20.09.2020 - 10:37 Uhr
Vilshofen bei RiedenOberpfalz

100 Jahre Kalksteinwerk Vilshofen: Das weiße Gold vom Vilstal

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Das waren noch Zeiten, als Vilshofen drauf und dran war, ein kleines Städtchen zu werden. Das Kalksteinwerk brachte vor 100 Jahren Leute und Geld in den Ort. Sogar ein kleines Kaufhaus siedelte sich an. Ein Rückblick.

Arbeiter des Vilshofener Kalksteinwerks in den Jahren um 1930.
von Externer BeitragProfil

Von Albert Kräuter

In den Jahren um 1910 wurde die Eisenbahnstrecke von Amberg nach Schmidmühlen gebaut. Das gab den Ausschlag, den Abbau des Jura-Kalksteines in Vilshofen in die Wege zu leiten. Am 21. Mai 1920 gründeten findige Unternehmer das Kalkdüngerwerk Oberpfalz. Das war der Beginn einer wechselvollen Geschichte des Bergbaus in der Region.

Schon in den ersten Jahren nach Gründung wurden 20 Arbeiter beschäftigt. Der Kalkstein musste in mühevoller Handarbeit abgebaut, zertrümmert und verladen werden. Produziert wurden Branntkalk, Düngekalk für die Landwirtschaft und Kalksteinschotter für den Handel. Das Werk warf zunächst kaum Gewinn ab. Wegen der Weltwirtschaftskrise blieb die Rendite aus. In der neu erbauten Kantine des Werkes kostete ein Liter Bier 520 Mark. Anno 1923 machte die Inflation auch hier keinen Halt. Um einen Konkurs abzuwenden, entschloss man sich, die "Eisenwerk-Gesellschaft Maximilianshütte" aus Sulzbach Rosenberg, besser bekannt als Maxhütte, als Teilhaber aufzunehmen.

Kalk für die Maxhütte

Der neue Abnehmer benötigte große Mengen an Rohkalkstein für die Hochöfen und gebrannten Kalk für das dortige Stahlwerk. Die Produkte aus dem werkseigenen Steinbruch in Lengenfeld bei Kümmersbruck reichten nicht mehr aus, so dass ein gewichtiger Teil des Abbaus auf Vilshofener Vorkommen verlegt werden musste.

Ab Beginn des Krieges 1939 wurden wehrtaugliche Belegschaftsangehörige eingezogen. Zur Erhaltung des Betriebs schickten die Nazis Zwangsarbeiter nach Vilshofen, in den Jahren 1940/1941 waren dies 40 französische - und in den Jahren 1943/1944 dann 40 russische Kriegsgefangene - darunter zwei Frauen. Auf dem Bahnhofsgelände Vilshofen befand sich ein Holzlagerplatz. Hier errichtete man Holzbaracken zur Unterbringung der Zwangsarbeiter. In Bezug auf das Hauptwerk Maxhütte liegt die Vermutung nahe, dass die Kriegsgefangenen aus "Stalag XIII, Sulzbach-Rosenberg" nach Vilshofen verlegt wurden. Stalag ist die Abkürzung für Stammlager.

"Illegaler Kontakt" zu Gefangenen

Die Gefangenen litten viel Hunger. Im Dorf wusste man von der Not der Menschen dort im Kalkwerk. An einem kalten Wintertag fasste sich ein Vilshofener Landwirt ein Herz und lieferte eine Fuhre Dorschen (Futterrüben) an die Zwangsarbeiter. Leider wurde die Fuhre durch die klirrende Kälte ungenießbar, dennoch aßen die Gefangenen die verdorbenen Rüben. Ein französischer Kriegsgefangener wurde sogar aus der Gefangenschaft entlassen, da er eine Frau aus Schmidmühlen vor dem Ertrinken in der Vils gerettet hatte. Zu einem aufsehenerregenden Zwischenfall kam es im Mai 1944: Drei deutsche Mitarbeiterinnen, beschäftigt in der Küche und in der Verwaltung, erhielten Russisch-Unterricht von einem der sogenannten Ostarbeiter. Ein Wachposten meldete den Vorfall, es kam zum Eklat. Die Behördenmaschinerie setzte sich in Gang Die Mädchen wurden "illegalen Kontaktes" beschuldigt, auch hätten sie diesem Strafgefangenen Essen zukommen lassen, warf man ihnen vor. Den Protokollen der Gendarmerie zufolge wollten die Beschuldigten nur den enormen Verständigungsschwierigkeiten entgegenwirken, beteuerten sie arglos. "Die fraglichen Personen sind, falls ein verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen vorliegt, in das Gerichtsgefängnis zu meiner Verfügung in Polizeihaft einzuliefern", hieß es in einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei Regensburg an den Amberger Landrat. Zu einer Inhaftierung der Mädchen ist es aber offensichtlich nicht gekommen.

Ab 1949 war die Maxhütte alleiniger Eigentümer des Vilshofener Betriebes. Zwei neue Hochleistungs-Schachtöfen wuchsen aus dem Boden, die sogenannten Burkhardt-Öfen, Leistung 100 Tonnen Kalk pro Tag. Wie ein Riesen-Zwillingspaar standen die monströsen 50 Meter hohen Metallkonstrukte in der Landschaft, weithin sichtbar im Vilstal. Beim Abbau der Gesteinsmassen kamen jetzt Bagger und Lader zum Einsatz. Am 14. Mai 1950 wurden die neuen Schachtöfen angeblasen. Die Werkskapelle Rosenberg spielte auf, um 8 Uhr begann der Einzug der Belegschaft in die Pfarrkirche Vilshofen zu einem feierlichen Gottesdienst. Anschließend zogen Schuljugend und Belegschaft durchs Dorf zum Kalksteinwerk. Gegen 10 Uhr hörte man das Heulen der Werkssirene, elf Böllerschüsse hallten durchs Vilstal.

