17.05.2020 - 11:03 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Der Tod arbeitet unter der Borke

Borkenkäfer richten im Wald immense Schäden an. In diesem Jahr könnte sich die Lage noch verschlimmern. Buchdrucker und Kupferstecher schwärmen bereits aus.

Ein Buchdrucker unter der Rinde einer Windwurf-Fichte.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Dirk Lüder, Leiter der Abteilung Forst im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), sowie Borkenkäferexperte Martin Kraus sind sehr besorgt. Die Käfer, die überwintert haben, seien jetzt auf dem Vormarsch. Auf der interaktiven Befallskarte der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) könne man die Entwicklung nachverfolgen. Die Karte biete neben der aktuellen Befallssituation im Ampel-Layer auch wöchentliche Fangzahlen im Landkreis. Derzeit weise die Karte für die Region die Warnstufe Gelb aus. Das bedeute, dass die Ausbreitung des Befalls zu erwarten sei.

Klimawandel fördert Vermehrung

Rindenbrütende Insekten habe es schon immer in unseren Wäldern gegeben, wissen die beiden Förster. Die Folgen des Klimawandels wie hohe Temperaturen, lange Trockenphasen und heftige Stürme unterstützten eine explosionsartige Vermehrung der Schadinsekten. Der Winter 2019 habe lediglich eine kleine Erleichterung gebracht. Der pflanzenverfügbare Wasservorrat sei durch anhaltenden Niederschlag fast vollständig gefüllt worden.

Dann sei Anfang Februar Orkan Sabine übers Land gezogen und habe im Landkreis 12 000 Festmeter Sturmholz liegen lassen. "Wenn solche Fichten-Stämme jetzt noch im Wald liegen, sind sie der ideale Brutraum für die Borkenkäfer", stellt Lüder fest. Die im Frühling herrschende Trockenheit setze den ohnehin geschwächten Fichten weiter zu. "Eine schlechte Ausgangssituation", so Kraus.

Der Landkreis weise einen Waldanteil von rund 50 Prozent auf. 22 000 Hektar befinden sich in privatem Besitz. Mit fast 60 Prozent Anteil sei die Fichte die dominante Baumart. Im Vorjahr betrug der Käferholz-Anfall im Staats- und Privatwald im Landkreis 150 000 Festmeter. Forstunternehmer seien teilweise an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Der Freistaat habe neue Projektkräfte für den Kampf gegen den Borkenkäfer eingestellt.

Borkenkäferfachkraft

Martin Kraus ist so eine Borkenkäferfachkraft. Der gebürtige Marktredwitzer lernte Industriemechaniker und bildete sich berufsbegleitend zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker weiter. 2011 ließ er die Industrie hinter sich und studierte in Weihenstephan Forstingenieurwesen. 2019 kehrte er mit Frau und Tochter zurück in die Heimat. Seit Juni 2019 arbeitet er am AELF Tirschenreuth mit Dienststelle in Kemnath.

Er rät: „Waldbesitzer sollten schon jetzt auf die typischen Spuren des Käferbefalls achten.“ Indikatoren für einen Befall seien braunes Bohrmehl am Stammfuß und an den Rindenschuppen, starker tropfenförmiger Harzfluss, Verfärbung und Abfallen der Nadeln sowie das Abfallen der Rinde. „Befallene Fichten müssen so schnell wie möglich aus dem Wald entfernt werden“, sagt der Förster.

Wer den Käferholzeinschlag nicht selbst durchführen könne, dem rät er, sich mit einem geeigneten Unternehmer oder einer Forstbetriebsgemeinschaft in Verbindung zu setzen (siehe Infobox unten). Aufgrund der Schäden, den die Insekten innerhalb kürzester Zeit anrichteten, haben die Regierungen von Niederbayern und der Oberpfalz 2018 eine Verordnung zur Überwachung und Bekämpfung der Nadelholzborkenkäfer, Buchdrucker und Kupferstecher erlassen. Demnach seien Waldbesitzer verpflichtet, ihren Bestand regelmäßig auf Borkenkäfer zu kontrollieren und bei einem Befall geeignete Bekämpfungsmaßnahmen einzuleiten.

Forstbehörden kontrollieren

Dies werde von den entsprechenden Forstbehörden überprüft und kontrolliert. Sollte ein Waldbesitzer seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, könne das Landratsamt eine Ersatzvornahme anordnen. Das bedeutet, dass das Landratsamt ein Unternehmen mit der Bekämpfung beauftragt. Die Kosten muss der Waldbesitzer tragen. In Bezug auf die aktuelle Corona-Situation erklärt Kraus: "Arbeiten im Wald sind weiterhin erlaubt und erwünscht. Es müssen nur die aktuellen Sicherheitsstandards eingehalten werden, genauso wie die Vorgaben zur Arbeitssicherheit."

