22.11.2020 - 13:35 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tirschenreuther Kunstmaler mit Vereinskasse verschwunden

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Eine kleine Kriminalgeschichte … oder doch nicht? Ein Auszug aus der neuen Tirschenreuther Chronik.

Kunstmaler Karl Fuchshuber zeichnete die Regensburger Straße.

Von Thomas Sporrer

Im Juni 1955 hat sich in Tirschenreuth eine Geschichte zugetragen, die längst vergessen ist. Ein Vereinskassier hatte die Kasse mitgehen lassen, sich aus dem Staub gemacht und das Geld "durchgelassen". Sechs Wochen Gefängnis und eine Geldstrafe waren die Quittung dafür. Nicht interessant? Grundsätzlich nicht, aber der "Übeltäter" war laut "Der neue Tag" vom 22. Oktober 1955 von Beruf "Kunstmaler". Und das macht die Geschichte dann doch wieder interessant.

Aber der Reihe nach. Die Recherche für eine Chronik bringt es mit sich, dass man viel lesen muss. Für die "Neue Tirschenreuther Chronik" galt es, 70 Jahre Tageszeitung zu studieren, das sind über 21.000 Ausgaben und insgesamt rund 48.000 Seiten. Verteilt auf drei Jahre etwa 43 Seiten jeden Tag. Das geht nur, wenn man sich auf besondere Sachverhalte konzentriert.

Kunstmaler verschwunden

"Die 50er Jahre bildeten für mich den Schwerpunkt dieser Chronik", beschreibt Thomas Sporrer seine Arbeit. "Einmal, weil dort so wahnsinnig viel geschaffen wurde von einer zum großen Teil traumatisierten Bevölkerung, zum anderen aber auch, weil die Zeit lange zurückliegt und ich mich beeilen musste, mit den letzten Zeitzeugen zu sprechen." Zufällig stieß Sporrer bei seiner Recherche im "Neuen Tag" im Jahrgang 1955, am 25. Juni, in den kurzen Regionalhinweisen der Stadt Tirschenreuth auf eine Besonderheit: "Der Tirschenreuther Kunstmaler Karl Fuchshuber ist bereits seit 3. Juni abgängig. Sein jetziger Aufenthaltsort ist unbekannt. Auch Nachfragen bei Verwandten in Oberbayern blieben erfolglos".

Karl Fuchshuber? Stadtbekannter, begabter, nach dem Krieg in Tirschenreuth hängengebliebener Kunstmaler mit Hang zu ausschweifender Geselligkeit, wo wird er denn gewesen sein und warum steht so etwas in der Zeitung?

Ein paar Tage später, am 16. Juli 1955, folgt dann die Meldung: "Der Kunstmaler Karl Fuchshuber, der seit Anfang Juni abgängig ist, wurde in Nürnberg gesehen". In der Ausgabe vom 22. Oktober 1955 stand dann unter dem Titel "Der Tirschenreuther Richter urteilte": "Ein 60-jähriger Kunstmaler aus Tirschenreuth verließ als ehemaliger Kassierer einer Krieger- und Soldatenkameradschaft am 5. Juni dieses Jahres die Stadt und nahm die Vereinskasse mit 682 DM mit. Diesen Betrag verwendete der Angeklagte für sich. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe von 6 Wochen und 59 DM Geldstrafe verurteilt".

Bericht über die Vorstellung der neuen Tirschenreuther Chronik

Tirschenreuth

Weitere Nachforschungen

Fuchshuber, na klar! Aber kann er das gewesen sein? Denn Kunstmaler gab es zur damaligen Zeit zwei in Tirschenreuth, da war ja auch noch der Herbert Molwitz! Doch Molwitz war 1955 erst 56 Jahre alt, Fuchshuber dagegen genau 60 Jahre alt. Das würde passen, also weiter nachforschen.

Thomas Sporrer nahm die Sache mit zum "Historischen Arbeitskreis". Dort herrschte auch Erstaunen über eine Geschichte, die kaum einer mehr kannte. Lediglich Alfred Mehler konnte sich erinnern. Fuchshuber war ein guter Bekannter seines Vaters Ludwig und bekam von ihm viele Aufträge. "Da war was", erinnerte sich Mehler, "aber es wurde nicht darüber gesprochen, unter dem Mantel des Schweigens belassen".

Derweilen beschäftigte sich Sporrer nochmal etwas mit der Zeit um Juni 1955. Tirschenreuth hatte damals die Diskussion um die Errichtung eines Kriegerdenkmals fast abgeschlossen. Eine Skizze dazu stammt übrigens von Karl Fuchshuber. Viele Vereine spendeten für die Errichtung des Kriegerdenkmals, so auch die "Krieger- und Soldatenkameradschaft im Kyffhäuserbund". Um eine größere Summe übergeben zu können, veranstaltete man am Sonntag, 22. Mai 1955, ein "Volkstümliches Konzert" im "großen Ankersaal".

