18.05.2021 - 15:31 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Besuche des mutmaßlichen Rechtsterroristen Franco A. in der Oberpfalz

Franco A. gibt sich als Flüchtling aus, hortet Munition und versteckt eine Waffe in Wien. Dann wird der Soldat festgenommen. Jetzt muss er als mutmaßlicher Rechtsterrorist vor Gericht. Spuren seines Doppellebens führen in die Oberpfalz.

Ein Reservist der Bundeswehr schießt im Rahmen der Ausbildung mit einer Pistole Heckler & Koch P8.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Als ein junger deutscher Oberleutnant vor vier Jahren auf dem Flughafen Wien festgenommen wird, ahnt niemand, dass sein Fall ein Beben in der Bundeswehr auslösen wird und mit Grafenwöhr und Vohenstrauß (Kreis Neustadt/WN) plötzlich auch zwei Oberpfälzer Orte in Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen einen mutmaßlichen Rechtsterroristen genannt werden. An diesem Donnerstag beginnt der Prozess gegen Franco A. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Bis zum 12. August sind zwölf weitere Verhandlungstage angesetzt worden. Dem heute 32-Jährigen wird von der Generalbundesanwaltschaft unter anderem vorgeworfen, aus rechtsextremistischer und völkisch-nationalistischer Gesinnung Anschläge auf hochrangige Politiker und Personen des öffentlichen Lebens geplant zu haben.

Franco A. war am 3. Februar 2017 bei dem Versuch, eine Pistole aus einem Versteck im Flughafen Wien-Schwechat zu holen, von der österreichischen Polizei festgenommen worden. Am Tag darauf wird er wieder freigelassen. Wenige Wochen später greift die Polizei erneut zu, diesmal die deutsche. Die Öffentlichkeit erfährt, dass der Bundeswehroffizier mehr als ein Jahr lang ein bizarres Doppelleben geführt hat: Einerseits ist Franco A. Soldat beim Jägerbataillon 291 in Illkirch-Graffenstaden, das zur Deutsch-Französischen Brigade gehört. Diese ist der 10. Panzerdivision in Veitshöchheim unterstellt. Andererseits mimt er einen vermeintlich christlichen Flüchtling aus Syrien, der in Bayern Zuflucht gefunden hat.

Besuch des "Range Day" bei der Schützengesellschaft in Vohenstrauß

In dieser Zeit soll der Sohn einer Deutschen aus Hessen und eines Italieners auch mindestens zweimal in die Oberpfalz gekommen sein. Welche Gründe Franco A. für die Besuche hatte und ob sie bei der mutmaßlichen Anschlagsplanung eine Rolle gespielt haben könnten, ist bisher nicht klar. Bei einem Waffenhändler im östlichen Landkreis Neustadt/WN soll Franco A. Waffenzubehör gekauft haben. Zudem soll der Beschuldigte Gast beim "Range Day" der German Rifle Association am 15. Oktober 2016 bei der Schützengesellschaft 1565 e.V. in Vohenstrauß (Kreis Neustadt/WN) gewesen sein. Ein Video über den "Range Day" ist noch heute auf Youtube zu finden. Franco A. ist darauf nicht zu erkennen, aber es ist zu sehen, dass es eine sehr martialische Veranstaltung war. So beschreiben auch Besucher den "Range Day". Nicht nur für Außenstehende ist irritierend, was im Schützenheim geschieht. Nach der Festnahme von Franco A. befragt die Polizei unter anderem Mitglieder des Schützenvereins.

Der Generalbundesanwalt legt Franco A. eine schwere staatsgefährdende Straftat zur Last. Darüber hinaus wirft er dem Offenbacher vor, sich eine zweite Identität als syrischer Flüchtling zugelegt zu haben, um nach einem möglichen Anschlag den Verdacht auf Asylbewerber zu lenken. Als potenzielle Opfer soll er unter anderem den heutigen Außenminister Heiko Maas (SPD), die Grünen-Politikerin Claudia Roth und die Menschenrechtsaktivistin Anetta Kahane ausgewählt haben.

Laut Generalbundesanwaltschaft hortete Franco A. illegal Munition und Waffen: darunter ein G3-Sturmgewehr des Herstellers Heckler und Koch, über Jahrzehnte das Standardgewehr der Bundeswehr, sowie ein weiteres Gewehr und eine Pistole. Zudem soll der Offenbacher mehr als 50 Sprengkörper und mehr als 1000 Schuss Munition besessen haben, die teilweise unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen. Zumindest einen Teil soll der Beschuldigte laut Staatsanwaltschaft bei der Bundeswehr entwendet haben.

