12.10.2021 - 15:16 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Stillen schafft eine Symbiose zwischen Mutter und Kind

Stillen ist noch immer ein Tabuthema in der Gesellschaft. Wovor Mütter keine Angst haben sollten, welche Vorteile es für Kind und Mutter hat und wo es Beratung gibt, erklären Marianne Fütterer und Pia Kürschner von der Koki.

Damit das Stillen nach der Geburt richtig klappt, sollten sich Mütter Unterstützung holen.
von Lucia Brunner Kontakt Profil

Es ist die natürlichste Form der Ernährung für Babys nach der Geburt: das Stillen. Die Weltstillwoche legte dieses Jahr seinen Fokus unter dem Motto "Stillen. Unser gemeinsamer Weg" auf das Miteinander. Doch in der Öffentlichkeit trauen sich immer weniger Frauen, ihre Kinder an die Brust zu nehmen. Das zeigt auch eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung von 2018. Jede zehnte Mutter gab die ablehnende Haltung in der Öffentlichkeit als Grund für das Abstillen an. Ob Stillen tatsächlich besser für das Kind ist als die Flasche, wird immer wieder diskutiert. Oberpfalz-Medien spricht mit Marianne Fütterer und Pia Kürschner von der Koordinierungsstelle Frühe Hilfen (Koki) am Landratsamt Tirschenreuth über das sensible Thema.

Negative Erfahrungen

"Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen in der Öffentlichkeit stillen", weiß Fütterer. Sie wünscht sich, dass es mehr als natürlicher Vorgang betrachtet wird. Nach Informationen des Netzwerks "Gesund ins Leben" berichten "etwa die Hälfte der Stillenden von gemischten oder negativen Erfahrungen beim Stillen in der Öffentlichkeit". Zusätzlich finde "jeder Sechste das Stillen in der Öffentlichkeit nicht akzeptabel". Aus diesem Grund vermeiden hier viele Frauen das Stillen. "Manche stören sich, wenn man die Brust sieht oder Mütter wollen sich nicht öffentlich entblößen. Dann kann man auch ein Tuch über die Schulter und das Kind legen", rät Pia Kürschner.

Die Bundesregierung hat dieses Jahr eine "Strategie zur Stillförderung" ins Leben gerufen. Auf der Webseite schreiben die Verantwortlichen: "Obwohl (...) 90 Prozent der Mütter ihr Kind zum Zeitpunkt der Geburt stillen möchten, stillt weniger als die Hälfte der Mütter ihr Kind nach vier Monaten noch ausschließlich." Das können die Expertinnen der Koki bestätigen. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass ein Großteil der Mütter direkt nach der Geburt im Krankenhaus ihre Kinder stillen wollen. "Wenn wir bei den Müttern aber zu Hause sind, sehen wir, dass schnell wieder damit aufgehört wurde", erklärt Fütterer. Kürschner ergänzt: "Jede Mama kommt an einen Punkt, wo es mal nicht so funktioniert." Das sei aber normal, hier sei niemand alleine.

Schmerzen müssen nicht sein

Doch was sind die häufigsten Gründe, warum Mütter mit dem Stillen aufhören? Ein Grund für das Abstillen betrifft etwa Schmerzen in der Brust oder wunde Brustwarzen. Doch das muss nicht sein: "Ideal wäre es, wenn es nicht zu Schmerzen käme", sagt Fütterer. Dazu kommt es, wenn das Kind falsch angelegt wird oder die Brustwarze nach der Babymahlzeit nicht richtig trocknet. Fütterer empfiehlt werdenden Müttern, sich bereits in der Schwangerschaft beraten zu lassen. Erste Ansprechpartner seien Hebammen, Gynäkologen, Pflegekräfte und Ärzte im Krankenhaus, das familiäre Umfeld oder Stillberater. Die Mitarbeiterinnen der Koki vermitteln gerne weiter.

Ein weiteres Problem sei, dass Mütter nur noch drei bis vier Tage nach der Geburt im Krankenhaus und dann auf sich gestellt sind. "Die kurze Verweildauer in der Klinik ist ein Nachteil", sagt Kürschner. So kommt der Milcheinschuss in die Brust in der Regel am dritten Tag. "Dann tut die Brust weh und wird hart", sagt Fütterer. Dann sei Unterstützung wichtig. Wie lange gestillt werden sollte, sei nicht einfach zu beantworten. "Solange wie Mutter und Kind damit zufrieden sind", lautet die einstimmige Antwort. Das könne ein halbes Jahr, ein Jahr oder länger sein.

Muttermilch passt sich an

Die gesundheitlichen Vorteile sprächen für sich: So stärkt Muttermilch die Abwehrkräfte, gestillte Kinder leiden weniger an Übergewicht oder plötzlichen Kindstod, erkranken seltener an Mittelohrentzündungen, Magen-Darm- und Atemwegsinfektionen. Mütter haben ein geringeres Risiko für Brust- und Eierstockkrebs, Diabetes Typ 2 sowie Herz-Kreislauf-Krankheiten. "Gestillte Kinder benötigen weniger Antibiotika", erklärt Kürschner. Zudem passe sich die Zusammensetzung der Muttermilch immer an das Alter des Kindes an und gebe wichtige Nährstoffe an das Kind weiter.