Keine Dokumente am Gericht

War also der Karl Fuchshuber Kassier in dieser Kameradschaft? Falls ja, hätte er sich mit einer gut gefüllten "Kriegskasse" aus dem Staub gemacht. Heute wären das etwas mehr als 1700 Euro. Also weitere Recherche. Sporrer hoffte, bei einem Besuch im Amtsgericht das Urteil vom September 1955 zu finden. Aber Rechtspfleger Konrad Schedl machte nicht viel Hoffnung, dass die Unterlagen überhaupt noch zu finden seien. Wenn überhaupt, dann im Zentralarchiv in Amberg. Doch von dort erhielt Sporrer eine ernüchternde Antwort: Die Unterlagen sind dort nicht eingelagert.

Also weiter. Einen Kriegerverein gibt es ja noch in Tirschenreuth, die "Reservisten- und Soldatenkameradschaft", und so ein Verein hat ja einen Schriftführer. Dort könnte in den Unterlagen etwas zu finden sein. Wolfgang Nurtsch, Vorsitzender der Reservistenkameradschaft, konnte sich an die Geschichte "nur vom Hörensagen" erinnern. "Er soll sich ja mit dem Geld ins Ausland (Franken!) abgesetzt haben." Aber Nachweise über diese Geschichte ließen sich in den nächsten Wochen nicht finden.

Unterlagen nicht mehr greifbar

Die Reservistenkameradschaft, der Nurtsch vorstand, hatte sich 2006 mit der Krieger- und Soldatenkameradschaft zusammengeschlossen. Der Übergang war leider nicht reibungslos verlaufen, alle schriftlichen Unterlagen des Kriegervereins waren verschwunden, die ehemaligen Vorsitzenden Hermann Müller, Manfred Brunner oder Norbert Bäumler längst nicht mehr greifbar.

Wer noch Unterlagen haben könnte, wäre Kreisverbandsvorsitzender Ferdinand Lienerth aus Falkenberg: Der kannte aber nicht mal die Geschichte. Unterlagen aus Tirschenreuth habe er gar nicht mehr, teilte er mit. Lienerth verwies auf Meinhard Köstler von der Reservisten- und Soldatenkameradschaft Neualbenreuth, der auch die Unterlagen des Kreisverbandes mit verwahre. Dort endet jetzt die lange Recherche von Thomas Sporrer. Neualbenreuth ist der Patenverein der Tirschenreuther Krieger, aber Unterlagen zu dieser Geschichte, die Meinhard Köstler auch gar nicht kannte, habe er nicht. "Sollte ich mal was drüber lesen, dann informiere ich dich"!

Kein Schwerverbrecher

Damit endete die Suche von Sporrer ohne Ergebnis. Ob es der hochgelobte und doch laut vieler Zeitzeugen meist mittellose Kunstmaler Karl Fuchshuber war, der im Juni 1955 die Kasse des Kriegervereins mitgehen hat lassen und dafür sechs Wochen im Gefängnis saß, kann Sporrer nicht klären. In Erinnerung bleibt Fuchshuber in Tirschenreuth aber mit Sicherheit nur als Kunstmaler, denn ein Schwerverbrecher war er ja so oder so nicht. Viele seiner Bilder hängen noch in den Wohnzimmern Tirschenreuther Bürgerhäuser, als "echte Fuchshuber" sind sie wunderbare Erinnerungen an die "gute alte Zeit". Auch in der Familie Mehler und vor allem am Stammtisch im "Bahnhofshotel" war er anscheinend bald wieder ein gerngesehener Gast. 1960 malte er für Alfred Mehler ein Votivbild. Er hatte einen leichten Autounfall und sein Vater Ludwig Mehler gab den kleinen Malauftrag natürlich wie früher auch an den Karl Fuchshuber.

Mitglied der Gesellschaft

Der Kunstmaler war also wieder ein vollwertiges Mitglied der Tirschenreuther Gesellschaft, aber wahrscheinlich gilt für Karl Fuchshuber auch der alte bayerische, mit einem Augenzwinkern vorgetragene Spruch "A Hund wora oba scho a"!

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Karl Fuchshuber lebte von 1895 bis 1967.
Der Murschrottplatz in den 50er Jahren. (Ein Bild aus dem Archiv von Helmut Zagler)
Service:

Die neue Tirschenreuther Chronik

Die neue Tirschenreuther Chronik ist für 39,90 Euro im Bücherhaus Rode, in der St.-Peter-Buchhandlung und in der Tourist-Info erhältlich. Insgesamt wurden 2500 Bücher gedruckt.

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