18.10.2019 - 14:36 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Winterkönig im Stiftland empfangen

Kaum einer hat dieses Jubiläum auf dem Schirm: Vor 400 Jahren war der Winterkönig zuerst in Tirschenreuth und dann in Waldsassen. Er machte auf seiner Krönungsreise nach Prag mit großem Gefolge Station. Dabei wurde auch ein Stein behauen, der immer noch erhalten ist.

Sowohl Bürgermeister Franz Stahl als auch Stadtbaumeister Andreas Ockl machen sich Gedanken über den zukünftigen Standort des 400 Jahre alten Gedenksteins. Bürgermeister Stahl möchte im Zuge der Neugestaltung des Geländes um das ehemalige Feuerwehrhaus einen neuen, angemessenen Platz für das älteste Tirschenreuther Original-Monument der Stadtgeschichte finden. Am Standort will er aber grob festhalten. „Der Stein bleibt bei der Brücke“ so Franz Stahl.

Vom 22. bis 24. Oktober 1619, also vor genau 400 Jahren erlebte das Stiftland einen ebenso seltenen wie glanzvollen Besuch. Der damalige Landesherr Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz erreichte mit großem Gefolge auf seiner Krönungsreise von Heidelberg nach Prag am 22. Oktober die Stadt Tirschenreuth.

Es war ein Einzug, den Tirschenreuth vorher und auch nachher in seiner Pracht wohl nie mehr erlebt hat. An der Seite des jungen Monarchen befand sich seine hochschwangere Gattin, Elisabeth Stuart, die Tochter des Englischen Königs Jakob I.. Der gewählte, aber noch nicht gekrönte König von Böhmen reiste standesgemäß. 568 Personen begleiteten den Monarchen, 169 Packwagen folgten dem großen Menschenzug. Zur Begrüßung hatte die Stadt einen Gedenkstein anfertigen lassen, der auf ewig an diesen Besuch erinnern sollte. Dieser Stein steht noch heute an der Waldnaabbrücke und erinnert nicht nur an den hochadeligen Besucher, sondern auch an den Beginn einer für ganz Europa dramatischen Epoche: die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Auf dem Weg nach Prag

Kurfürst Friedrich V. war auf dem Weg nach Prag. Die Böhmischen Stände hatten ihn am 26. August 1619 zum König von Böhmen gewählt. Sein Vorgänger, der Habsburger Ferdinand, war von ihnen "als Feind der Böhmischen Freiheit" abgewählt worden. Problematisch war, dass Friederich V. Calvinist war, das Königreich Böhmen bisher aber vom katholischen Habsburger Ferdinand regiert wurde. Um Unterstützung bei den zu erwarteten kriegerischen Auseinandersetzung mit den so geschassten Habsburgern zu erreichen, wählten sie schließlich den 23-jährigen Kurfürsten aus, der auch das Oberhaupt der Protestantischen Union war. Die Tatsache, dass der in Böhmen abgewählte Ferdinand am 28. August 1619, also einen Tag, nachdem Friedrich V. zum Böhmischen König bestimmt worden war, in Frankfurt zum Kaiser gewählt wurde, machte die Angelegenheit noch komplizierter. Dunkle Wolken zogen über Europa auf. Die Annahme der Böhmischen Königswürde war eine schwierige politische Konstellation für den jungen, politisch noch unerfahrenen Monarchen. Seine Pfälzischen Räte waren dagegen. Friedrich traf die Entscheidung entgegen der landläufigen Annahme nicht leichtfertig. Und er nahm nicht nur wegen seiner ehrgeizigen Frau Elisabeth an. Auch sein Stadthalter in der "Oberen Pfalz", Christian von Anhalt, schien ihm zur Annahme dringend geraten zu haben, auch weil er sich davon persönliche Vorteile versprach, wie Peter Wolf in seinem Beitrag zum Buch "Der Winterkönig" durchblicken lässt.

So machte sich Kurfürst Friedrich V. am 7. Oktober in Heidelberg auf den Weg und zog über Amberg (14. bis 21. Oktober) und Weiden (21. Oktober) nach Tirschenreuth. Ob er die Route über Schönficht und Falkenberg (die alte Straße nach Eger) oder direkt über Pilmersreuth nach Tirschenreuth wählte, ist leider nicht geklärt. Er blieb eine Nacht, vermutlich im "Neuen Schloss", der heutigen Fronfeste. Es war für die Tirschenreuther und einen Tag später für die Waldsassener eine logistische Meisterleistung, das Gefolge entsprechend unterzubringen.

