetzt, als er nach der Gründung der Gruppe L.O.S. - die drei Buchstaben stehen für „Leben ohne Sucht“ - öffentlich davon sprach, dass es hunderte Konsumenten der Designer-Droge Crystal Meth in der Großgemeinde Vohenstrauß gebe. Derlei wollte man im Rathaus nicht hören. Es dauerte eine Weile, bis die Erkenntnis nicht von der Hand zu weisen war: Es gibt sie, diese Konsumenten. Und es sind viele. Quer durch alle Alters- und Berufsgruppen.

Konsum durch alle Schichten

Die vor vier Jahren ausgestiegene Crystal-Dealerin Maria Aumüller nimmt im Video-Gespräch mit den Oberpfalz-Medien kein Blatt vor den Mund: „Vom HartzIVler bis zum Arzt war alles dabei, alleinerziehende Mütter, Väter. Ich hab' viel, viel Geld verdient damit. Das macht vor niemandem halt, das kann jeden treffen.“ Nur sehe man die Mehrzahl dieser Crystal-Abhängigen nicht.

Woyschnitzka, der über fünf Jahre hinweg Crystal konsumiert hat, sagt: „Das hat keiner gewusst, dass ich das mache.“ Die Dunkelziffer sei entsprechend hoch. Erst wenn die Sucht sich in dem Maß steigere, dass der körperliche Verfall beginne, werde sie sichtbar. Aumüller etwa sei zum Schluss „ein Skelett“ gewesen, sagt sie. Bis dahin könnten aber viele Jahre vergehen.

Die Gruppe trägt und hält, wie Aumüller sagt. André Urban, mit 23 eines der jüngsten Gruppenmitglieder, seit zwei Jahren „sauber“, wie sie in der Gruppe den Ausstieg aus der Drogenkarriere nennen, bezeichnet zum Beispiel die Selbstreflexion als enorm hilfreichen Bestandteil der Gruppentreffen. Sich immer wieder die eigenen Stärken und Schwächen schonungslos, aber nicht gnadenlos vor Augen zu halten, bestärke ungemein auf dem dornigen Weg des Ausstiegs aus der Sucht. Einem langen Weg, gepflastert mit Fallstricken. Woyschnitzka bezeichnet das Vor-Augen-Führen der persönlichen Stärken und Schwächen als eine Art Gehirntraining. Wobei er Wert darauf legt, auch die Stärken herauszustellen, um sich an diesen aufzurichten.

Woyschnitzka, verheiratet, Kinder, seit neun Jahren weg von Crystal, heute tätig in der Pflege, ehrenamtlich engagiert bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz, möchte als Vorbild gesehen werden. Und Urban bestätigt, dass er genau das ist: „An Manuel sieht man, dass es möglich ist, all das wieder zu bekommen, was man verloren hat.“

"Wir sind kein Kasperlverein"

Woyschnitzka, Aumüller und Urban bringen auf Anhieb über 100 Namen aus der Großgemeinde zusammen, die aktiv Crystal konsumierten, sagen sie. Immer wieder betont Woyschnitzka: „Wir sind kein Kasperlverein.“ Immer wieder werde ihm und seiner Gruppe ähnliches vorgehalten. Immer wieder sei festzustellen, dass man nicht wahrhaben wolle, was vor sich gehe nach dem Motto „Bei uns auf dem Dorf gibt es so was nicht“. Eben doch, sagen die drei ehemaligen Suchtkranken: „Und nicht zu knapp.“

Die Pandemie macht der Beschaffung, die laut Urban und Aumüller bisher überwiegend über das benachbarte Tschechien erfolgte, einen Strich durch die Rechnung. Der Leiter der Polizeiinspektion, Martin Zehent, geht davon aus, dass viele Konsumenten ins Darknet abgewandert seien, was die Verfolgung erheblich erschwere.

Zahlen zu Crystal Meth

München

Zehent kennt die Szene, er war zehn Jahre lang Rauschgift-Sachbearbeiter bei der Kripo Weiden. Er geht davon aus, dass die Zahlen für 2020 einen vermeintlichen Rückgang der Drogenkriminalität belegen werden, dass dies jedoch nicht die Realität widerspiegle.

Uli Münchmeier, zweiter Bürgermeister und langjähriger Jugendbeauftragter der Stadt, beschwört den Wert von Prävention. Durch die Kampagne „No Need for Speed“ sei quer durch Institutionen und Vereine auch in der Großgemeinde eine deutliche Sensibilität für das Thema entstanden. Auch Münchmeier betont, Crystal sei keine Jugenddroge, der Konsum ziehe sich quer durch die Bevölkerung.

Die ARD-Doku „Alltagsdroge Crystal Meth“ kann in der Mediathek (www.ardmediathek.de) abgerufen werden.

Selbsthilfegruppe „Leben ohne Sucht“ (L.O.S.)

  • Gründung: 2012 von Manuel Woyschnitzka und Martin Lang; im kommenden Jahr soll das zehnjährige Bestehen gefeiert werden
  • Mitglieder aktuell: zwischen 25 und 30
  • Professionalität: Woyschnitzka hat sich kurz nach Gründung der Gruppe zum anerkannten Suchtberater ausbilden lassen.
  • Erfolge: 50 bis 60 Menschen haben laut Woyschnitzka bisher mit Hilfe von L.O.S. den Weg aus der Sucht gefunden; die Rückfallquote sei gleich null.
Der Leiter der PI Vohenstrauß, Martin Zehent, kennt die Szene, er war jahrelang Rauschgift-Sachbearbeiter. Er ist froh, sagt er, dass es die Selbsthilfegruppe in Vohenstrauß gibt.
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