21.06.2020 - 17:12 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Stofftaschen für mehr globales Miteinander

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Ihr Bundesfreiwilligendienst vor zwei Jahren prägte Hannah Mehler aus Tirschenreuth sehr. Um nachhaltig zu helfen und etwas zu verändern, startete sie damals ein Taschen-Projekt. Die "IndianBag" findet nun eine Fortsetzung.

Hannah Mehler setzt ihr Projekt "IndianBag" fort. Von ihrem letzten Indien-Aufenthalt im Februar brachte sie 150 neue Taschen mit, die nun auf Käufer warten.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Die "IndianBag" ist wieder da - und einiges hat sich in der fast zweijährigen Pause verändert. Ein Rückblick: 2018 absolvierte Hannah Mehler, der Kopf hinter dem Projekt "IndianBag", ihren Bundesfreiwilligendienst in Haiderabad, der viertgrößten Stadt Indiens. Zehn Monate lang betreute sie Mädchen in einem Kinderheim, das von der regierungsunabhängigen Organisation Chaithanya Mahila Mandali (CMM) geleitet wird. Die Idee, handgenähte Beutel aus bunten indischen Stoffen zu verkaufen, war ursprünglich dazu gedacht, um sich eine Heimreise durch die Welt zu finanzieren. Zwar wurde aus dem Abenteuer doch nichts, aber die Taschen-Idee setzte die junge Tirschenreutherin trotzdem um. Das Geld des Erlöses spendete sie an CMM, für den Bau eines neuen Kinderheims.

Indienbesuch "wie heimkommen"

Mittlerweile studiert die 22-Jährige im vierten Semester Soziale Arbeit in Darmstadt. Indien hat sie aber nicht mehr losgelassen. Dass es mit den "IndianBags", die in ihrer Heimat sehr gut ankamen, weitergeht, liegt der Studentin am Herzen. Im Februar und März diesen Jahres reiste Hannah deshalb wieder nach Hyderabad. "Der Kinderheim-Leiter ist ein herzensguter Mensch. Er meinte, wenn ich wieder nach Indien komme, muss ich unbedingt bei ihnen wohnen", erzählt sie und lacht. Zwei Wochen verbrachte sie dort. "Es war sehr schön, wieder da zu sein. Fast wie heimkommen. Es hat sich nichts verändert. Außer die Mädchen, die sind so gewachsen und richtig hübsche junge Frauen geworden, die ihren Weg gehen. Da war ich echt baff." Doch sie ist nicht nur zu Besuch, sondern will ihr Projekt vorantreiben.

Wie das Projekt seinen Anfang nahm, lesen Sie hier:

Besonders nach der zweijährigen Pause wieder zu starten, fiel der Studentin schwer. "Es haben teilweise schon Leute gefragt, wann neue Taschen kommen", freut sie sich über die Nachfrage. Deshalb baute Hannah das Beutel-Projekt aus.

Individuelle Einzelteile

Ich hab das Gefühl, das Projekt schafft ein Bewusstsein für faire Produktion, die schwierigen Lebensumstände in anderen Ländern und Nachhaltigkeit.

Hannah Mehler

Es ist noch ein Stoffhändler dazugekommen und ein zweiter Schneider. Der Stoffladen "Sai Krupa" ("Gnade Gottes"), betreiben von der 54-jährigen Shobha und ihrer 26 Jahre alten Tochter Mounika, ist seit der ersten Stunde Teil des Projekts. Auch im "Srinivasa Machting Centre" von Naramari gibt es bunte, leuchtende Stoffe. Der Laden des 50-Jährigen startete als kleines Familienunternehmen, mittlerweile beschäftigt er 20 Mitarbeiter. Die Stoffe wählt Hannah danach aus, was ihr gefällt. Und auch danach, was beim letzten Mal schnell wegging und sich gut verkaufte. Aus einer Stoffsorte entstehen rund vier Taschen. "Das ist auch gut so. Ich will lieber viele individuelle Einzelteile, als Massenware."