Waffendiebstahl auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr

Im Zuge der Ermittlungen im Fall Franco A. gerät auch ein länger zurückliegender Waffendiebstahl auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr wieder ins Blickfeld. Am 18. Juni 2014 verschwindet dort bei einem Schießvorhaben des Deutsch-Amerikanischen Arbeitskreises (DAA) an der Universität der Bundeswehr in München eine Bundeswehrpistole vom Typ P8. Obwohl damals in Grafenwöhr alles abgesucht, die Schießbahn, die Fahrzeuge und sogar die US-Waffenkammer überprüft wird, taucht die Waffe nicht wieder auf. Auch eine Befragung aller Teilnehmer des Schießens sowie eine Überprüfung der Waffenkammer der Bundeswehruniversität München und eine Absuche des gesamten Geländes der Universität bringt die Pistole nicht zu Vorschein. Es werden auch Querverbindungen zu einem Waffendiebstahl auf dem Truppenübungsplatz Munster Süd am 13. Februar 2017 festgestellt. Dort war ein Transportpanzer Fuchs aufgebrochen und Pistolen und Gewehre entwendet worden, darunter ein Sturmgewehr G3.

Ein G3 soll auch im Zusammenhang mit den Besuchen von Franco A. in Vohenstrauß eine Rolle spielen. Wie die Berliner "Tageszeitung (taz)" berichtet, habe ein bayerischer Waffenhändler ausgesagt, Franco A. habe ihm von seinem G3-Sturmgewehr erzählt. Er soll das Gewehr demnach im Juli 2016 auf dem Schießstand des Waffenhändlers eingeschossen haben. Ob es diese Waffe gibt und sie von den Behörden gefunden und sichergestellt wurde ist bisher unklar.

Schwere Vorwürfe an die Bundeswehr

Nach der Verhaftung von Franco A. fällt die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein vernichtendes Urteil über die Bundeswehr, diese habe ein Haltungsproblem. Kasernen und Dienststuben werden nach Wehrmachtsdevotionalien durchsucht. Im Bereich der 10. Panzerdivision werden sogar die Spinde ins Visier genommen, auch in der Oberpfalz. Das sorgt für viel Unmut unter den Soldaten, die sich in ein falsches Licht gerückt sehen. Doch es gibt zu dieser Zeit einen als Rechtsextremisten eingestufte Offizier, der in der Region dient. Er ist Ausbilder und hat ebenfalls in München an der Bundeswehruniversität studiert. Ob er und Franco A. sich kennen, ist offen. Inzwischen hat der Offizier und Aktivist der rechtsextremen Identitären Bewegung die Bundeswehr verlassen.

Durch die Auswertung des Mobiltelefons von Franco A. stoßen die Ermittler auch auf die Chatgruppe „Süd“ und erfahren so von der Existenz des Telegram-Accounts von „Hannibal“. Dahinter verbirgt sich der inzwischen aus der Bundeswehr ausgeschiedene KSK-Soldat André S. Der Gründer des Vereins Uniter steht im Zentrum verschiedener Chats von "Preppern", die sich einen „Tag X“ vorbereiten, eine drohende Katastrophe – etwa das angebliche Überrennen des Landes durch Geflüchtete.

Im Februar dieses Jahres bilanziert der Wehrdienstbeauftragte in seinem Jahresbericht 2020, "die Ermittlungen brachten zwar keine Hinweise auf die Existenz einer ,Schattenarmee', festzustellen waren allerdings ,Beziehungsgeflechte', ,Kennverhältnisse' oder ,Netzwerke' zwischen Verdachtspersonen mit unterschiedlicher Qualität, verbunden durch eine gemeinsame Geisteshaltung".

Franco A. gibt reihenweise Interviews

Nach seiner Festnahme in Deutschland befindet sich Franco A. von April bis November 2017 in Untersuchungshaft. Dann kommt er wieder frei. Die Anklage wegen Terrorverdachts lässt das Oberlandesgericht Frankfurt Mitte 2018 zunächst nicht zu. Dagegen zieht der Generalbundesanwalt vor den Bundesgerichtshof und bekommt recht. Jetzt ist wieder das Oberlandesgericht in Frankfurt am Zug. Franco A. ist in zurückliegenden Jahren nicht untätig gewesen. Er spricht mit deutschen und ausländischen Journalisten, gibt Interviews und sucht die Öffentlichkeit. Die "New York Times" lädt er sogar zu sich nach Hause in Offenbach ein und lässt sich in seinem Keller fotografieren.

Anklage gegen Oberleutnant zugelassen

Deutschland & Welt
Ein Ausbilder der Bundeswehr erläutert Rekruten während einer Schießübung den Gebrauch einer Pistole vom Typ Heckler & Kock P8.
Ein Soldat der deutsch-französischen Brigade steht im Mai 2017 vor dem Stabsgebäude des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr in Illkirch bei Straßburg (Frankreich). Dort war der terrorverdächtige Oberleutnant Franco A. stationiert.
Die Außenansicht des Oberlandesgerichts in Frankfurt am Main. An diesem Donnerstag beginnt hier der Prozess gegen den mutmaßlichen Rechtsterroristen Franco. A.

 

 

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