Der Abbau in Vilshofen kletterte auf ein Maximum, die Jahresproduktion stieg auf 400 000 Tonnen Rohkalkstein und 100 000 Tonnen gebrannten Kalk. Die Zahl der Belegschaft erreichte in den frühen 1950er Jahren den Zenit mit 240 Beschäftigten. Anfang der 1950er Jahre wurden in Vilshofen Werkswohnungen geschaffen: die sogenannten Maxhüttenhäuser; die beiden Komplexe bestanden aus je 18 Wohneinheiten. Sogar im Auftrag des Landkreises Amberg wurde gegen die Wohnungsknappheit angekämpft: Es entstanden zwei Bauten - im Volksmund "die Kreishäuser", sie standen an der Bahnhofstraße. Für das Führungspersonal des Kalksteinwerkes errichtete der Maxhütte-Konzern zwei Wohnhäuser in der "Hermesleiten" (an der Hammerbergstraße). Des Weiteren wurde ein Kaufhaus der Kette Konsum angesiedelt.

Felsbrocken im Wochenbett

Die Baracken dienten später den Flüchtlingen als Unterkunft. Eine junge Frau aus Schlesien hatte ein Kind geboren. Aufgrund einer Sprengung im Steinbruch segelte ein Felsbrocken durch das Dach der Baracke und fiel genau in das Bett, das die Frau einen Moment vorher verlassen hatte. Mutter und Baby bleiben unverletzt. "Dass solche Felsbrocken durch die Gegend flogen, das kam schon öfter vor", erzählt Albert Mehringer vom Metznhof. "Einmal, bei der Arbeit auf dem Feld, landete so ein Brocken, einen Zentner schwer, direkt vor mir auf dem Acker, so dass die Pferde scheu wurden und ich sie kaum beruhigen konnte."

"Modernste Schule der Oberpfalz"

Vilshofen im Aufschwung: Auf dem Pfarrberg entstand ein neuer Schulkomplex. Einweihung 1952. Zur Ehre König Maximilians, aber auch in Anerkennung eines bevorstehenden kräftigen finanziellen Zuschusses seitens der Maxhütte, erhielt das neue Gebäude die Bezeichnung Maximiliansschule. Eine entsprechende gusseiserne Tafel wurde neben dem Haupteingang angebracht. Bei der Einweihung bezeichnete man den Neubau als "eine der modernsten Schulen in der Oberpfalz". Allerdings blieb die ursprünglich versprochene Unterstützung aus, so dass sämtliche Kosten der Gemeinde aufgebürdet wurden. Vilshofens Bürgermeister Praller war so verärgert, dass er beabsichtigte, die Gedenktafel persönlich aus der Wand zu reißen. Da aber die Einweihung mit zahlreichen Ehrengästen noch bevorstand, wurde diese "heilige" Handlung auf etwas später verschoben. Immerhin aber gab es bei den Feierlichkeiten eine Überraschung für alle Schüler: Sie durften, so wurde verkündet, auf Kosten des Maxhütte-Konzerns eine Busreise an die Walhalla unternehmen.

20 Millionen Deutsche Mark hatte man seit 1950 in den Betrieb investiert. Alleine im Jahre 1960 rollten von Vilshofen aus 10 800 beladene Waggons nach Sulzbach-Rosenberg. Das Kalksteinwerk schrieb schwarze Zahlen bei jetzt 90 Beschäftigten. Aber nach nur wenigen Jahren musste diese Euphorie der Ernüchterung weichen, denn schon 1969 kursierten Gerüchte über einen Verzicht auf das Vilshofener Werk vonseiten des Sulzbach-Rosenberger Maxhütte-Konzerns, der nun mit Kalkstein aus Regensburger Vorkommen beliefert werden sollte. 1970 erfolgte die Stilllegung des Betriebes in Vilshofen. Von 1970 bis 1980 lag das Werk brach. Anfang der 1980er übernahm die Hormersdorfer GmbH mit neun Beschäftigten den Steinbruch.

Bürger für Erweiterung

1998 wurden Abbaugrenzen erreicht. Schon rechtzeitig hatte man einen Antrag mit Ausdehnung in Richtung Hammerberg gestellt. Dagegen gab es Widerstand aus der Bevölkerung. Durch die Sprengungen im Steinbruch und den damit verbundenen Erschütterungen gäbe es Risse in nahegelegenen Wohngebäuden, wussten einige Bürger zu argumentieren. So wurde das weitere Überleben des Kalksteinwerkes zu einem politischen Thema. Die Bürger entschieden sich jedoch für den Erhalt des Betriebes und somit für die Erweiterung des Areals um weitere 25 Hektar. 2005 übernahm die Basalt AG den Vilshofener Steinbruch. Im Jahre 2007 musste aber auch hier den letzten 13 Mitarbeitern gekündigt werden.

2019 fand sich erneut ein Käufer für das Steinbruch-Areal. Die Firmengruppe Schatz aus Schwarzenfeld erwarb das Gelände. Mit sieben Mitarbeitern und einem gut ausgestatteten Maschinen- und Fuhrpark steht für die Kunden eine umfangreiche Produktpalette gängiger Körnungen an Kalkstein zur Abholung bereit. Bereits im ersten Jahr nach der Werksübernahme wurden 120 000 Tonnen an Kalkstein produziert. Nachschub entsteht durch "sanfte Sprengung" mit neuester Technik, in dezimierten Mengen, umweltfreundlich und für die Bevölkerung kaum hörbar.

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