Die Tirschenreuther hatten ihm viel zu verdanken. Als junger Monarch hatte er bei seinem ersten Besuch im Juni 1615 die Strafen aufgehoben, welche die Stadt mit der Ermordung des Stiftshauptmannes Winsheim 1592 auf sich geladen hatte. Er erwartete von seinen Tirschenreuthern Dankbarkeit - und Geld. Aus dem Stiftland nahm er 13 000 Gulden als "Darlehen" mit (der Gegenwert von etwa 2000 Kühen). Es ist anzunehmen, dass der jugendliche, angehende König der Böhmen und seine Frau mit Jubel in Tirschenreuth empfangen und verabschiedet wurden. Der Königstross zog dann über Höfen, Großensees und Pfaffenreuth nach Waldsassen.

Im damaligen "Neubäu", dem Haus der Kurpfalz und Vorläuferbau des heutigen Rathauses, schlug er sein Quartier auf. Der vormalige Klostersitz Waldsassen war zu dieser Zeit ein aufstrebender Ort, nachdem die Gebrüder Daniel, David und Elias Geisel seit 1613/14 dabei waren, eine neue Tuchmacher-Siedlung aufzubauen. Im Nachbarland war es bekanntlich 1618 zum Prager Fenstersturz und zum Ausbruch des 30-jährigen Krieges gekommen. Als nächste Episode wurde Kurfürst Friedrich V. am 26. August 1619, also an seinem 23. Geburtstag von den böhmischen Landständen zum neuen König von Böhmen gewählt. Als Oberhaupt der Kurpfalz hatte Friedrich 1610 die Kurwürde erlangt und war 1615 an die Regierung gekommen. Er residierte in Heidelberg und weilte wenig später im Stift Waldsassen, um die Erbhuldigung seiner Untertanen anzunehmen.

Großes Gefolge

In Begleitung des Kurfürsten befanden sich neben seiner Gattin und seinen zwei Kindern auch sein Bruder Pfalzgraf Ludwig Philipp, dann Fürst Christian von Anhalt-Bernburg als Statthalter der Oberpfalz, außerdem der kurpfälzische Hofprediger Dr. Abraham Scultetus sowie zahlreiche Beamte und Bedienstete.

Nachdem der Kurfürst mit seinem Gefolge in Waldsassen angekommen war, fanden sich am 24. Oktober die bereits in Eger wartenden böhmischen Gesandten mit 20 Kutschen in Waldsassen ein, um vom Kurfürsten die Annahme der Königswahl und die gewünschten "Reversalien" (Freiheiten) bestätigt zu bekommen. Die Delegation aus Böhmen machte auch der angehenden Königin ihre Aufwartung. Anschließend ging man zur Kirche, wo der begleitende Hofprediger Dr. Scultetus eine Predigt aus dem 20. Psalm hielt. Die Gesandtschaft reiste am Abend wieder zurück nach Eger. Am folgenden Tag, am 25. Oktober, führte die Reise des großen Zuges weiter nach Eger und von hier durch Böhmen nach Prag, wo Friedrich V. mit Gefolge am 31. Oktober ankam und von allen Ständen fürstlich empfangen wurde. Der Einzug in Prag soll - laut den späteren Berichten - einem förmlichen Triumph-Zug geglichen haben. Die feierliche Königskrönung folgte am 4. November 1619 in der Schlosskirche. Am 7. November wurde schließlich auch die Gattin Elisabeth mit gleichem Zeremoniell wie der König unter großer Beteiligung des Volkes zur neuen Königin von Böhmen gekrönt, wobei diesmal die Predigt in deutscher Sprache gehalten wurde.

Doch alle hochgesteckten Erwartungen auf das junge Königspaar sollten sich leider nicht erfüllen, da sich die Gegner mit dem eingetretenen Status nicht abfanden. Schließlich kam es am 8. November 1620 zur Schlacht am Weißen Berg bei Prag und zur Niederlage des böhmischen Heeres. Damit neigte sich auch das Schicksal der königlichen Familie. Sie musste fliehen und verlor alle Würden. Friedrich V. ging als "Winterkönig" in die Geschichte ein.

Das Paar lebte nach der Flucht aus Prag im holländischen Exil, wo noch vier Kinder zur Welt kamen. Friederich V. ist dann am 29. November 1632 erst 36-jährig in Mainz wahrscheinlich an der Pest gestorben. Seine Gebeine sind heute verschollen. Die Kurfürstin Elisabeth verstarb erst am 23. Februar 1662 in London und ruht in der Westminster-Kathedrale.

