01.07.2021 - 12:59 Uhr
VilseckOberpfalz

Kunstpfad Vilseck: Land-Art im grünen Herz der Stadt

Ein "Jurassic Fish" gestrandet auf der Kiesbank, ein rosa Lichtmast vor grünem Auenwald, ein Salzfuhrwerk havariert im Schilf: In der Vilsaue verschmelzen spannende Skulpturen mit der Natur zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk.

Auch Kunstpfad-Initiatorin Adolfine Nitschke gestaltet mit bei Kateřina Kubalovás "Quercus & Tilia".
von Anke SchäferProfil

Zehn grundverschiedene und effektvoll platzierte Skulpturen und Installationen verteilen sich über das idyllisch gelegene Gelände entlang der renaturierten, sanft dahin plätschernden Vils. Die stimmige Wechselwirkung von Kultur und Natur bietet Entschleunigung vom hektischen Alltag und spricht alle Sinne an. Auch an lauschigen Plätzchen zum Verweilen und Genießen fehlt es nicht - von Bänken über Sitzschiffe bis zum Beobachtungssteg ist alles vorhanden.

Dass Vilseck zu diesem "Land-Art"-Kleinod gekommen ist, verdankt die Stadt Kulturamtsleiterin Adolfine Nitschke und deren ausgeprägtem Gespür für die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt. Kaum war Pilsen zur Kulturhauptstadt Europa 2015 gekürt, habe sie "die Fühler ausgestreckt" und erste Kontakte in Sachen Kultur-Kooperation mit den tschechischen Nachbarn geknüpft.

Als sich das länderübergreifende Projekt Kunstpfad herauskristallisierte, gaben Bürgermeister Hans-Martin Schertl und der Stadtrat den notwendigen Rückhalt. Und so kam es, dass vom 6. bis 19. Juli 2015 sechs Land-Art-Künstler und Bildhauer aus Tschechien, Kanada, Deutschland, Finnland und den USA ihre Zelte in Vilseck aufschlugen. "Die Goldene Straße - Künstler interpretieren historische Wege" lautete das Motto dieses ersten Künstlersymposiums.

Der Titel kam nicht von ungefähr, war Vilseck doch im Hochmittelalter durch Eisenerzvorkommen und Verhüttung an die berühmte "Goldene Straße" zwischen Nürnberg und Prag angebunden. Dabei handelte es sich im Übrigen nicht nur um eine einzige Strecke, sondern ein weit verzweigtes Wegenetz, wie Adolfine Nitschke anmerkt.

Von den enormen Herausforderungen, die es damals entlang der Handelstrassen zu bewältigen galt, ließen sich die Künstler inspirieren. Professor Jiří Beránek platzierte als Symbol für den langen, beschwerlichen Transport der Waren einen Granit-Tetraeder am Vils-Ufer. Holzbildhauer Jakub Hanzl ließ ein Salzfuhrwerk im Morast versinken. Während der mühsamen, aber gewollten Handarbeit an sperrigen Eichen-Kanthölzern boten Vilsecker Beobachter schon mal Motorsägen an, was der Künstler dankend ablehnte.

Dankbar für die örtliche Hilfsbereitschaft war dagegen der Amerikaner Tim de Christopher, dessen Steinmetz-Werkzeug nicht gleichzeitig mit ihm in der Oberpfalz angekommen war. Sein vierteiliger, aus Jura-Kalkstein geformter "Jurassic-Fish" zählt zu den beliebten Anlaufpunkten für Groß und Klein. Stefan Link aus Kallmünz bereicherte den Kunstpfad um ein Ensemble mystischer, teils menschlicher, teils insektenhafter oder fischköpfiger "Flußgeister" aus Eichenstämmen. "Courage" in jeder Hinsicht bewies sein aus Schnellersdorf stammender, in Kanada lebender Kollege Erwin Regler, der Militärschrott, sogar mit echten Einschusslöchern, vom nahe gelegenen Truppenübungsplatz Grafenwöhr zu einer hoch aufragenden Skulptur verschweißte.