Privatwaldbesitzern rät Kraus sich bei Fragen zu Käferbefall an die Forstbetriebsgemeinschaften Tirschenreuth und Kemnath oder die Waldbesitzervereinigung Waldsassen-Neualbenreuth zu wenden.

Erfassung per App

In diesem Jahr seien die Revierleiter mit der sogenannten „Borki-App“ ausgestattet worden, sagt Dirk Lüders. Mit wenigen Klicks auf dem Smartphone könne damit der Revierleiter Borkenkäferbäume mittels GPS-Koordinaten erfassen und die Daten an das Amt weiterleiten. Von dort aus könnten betroffene Waldbesitzer schnellstmöglich informiert werden.

Martin Kraus appelliert an die Waldbesitzer: „Jetzt geht es mit dem Käfer richtig los, wir müssen handeln. Sollten wir den Startschuss verpassen, müssen wir mit massiven Schäden rechnen. Und es geht schließlich auch um Ihren Wald und um Ihr Geld. Gehen Sie raus und kontrollieren Sie den Bestand regelmäßig auf Bohrmehl. Arbeiten Sie Sturmholz und Käferbäume schnell auf und nehmen Sie unsere Anschreiben ernst. Nur so können wir unsere heimischen Wälder mit der Fichte erhalten“.

Hintergrund:

Pro befallenem Basum 20000 Käfer

„Wird eine Fichte vom Borkenkäfer befallen, dauert es bei idealen Temperaturbedingungen etwa sechs Wochen von der Eiablage bis zum Wiederausflug der jungen Käfer“, erklärt Martin Kraus. „Ein Weibchen kann so bis zu drei Generationen anlegen und bei mehreren Geschwisterbruten bis zu 100 000 Nachkommen im Jahr zeugen. Daraus lässt sich folgendes Szenario ableiten: Eine befallene Altfichte entlässt mindestens 20 000 Käfer, davon sind 10 000 Männchen. Diese sind in der Lage, rund 20 benachbarte Bäume zu besiedeln. Bei einem weiteren Ausflug könnten dann bereits mehr als 400 000 Käfer 400 weitere Fichten befallen.“ Es sei davon auszugehen, dass sich die Situation heuer noch weiter zuspitzen werde. Bereits jetzt finde man braunes Bohrmehl, vor allem an Sturmholz, das sich noch unaufgearbeitet im Wald befindet. Aber auch Altkäferbäume aus dem vergangenen Jahr, an denen sich noch die Rinde befindet, könnten zahlreiche Tiere beherbergen. „Deshalb ist es enorm wichtig, dieses Holz zu erkennen und schnellstmöglich aus dem Wald zu bringen, bevor der erste große Ausflug der ersten Käfergeneration erfolgt. Auch im Staatswald befindet sich die Käferholzaufarbeitung mit mehreren Harvestern in vollem Gange. Borkenkäferbekämpfung ist vor allem ein Kampf gegen die Zeit.“

Infobox:

Hilfe für Waldbesitzer

Bereits im vergangen Jahr hatten betroffene Waldbesitzer die Möglichkeit, über das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten eine Förderung für den entstandenen Mehraufwand durch eine waldschutzwirksame insektizidfreie Borkenkäferbekämpfung zu erhalten. Letzteres wird jetzt noch höher bezuschusst. Allerdings haben sich auch die Förderrichtlinien geändert. So gibt es etwa keine Förderung, wenn der Borkenkäfer bereits wieder ausgeflogen ist. Deshalb sei es wichtig, vor einem Maßnahmenbeginn immer den zuständigen Revierleiter zu kontaktieren. Nach der Käferholzaufarbeitung entstehen oft größere Freiflächen im Bestand. Diese Chance sollte genutzt werden, standortgerechte Baumarten zu pflanzen, so die Experten. Für eine Beratung zu Wiederaufforstung und Fördermöglichkeiten sind im Bereich des AELF Tirschenreuth folgende Revierleiter zuständig: Kemnath: Heribert Bradtka, Tel. 09631/79 88 71 52 oder mobil 0160/90 16 29 89, Wiesau: Annette Schödel, Tel. 09634 /1245 oder mobil 0151/12 14 28 48, Tirschenreuth I: Karl-Heinz Melzer, Tel. 09631/79 88 71 53 oder mobil 0173/864 20 08, Tirschenreuth II: Markus Reger, Tel. 09631/79 88 71 54 oder mobil 0160/718 04 77.

Mit dem Schäleisen legt Martin Kraus das unsichtbare Werk der Schädlinge unter der Baumrinde frei.
Dirk Lüder (vorne) präsentiert die abgefallene Rinde einer Fichte. Mit im Bild Borkenkäferexperte Martin Kraus.
Bohrmehl am Stammfuß.

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