Gedenkstein entdeckt

In Tirschenreuth erinnert noch ein Gedenkstein an das große Ereignis, der durch die Arbeiten für die Tirschenreuther Chronik nun wiederentdeckt worden ist. Dass es ihn überhaupt noch gibt, ist Josef Lippert zu verdanken. Lippert stammt aus Pfreimd und wurde 1963 Leiter der Straßenmeisterei in Tirschenreuth. Früh wurde er für das Thema Geschichte sensibilisiert, ist doch Pfreimd die alte Residenzstadt der Landgrafen von Leuchtenberg.

Ab 1824 war der Stein in der Nachfolgerbrücke verbaut, dann verliert sich seine Spur. Im Neubau ab 1846 taucht er wieder auf, jetzt aber auf der Ostseite der Brücke. Und dann wurde er vergessen. 1966 wurde das Denkmal dank des aufmerksamen Pfreimders Josef Lippert für die Nachwelt gerettet.

Als er 1966 den Auftrag bekam, die alte Waldnaabbrücke in der Regensburger Straße abzureisen, wies er seine Leute an, besonders auf alte, beschlagene Steine zu achten. "In solch alten Brücke sind häufig alte Gedenksteine verbaut, da der Wert dieser Steine meist verkannt wurde und diese ja schon behauen waren", so Lippert. Sein Gespür trog ihn nicht, er entdeckte an der Ostseite den Gedenkstein, den die Tirschenreuther anlässlich des Besuchs von Kurfürsten Friedrich V. 1619 hatten anfertigen lassen. 350 Jahre hatte das Mal am Eingang von Tirschenreuth an einer Brücke ausgehalten. Von 1619 bis 1823 stand er in der Brücke (vermutlich an der Westseite), davon ist zumindest Josef Lippert überzeugt.

Heimatforscher weiß Rat

Da Lippert in Tirschenreuth niemand fand, der Auskunft über den Steine geben könnte, wandte er sich an den Waldsassener Heimatforscher Alois Zrenner. Der wies ihn auf dessen große Bedeutung für das gesamte Stiftland hin. Steinmetz Söllner, ebenfalls Waldsassen, arbeitete in behutsamer Handarbeit die Struktur wieder heraus, die noch zu erkennen war.

So erneuert wurde der Gedenkstein am 18. Dezember 1967 in einer schlichten Feierstunde am Original-Standort wieder errichtet. Die Tirschenreuther brauchten noch ein paar Jahre länger, um die Bedeutung des Steines zu erkennen. Der Platz, an dem er steht, ist immer noch der alte, direkt an der B 15. Er wird dort wenig beachtet. Mit Touristengruppen ist er kaum zugänglich, da der Ort laut und für Fußgängergruppen an der vielbefahrenen Straße auch gefährlich ist. Bürgermeister Franz Stahl und sein Stadtbaumeister denken deshalb über eine Versetzung nach.

Es gibt noch einen interessanten Bezug von Tirschenreuth zu Friedrich V.. Drei Wochen nach seiner Geburt waren am 15. September 1596 Tirschenreuther Schützen nach Amberg zu einem Wettkampfschießen geladen. Sie trafen dort auf über 240 Schützen aus der Oberen und Unteren Pfalz. Auch der amtierende Kurfürst der Pfalz, Friedrich IV., nahm "mit gutem Erfolg" teil. Bemerkenswert ist, dass die Tirschenreuther überhaupt geladen waren. Sieben Tage später, am 22. September 1596, wurden in der heutigen Kreisstadt die Haupträdelsführer der Ermordung von Stiftshauptmann Windsheim aus dem Jahre 1592 hingerichtet. Drei Tirschenreuther wurden auf einem Schafott am Marktplatz geköpft, am 8. November erfolgten zwei weitere Exekutionen. Alle Tirschenreuther hatte anzutreten und zuzusehen, vermutlich auch die Schützen von Amberg.

Ein Bild von 1930 mit Waldnaabbrücke, Kommunbrauhaus und Klettnersturm aus dem Archiv von Helmut Zagler aus Tirschenreuth zeigt den eingekreisten Gedenkstein, der aber niemandem aufgefallen ist. Es war schlicht vergessen worden. Der Stein ist zu erkennen, wenn man danach sucht. Aber es suchte keiner.
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