Fütterer kennt noch einen weiterer Grund, der Mütter dazu bringt, nicht mehr zu stillen: "Viele haben Angst davor, dass ihr Kind nicht genug zu Trinken bekommt." Aber auch hier können die Expertinnen beruhigen. Nur in seltenen Fällen produzieren Mütter zu wenig Milch. In der Regel produzieren Brüste bei jedem Stillen oder Abpumpen mehr Milch. Deshalb kann eine zusätzliche Mahlzeit über Säuglingsnahrung die Milchproduktion im Körper verringern. Ein weiterer Faktor ist, die Art wie das Baby trinkt. Trinkt es häufig und effektiv, produziert der Körper auch mehr Milch.

Keine Nachteile für das Baby

Manche Mütter steigen zudem auf die Flasche um, da sie selbst nicht auf Alkohol, Rauchen oder die Einnahme bestimmter Medikamente verzichten wollen. Außerdem bedeutet das Stillen, dass die Mutter regelmäßig für das Baby zur Fütterung anwesend sein muss. "Man muss sich einschränken", sagt Kürschner. Jedoch bilden Mutter und Kind in dieser Zeit eine Symbiose, welche die Bindung zwischen beiden stärke. Ginge es um Medikamente, müssten diese mit einem Arzt abgeklärt werden. In vielen Fällen gebe es eine Lösung, die das Stillen weiter erlaube.

Gegenüber Säuglingsnahrung aus dem Handel sei es praktischer zu Stillen. "Es ist weniger aufwendig, die Temperatur muss nicht geprüft werden, nichts muss abgekocht werden und es ist kostensparrend", sagt Kürschner. Jedoch betont sie, dass Pränahrung an die Muttermilch angeglichen ist und keine Nachteile für Babys hätte. "Die Flasche ist auch in Ordnung." Jedoch blieben die gesundheitlichen Vorteile für die Mutter damit auf der Strecke.

Entbinden in Coronazeiten: Wenn Ruhe gut tut

Amberg
Marianne Fütterer (von links) und Pia Kürschner von der Koordinierungsstelle Frühe Hilfen im Landkreis Tirschenreuth (Koki) geben Tipps zum Thema Stillen.
Hintergrund:

Das sollte beim Stillen beachtet werden:

  • Das richtige Anlegen, ergo wie das Kind die Brust fasst.
  • Die richtige Stillposition bzw. die Haltung des Kindes.
  • Für den Anfang ein gemütliches und ruhiges Plätzchen suchen.
  • Beim Stillen sollte der Körper des Babys möglichst der Mutter zugewandt und eng an ihren Körper angelegt sein. Die Brustwarze ist etwa auf Höhe der Nase oder Oberlippe des Kindes.
  • Das Baby sollte seinen Kopf frei bewegen können. Vorsicht: Der Kopf sollte sich nicht verdrehen oder überstrecken müssen. Ohr, Schulter und Hüfte des Kindes liegen auf einer Linie.
  • Die Mutter kann ihre Brust mit der Hand stützen. Dabei können Daumen oberhalb und Zeigefinger unterhalb der Brustwarze in Form eines großen Cs abgelegt werden. Auf diese Weise kann sie die Brust etwas zusammendrücken und das Baby hat es leichter, seinen Mund anzulegen.
  • Erfasst das Kind die Brust nicht instinktiv, kann die Mutter die Lippen des Babys mit der Brustwarze stimulieren. Dadurch wird der Suchreflex aktiviert und es öffnet den Mund. Sobald er weit aufgesperrt ist, bringt die Mutter das Baby zur Brust (nicht umgekehrt).
  • Das Baby sollte mit der Brustwarze auch einen guten Teil des Brustgewebes erfassen. Falls das Kind zu weit vorne oder nur an der Brustwarze saugt, bekommt es nicht genug Milch und die Brustwarze wird schnell wund. (Quelle: www.mutter-kind-gesundheit.de)
Service:

Anlaufstellen zum Thema Stillen im Landkreis

  • Es gibt zwei Stillberaterinnen: Maria Münch, erreichbar unter: 0151/2011769 und Theresia Kunz, erreichbar unter: 09631/6389 (ab 14 Uhr)
  • Im Familienzentrum Mittendrin in Kemnath gibt es eine Stillstunde.
  • Auch die Koki unterstützt und vermittelt an beratende Stellen. Pia Kürschner ist erreichbar unter 09631/88365 und Marianne Fütterer unter 09631/88279 (montags 09642/707765)
  • Weiterhin können sich werdende Mütter an diese drei Schwangerschaftsberatungsstellen wenden: Gesundheitsamt Tirschenreuth, St.-Peter-Str. 33 c in Tirschenreuth, Telefon: 09631/7076-50, E-Mail: www.schwanger-in-tirschenreuth.de; "Donum Vitae" Mähringer Straße 9 in Tirschenreuth – Amtsgebäude III, Anmeldung in Weiden unter: 0961/4016940, E-Mail: www.weiden.donum-vitae-bayern.de; Kath. Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen, Ringstraße 55; Anmeldung in Weiden: 0961/3891428

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.