04.08.2020 - 15:35 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Schwerbehinderter klagt: Keiner will Kleidersäcke abholen

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Hermann Gleissner ist schwerbehindert. Deshalb zieht der Tirschenreuther in eine betreute Wohnform um. Verschiedene Sozialverbände hat er um das Abholen von Kleidung gebeten. Gekommen ist keiner.

Hermann Gleissner ist mit seinem Umzug beschäftigt. Für den Mann mit Schwerbehinderung kein leichtes Unterfangen. Er ist auf Hilfe angewiesen und deshalb enttäuscht, dass nicht einmal eine Kleinigkeit für ihn erledigt werden konnte.
von Ulla Britta BaumerProfil

Hermann Gleissner hat viel zu tun. Der Mann mit Schwerbehinderung zieht um. Obwohl er eine schöne Wohnung im Erdgeschoss hat, sorgt er sich. Denn sollte er einmal einen Rollstuhl benötigen, sind die jetzigen Räume zu eng.

"Weil die Wohnung hier renoviert werden muss und das acht Wochen dauern kann, habe ich mich gleich nach was umgeschaut, das schwerbehindertengerecht ist", erzählt er. So weit, so gut. Trotz seiner Beschwerden hat Gleissner alles, was möglich war, selbst in Kisten und Schachteln verpackt. Nicht mehr gebrauchte Kleidung steckte er in Säcke, wollte sie aber nicht einfach wegwerfen. "Also habe ich mehrere Stellen angerufen, ob sie jemand abholen könnte", erzählt er. Selbst war es ihm körperlich unmöglich, die schwere Last wegzutragen oder gar in dafür bereitstehende Container in der Stadt zu werfen.

Allerdings hatte Gleissner wenig Glück mit seinem Anliegen. "Das Rote Kreuz hat zumindest zurückgerufen. Aber mit einer Absage. Mir wurde mitgeteilt, dass das keiner machen kann." Bei der Diakonie wurde er auf einen anderen Ansprechpartner verwiesen, in Weiden. Die Antwort auf seine Bitte: "Wir machen das nicht." Keiner, klagt Gleissner, habe ihn gefragt, warum er überhaupt Hilfe brauche. Auch die AWO konnte nicht helfen.

Etwa sechs bis sieben mögliche Stellen hat der schwerbehinderte Mann nach eigener Aussage kontaktiert. "Immer das Gleiche: Entweder war nur ein Anrufbeantworter dran. Oder es hieß: Wir machen das nicht. Tschüß." Hermann Gleissner ist deshalb nicht verbittert. Und er möchte auch nicht nur schimpfen. Sehr viel Lob übrig hat er für Martina Sötje von der Selbsthilfegruppe Behinderte und Nichtbehinderte. Sie habe ihm wenigstens einen Ansprechpartner vermittelt, der Hilfe zugesagt hat. Wenn auch nicht für seine Kleiderabfuhr. "Sie sagte, ich soll bei der Aktion ,Lichtblicke' am Landratsamt nachfragen." Von dort bekam Gleissner dann die Zusage einer finanziellen Unterstützung für den Umzug.

Man kommt sich halt irgendwie sehr hilflos vor.

Hermann Gleissner

Sötje habe ihm auch geraten, den Maschinenring einzuschalten, der Umzüge kostengünstig übernehme. Hilfe kommt auch vom Schwiegersohn und den Kindern. "Aber die wohnen weit weg und gehen zur Arbeit. Das ist nicht so einfach." Im Grunde sei es ihm nur darum gegangen, seine Kleidung nachhaltig wegzubringen. Nachdem er mit dieser kleinen Bitte gescheitert ist, hinterfragt Hermann Gleissner nun das große Thema "Inklusion im Landkreis". Denn immer wieder lese er in der Zeitung davon, wie großartig die Mitverantwortlichen helfen würden. Und wie sehr die Inklusion im Landkreis gelobt werde.

Letztendlich kam für den Mann Hilfe ganz aus der Nähe. "Die Nachbarn haben meine Säcke weggebracht", freut er sich sehr darüber. "Man kommt sich halt irgendwie sehr hilflos vor", fügt er an. Die Erfahrung, wie schwer es wirklich für einen Menschen mit Behinderung sein kann, spontan Hilfe von sozialen Organisationen zu bekommen, hat Hermann Gleissner jedenfalls nachdenklich gemacht, was wirklich hinter dem großen Wort Inklusion steckt.

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Im Blickpunkt:

Sozialverbände bedauern Absagen

  • AWO: Angelika Würner, Geschäftsführerin des AWO-Kreisverbandes, bedauert den Vorfall sehr. "Wenn er mich am Telefon erwischt hätte, ich hätte eine Lösung für ihn gefunden", sagt sie. Sie betont aber auch, dass die AWO in Corona-Zeiten keine Wohnungsauflösungen machen könne und nur bedingt in Schutzanzügen in Wohnungen gehen könne. Man habe Altkleider oder anderes nicht abholen können. "Und wir müssen weiterhin sehr, sehr vorsichtig sein." Das Anliegen von Hermann Gleissner kann sie grundsätzlich gut verstehen: "Es tut mir echt leid, dass ihm nicht geholfen werden konnte."
  • Rotes Kreuz: "Wir wären schnell mal vorbeigefahren", sagt Sven Lehner, stellvertretender Geschäftsführer des BRK-Kreisverbands. Auch er spricht die Schwierigkeiten in der Krise an, meint aber, da wäre was möglich gewesen. Lehner bedauert, dass in diesem Fall scheinbar die Umstände zu mehreren Absagen geführt hätten. "Das tut uns leid. Sollte Herr Gleissner einmal wieder ein Problem in dieser Richtung haben, kann er sich gern bei mir persönlich melden."
  • Beim Werkhof Tirschenreuth des Diakonischen Werkes war telefonisch leider niemand erreichbar.

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