18.10.2019 - 09:06 Uhr
VilseckOberpfalz

Chefin im Happy Rock und an der Kirchenorgel

Am Schluss zieht sie das Register 29, die Scharfzimbel. Zum Auszug des Pfarrers muss die Orgel noch einmal richtig in Schwung kommen. Disko-Betreiberin Hedwig Müller (93) liebt die Musik - im Happy Rock, wie in der Kirche.

Sie ist nicht nur Bayerns älteste Disko-Betreiberin, sondern vielleicht auch dienstälteste Kirchenorganistin: Hedwig Müller (93) begleitet die Gottesdienste in der Pfarrkirche St. Ägidius in Vilseck.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Es ist ein kalter Mittwochabend, die Pfarrkirche St. Ägidius füllt sich nur spärlich für die Messe. Am Altar flattern die Kerzen in der Zugluft und oben auf der Empore knöpft Hedwig Müller ihren dicken Pelzmantel zu. Die 93-jährige Chefin der Diskothek Happy Rock will heute nichts hören von Rockmusik. Sie mag sich auch nicht unter Pulks von jungen Leute mischen. Mittwoch ist Kirchentag und immer mittwochs spielt sie die Orgel in Vilseck.

Organistin Hedwig Müller in der Abendmesse

Eine Nicki-Hose hat Hedwig Müller angezogen und Sandalen, weil die so bequem sind. Sie rückt ein weißes Blatt Papier aus einem großen Malblock zurecht, das sie vor sich auf die Notenablage gelegt hat. Darauf steht mit dicken, roten Edding-Stift geschrieben: "Den Engel will ich loben" - der Titel des Liedes aus dem Gotteslob mit der Nummer 540. Sie stellt auch noch den Mantelkragen auf. Der Ministrant zieht an der Glocke neben der Sakristei und die Organistin legt ihre langen Finger auf die Tasten. Hochkonzentriert, auf der Sitzbank leicht nach vorne und hinten wippend begleitet sie zwei Strophen des Liedes.

Hedwig Müller kann die herkömmlichen Notenblätter nicht mehr lesen. "Ich hab mal probiert, die Zeilen größer abzukopieren, aber das mach ich jetzt auch nicht mehr", sagt sie nach der Messe. Sie spart sich die Mühe und spielt lieber auswendig. Damit sie sich daran erinnert, was sie vor dem Gottesdienst mit dem Mesner abgesprochen hat, schreibt sie die Titel der Lieder in der richtigen Abfolge mit großen roten Lettern auf ein Stück weißes Papier. Das ist - neben dem Pelzmantel - alles, was die 93-Jährige so alleine dort oben auf der Empore braucht.

Auf den Segen des Pfarrers folgen noch zwei Strophen von "Rosenkranzkönigin". Feierlich soll der Gottesdienst zu Ende gehen, auch wenn nur eine Handvoll Besucher in der Kirche sind. Hedwig Müller zieht das Register 29, die Scharfzimbel. Hohe Pfeifentöne verstärken die letzten Akkorde, die in die Melodie des Te Deum übergehen. Über das Gesicht der 93-Jährigen huscht dabei ein Lächeln.

"Ich geh nicht mehr so oft in die Disko", sagt sie, als die letzten Töne verklungen sind. Im August 2018 hatte sie das Happy Rock nach einer zweieinhalbjährigen Umbau-Zeit allen Unkenrufen zum Trotz wiedereröffnet. Allerdings mit Unterstützung einer jungen Mannschaft. "Die Jungen", sagt sie, "die bekommen später alle mal Probleme mit dem Gehör." Die Musik in der Disko ist ihr mittlerweile zu laut, sie will sich schonen. "Ich möchte noch Orgel spielen bis ich sterbe. Und dazu muss ich gut hören können."

Nicht nur hören muss sie können, sie muss vor allem die 38 Stufen der engen Wendeltreppe zur Empore hinauf und hinunter steigen. Pünktlich zum Schlusslied ist ihr Chauffeur erschienen. Ein Mann, der gar nicht so aussieht, als ob er regelmäßig in die Kirche ginge, in Tarnmuster-Hose, olivgrünem Parka, mit langen grauen Haaren und einer Baseball-Kappe. Er hilft der Organistin die Treppen hinunter. An einem Seil hält sich die 93-Jährige dabei fest. Vor der Tür wartet bereits ein dicker Pick-Up-Truck auf sie.

Früher kam Hedwig Müller zu Fuß. Als sie anfing Orgel zu spielen, war sie 15 Jahre alt. 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, spielte sie zum ersten Mal bei einer Messe in der Ägidius-Kirche. Was sie als junges Mädchen begann, hat sie bis heute durchgehalten - nicht immer in Vilseck, zwischenzeitlich spielte sie das Kircheninstrument auch in der Jakobskirche in Cham - aber dennoch ununterbrochen. Trotz der langen Nächte in der Disko hat sie die kühlen Abende in der Kirche nie aufgegeben.

Hintergrund:

Kult-Disko Happy Rock

Am Stadtrand von Sulzbach-Rosenberg, direkt an der Bundesstraße 85, steht die Kult-Disko Happy Rock. Seit 1986 treffen sich hier die jungen Leute aus der Region. Und seit 1986 gehört Hedwig Müller zum Inventar der Lokalität. Im Alter von 56 Jahren hatte sie sich damals entschieden, das Happy Rock neu zu eröffnen - in eben diesem Gebäude, das zuvor Ausstellungshalle eines Steinmetzbetriebes war. Mittlerweile gilt Hedwig Müller als älteste Disko-Betreiberin weit und breit.

Vorher war Hedwig Müller auch schon Gastwirtin. Damals in Vilseck. Happy Rock hieß auch der Laden in ihrer alten Heimatstadt. Doch der Standort erwies sich als ungünstig. "Das Geschäft lief gut, aber es gab jede Menge Beschwerden von Anwohnern", erzählte sie bei einer früheren Reportage. Kurz vor Weihnachten 2015 musste das Happy Rock in Sulzbach-Rosenberg überraschend schließen. Die Behörden hatten Mängel beim Brandschutz ausgemacht. Die Wiedereröffnung erfolgte dann - nach einigen Verzögerungen - Ende August 2018 mit einem neuen Team - an deren Spitze immer noch Hedwig Müller steht.

Reportage zu den Umbauarbeiten im Happy Rock

Im August 2018 feierte die Kult-Disko von Hedwig Müller ein Comeback

Kropfersricht bei Sulzbach-Rosenberg
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