Der gebürtige Vilsecker und heute in Finnland beheimatete Albert Braun wiederum verneigte sich mit den aus Ziegelsteinen geformten, verschlungenen Buchstaben "E" und "L" vor der Legende um den Vilsecker Türmersohn Elias Peißner, der seine Geliebte Lola Montez einst auf der Flucht aus München auch in Vilseck versteckt haben soll.

Angesichts des großen Zuspruchs und der positiven Erfahrungen im Rahmen der Umsetzung des Kunstprojekts lag eine Fortsetzung nahe. Tatsächlich brachte vier Jahre später das diesmal von tschechischer Seite aus initiierte Internationale Künstlersymposium "Verbinden und Zusammenwachsen - von Land zu Land" vier Künstlerinnen aus Deutschland und Tschechien für zwei intensive Arbeitswochen nach Vilseck.

Im Vergleich zum Männer-Symposium fiel Adolfine Nitschke dabei ein Unterschied in der Herangehensweise auf: Die Künstlerinnen seien sensibler und selbstreflektierter vorgegangen. Auch der Bezug zur Umwelt habe diesmal mehr im Mittelpunkt gestanden. Deutlich zu sehen etwa bei Herta Wimmer-Knoll aus Kallmünz, die eine überdimensionale, nachts leuchtende "Flaschenpost" aus Metall und PET-Flaschen auf einer Vils-Insel installierte.

Die tschechische Bildhauerin Kateřina Kubalová wiederum erdachte die zweiteilige Skulptur "Quercus & Tilia": "Germanische" Eiche und "slawische" Linde umrahmen einen gemeinsamen offenen Raum, variabel in den Holzseiten steckende Holzstäbchen laden die Besucher zum Mit- und Umgestalten der Wände ein. Zwei Lichtmasten, einer aufrecht, der andere am Boden liegend, verschmelzen zur "Entwurzelten Vertikale" ihrer Landsmännin Tereza Fiserová. Als städtisches Motiv umgesetzt, versinnbildlichen die Masten den gesunden Wald einerseits und gefällte, mit knallrosa Insektizidlösung überzogene Borkenkäfer-Opfer andererseits.

Ohne zu ahnen, welche Symbolkraft ihrer tonnenschweren Eichenskulptur noch zukommen sollte, erschuf Hanna Regina Uber aus Aschach ihren "Taucher". Zum Zeitpunkt seiner Entstehung sollte er in voller Montur unter anderem den Zwiespalt zwischen Schutz und Einengung repräsentieren. Dass er kurz darauf das perfekte Bild zur Corona-Pandemie abgibt, lässt nicht nur Adolfine Nitschke staunen.

Ein bestimmtes Kunstobjekt kann und will die Kunstpfad-Initiatorin nicht hervorheben. Ihr ist jedes auf seine ganz eigene Weise ans Herz gewachsen, schließlich hat sie ja die Entstehung jedes einzelnen mit Leidenschaft und Engagement begleitet. In unserer Serie "Museen in der Oberpfalz" stellen wir an den kommenden Wochenenden hier im Magazin interessante und spannende Ausflugsziele vor - die auch mal bei schlechtem Wetter zu einem Besuch verlocken.

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Info:

Der Kunstpfad in Vilseck

  • Der rund 2 Kilometer lange Kunstpfad ist frei zugänglich, barrierefrei, für Kinderwagen und Rollator geeignet, Begehung als Rundweg möglich
  • Parkmöglichkeiten am Großparkplatz Ziegelanger
  • Öffentliches, behindertengerechtes WC, Ladestation für E-Bikes und E-Autos vorhanden
  • Burgquelle, Grillplatz/Feuerstelle, Naschgarten und Pavillon in unmittelbarer Nähe
  • Lageplan mit Abbildungen aller Kunstwerke unter www.vilseck.de.
  • Informationen/Führungen unter Tel. 09662/9916
  • Weitere Tipps: Erstes Deutsches Türmermuseum (mit Lola- Montez-Kleid), Burgturm Burg Dagestein, Städtisches Höhenschwimmbad Vilseck

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