06.08.2020 - 12:22 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Wohnquartier in der Altstadt von Tirschenreuth

Mut bewiesen haben Ferdinand Lehner und seine Frau Monika Lehner-Haas mit der Sanierung des 200 Jahre alten Ackerbürgerhauses in der Hochwartstraße 11. Nach zwei Jahren Bauzeit ziehen nun die Mieter in das Wohnquartier ein.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Bauingenieur Ferdinand Lehner kennt das leerstehende historische Gebäude an der Hochwartstraße schon länger. "Das Ackerbürgerhaus gefiel mir gleich", sagt er bei einer Feierstunde zum Abschluss der Bauarbeiten am Freitagabend. Als er 2014 mitbekommt, dass ein Käufer für das desolate Anwesen gesucht wird, macht er sich kundig und erwirbt es wenige Tage später. Dann pausierte das Vorhaben. "Wir wollten erst erwägen, was man daraus machen kann." Den ursprünglichen Plan, ein Ingenieurbüro in dem historischen Bau in der Altstadt unterzubringen, verwarf Lehner wieder. Die Innenstadtlage war schwierig, besonders Parkplätze für Kunden und Mitarbeiter fehlten. Schnell reiften Pläne für ein Wohnquartier.

Nach dem Städtebauförderantrag bei der Stadt 2017 ging es mit großen Schritten voran - die Bauherren entwickelten ein Nutzungskonzept. Als Bauingenieur kommt Lehner immer wieder mit der Denkmalpflege in Berührung. Er weiß, dass die Umsetzung eines solchen Vorhabens ohne Experten, die sich mit der Sanierung historischer Substanzen auskennen, fast unmöglich ist. Außerdem unterstützte die Kreisstadt die Bauherren mit der Städtebauforderung.

Geschichte genauer erforschen

2018 startete die Baumaßnahme. Zunächst wurde das 20 Jahre leerstehende Gebäude ausgeräumt, entrümpelt, der Putz abgeschlagen. "Alleine die Kosten für die Schuttcontainer beliefen sich auf 17 000 Euro", erinnert sich Lehner. Die Hauptbauphase ging 2019 über die Bühne. Besonders das Fundament musste zunächst großzügig untermautert werden. Denn das "Stadtbrandhaus", das beim Stadtbrand 1814 vom Feuer beschädigt und später wieder aufgebaut wurde, ist zum Teil auf der Stadtmauer und großen Felsen errichtet.

Rückblick zum Einzug ins neue Bürogebäude:

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Lehner erinnert sich auch an Dramen auf dem Bau. Etwa drei Wochen, nachdem die Zimmererleute den Dachstuhl des ehemaligen Dienstbotenhauses abbauten, um ihn in der Werkstatt zu restaurieren, sei der Giebel des Nachbaranwesens eingestürzt. "Man müsste meinen, der Giebel hat sich schon immer am Dachstuhl unseres Hauses gestützt." Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Abbau und dem Einsturz ist nicht belegt.

Die Bauherren achteten darauf, so viel Historisches wie möglich zu erhalten und arbeiteten etwa 200 Jahre alte Dielen oder historische Türstöcke auf. Wo früher der Waschkeller war, verlaufen heute Rohre und Leitungen. Nur der große Granit-Waschtrog im Gewölbe im Hof erinnert an die frühere Nutzung. Die Sanierung haben Lehner und seine Frau mit Bildern dokumentiert. Die Geschichte des Hauses möchte der Bauingenieur jetzt im Nachgang noch genauer erforschen.

1,25 Millionen Euro investiert

Mit allem Drum und Dran seien 1,25 Millionen Euro verbaut worden, verrät Lehner. Er spricht von einer vernünftigen Investition, die Sanierung sei keine Liebhaberei. Insgesamt ist das Grundstück 570 Quadratmeter groß, davon sind 350 Quadratmeter Wohnfläche auf vier separate Einheiten unterteilt. Die Single-Wohnung, in der eine junge Auszubildende einzieht, hat 42 Quadratmeter. Die zwei Wohnungen sind jeweils rund 80 und 100 Quadratmeter groß. Im ehemaligen Dienstbotenhaus zieht eine junge Familie ein. Sie haben 125 Quadratmeter Fläche. Jede Wohnung hat ihren eigenen Charme: Etwa einen einmaligen Blick auf den Fischhofpark, Zierbalken in Schlaf-, Wohn- und Badezimmer, aufgearbeitete Dielenböden und Türen sowie überbreite Fensterbretter.

Auch eine Rampe als barrierefreie Verbindung vom Fischhofpark zur Altstadt war einmal im Gespräch:

Andrea Altrock hat sich sofort in die Wohnung im Altstadthaus verliebt - schon als sich diese noch im Rohbau befand. "Wir wollten uns einfach umsehen, ob wir eine andere Wohnung finden. Wenn es passt - gut. Wenn nicht, wär's auch nicht schlimm gewesen", erzählt die Tirschenreutherin. Zwei Jahre vergingen vom ersten Gespräch über die Besichtigung bis hin zum Einzug. Mit ihrem Mann Hans und Hund Gismo bezieht die 55-Jährige die 100-Quadratmeter-Wohnung. "Es passt alles so wunderbar. Im Kopf weiß ich bereits, wie alles aussehen soll." Das Ehepaar zieht von einer etwas kleineren Wohnung in der Mezgerstraße in die Hochwartstraße um. Zunächst dachte Altrock, dass ihr der Blick von der alten Wohnung ins Grüne fehlen würde. "Das macht mir gar nichts aus. Der Blick auf den Fischhofpark und in die Altstadt hat auch seinen Charme." Die Gesamtanlage mit dem Innenhof, den alle Mieter nutzen können, sei sehr reizvoll.

Sanierung mit Vorbildcharakter

"Kompliment", lobt Bürgermeister Franz Stahl. "Hier ist ein richtiges Kleinod entstanden." Die Bauherren hätten mit diesem Vorhaben Mut bewiesen, die Sanierung dieses Altstadtgebäudes habe Vorbildcharakter. "So ein historisches Gebäude hat Ecken und Kanten - die muss man akzeptieren. Aber gerade das macht den Charme erst aus", sagte Stahl bei der Einweihung. Solche Quartiere seien sehr beliebt und begehrt, wusste der Bürgermeister. Dann durften sich Gäste, Freunde, Mieter, Stadträte und am Bau Beteiligte frei in den Wohnungen umsehen.

Tirschenreuth ist Vorzeigestadt, was Städtebauförderung angeht:

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