Die Tirschenreutherin kauft die Stoffe und bringt sie zum Schneider. In der Schneiderei "Harani Fashion Design" fertigen Naveen und seine Frau Bhagya Blusen, Kleider und auch "IndianBags". Ein weiterer Schneider des Projekts ist Bikshapathi, der die Schneiderei "Tara Ladies Tailor" betreibt.

Wichtig ist der 22-Jährigen, dass vom Stoff bis zum fertigen Beutel alles transparent ist und Kleinunternehmer unterstützt werden. 150 Taschen brachte sie von ihrer Reise diesmal mit. Neben den großen Beuteln gibts es mittlerweile auch kleine Täschchen. Weil die "IndianBags" rund 7000 Kilometer zurücklegen, bis sie in Deutschland verkauft werden, gehen zum Ausgleich pro verkaufter Tasche 50 Cent an das Klimaschutzprojekt "atmosfair".

Erlös komplett für Kinderheim

Die Beutel bezahlt Hannah aus ihrer eigenen Tasche. Der Erlös geht zum Teil in die Reinvestition für neue Stoffe und die Produktion, der Rest geht als Spende ans Kinderheim. "Ich verdiene an dem ganzen Projekt nichts", sagt Hannah. Sie holt sich nur ihre Auslagen zurück. "Es wäre schön, wenn sich die 'IndianBags' irgendwann selbst finanzieren." Die Stiftländerin verkauft die Taschen wieder über ihren Online-Shop, sowie im Bio-Laden Frohnatur und im Eine-Welt-Laden in Tirschenreuth. Mit weiteren Verkaufsstellen ist sie im Gespräch. Auch über soziale Medien will sie den Bekanntheitsgrad ihrer "IndianBags" steigern. "Ich bin schon sehr vernetzt, aber aktuell noch auf Mundpropaganda angewiesen", erklärt Hannah.

Ideen warten auf Umsetzung

Jetzt ist sie glücklich, dass das Projekt weitergeht. "Es ist schwierig Kontinuität in das Projekt zu bringen, wenn ich nicht vor Ort bin." Alles eine Kosten- und Zeitfrage. "Es ist so viel mehr Arbeit, als man auf den ersten Blick sieht." Ein Riesenaufwand, der ihr aber viel Spaß macht.

Viele Ideen der 22-Jährigen warten nur auf die Umsetzung. Sie hat vor, noch enger mit der CMM zusammenzuarbeiten. Die Organisation unterstützt ehemalige Zwangsprostituierte. Im Reahabilitationskurs "Stiching Course" lernen die Frauen in vier Monaten das Nähen. Am Ende erhalten sie eine Nähmaschine geschenkt und werden mit Arbeitsmaterial ausgestattet, um sich selbstständig zu machen. "Langfristig gesehen hätte ich gern, dass meine Taschen über dieses Projekt produziert werden und diese Frauen die Aufträge übernehmen."

Die "Chaithanya Dance Group" tanzte in Tirschenreuth:

Tirschenreuth

Nachhaltigkeit fördern

Besonders die Erfahrungen, die Hannah im Kinderheim gemacht hat, spornen sie an. "Ich hab das Gefühl, das Projekt schafft ein Bewusstsein für faire Produktion, die schwierigen Lebensumstände in anderen Ländern und Nachhaltigkeit", betont die Studentin. Eine Idee wäre auch, anstatt neue Stoffe für die Beutel zu nutzen, alte Saris, eine Art Wickelrock für Frauen, zu recyceln. "Ich möchte alles mitdenken", sagt Hannah. "Ich frage mich immer: Kann ich das vertreten, was ich da mache?" Wenn sie das sagt, ist das authentisch. Die 22-Jährige kauft Kleidungstücke gerne in Second-Hand-Shops und achtet nicht nur in Kleiderfragen auf Nachhaltigkeit. "Ich möchte, dass mein Kunde weiß, durch wie viele Hände die Tasche geht, bis sie fertig ist."

Online-Shop und weitere Infos zum Hilfsprojekt von Hannah Mehler:

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