10.05.2021 - 12:32 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Neuer Missbrauchsbeauftragter des Bistums: "Betroffene fühlen ohnmächtige Wut"

Wolfgang Sill hat mit 71-Jahren eine neue, verantwortungsvolle Aufgabe übernommen. Der Psychologe ist künftig der unabhängige Ansprechpartner für Opfer von sexueller Gewalt im Bistum Regensburg. Ein Interview über ein schwieriges Amt.

Wolfgang Sill
von Ulla Britta BaumerProfil

ONETZ: Herr Sill, Sie haben eine Verantwortungsvolle neue Aufgabe. Wie gut sind Sie dafür vorbereitet und qualifiziert?

Wolfgang Sill: In meiner früheren Arbeitsstelle wurde ich immer wieder mit aktuellen oder zurückliegenden Fällen sexueller Übergriffe konfrontiert. Betroffen waren meist Kinder, die Täter oft nahestehende Bezugspersonen. Manchmal hatten Frauen nach Jahren den Mut, sich über belastende Erlebnisse zu offenbaren. Bis vor 20 Jahren war die Problematik tabuisiert. Vor allem engagierte Fachfrauen in Anlaufstellen wie zum Beispiel „Dornrose“ in Weiden haben das Thema nach und nach in die Öffentlichkeit und den fachlichen Austausch gebracht.

ONETZ: Was genau ist Ihre Aufgabe?

Meine Aufgabe ist vorrangig, die Anerkennung des erlittenen Leids vor den kirchlichen Gremien zu erreichen. Zunächst erfahre nur ich von den schlimmen Erlebnissen. Das kann zunächst anonym erfolgen.

ONETZ: Und wenn es um Anerkennung und Entschädigung gehen soll?

Wenn sich Betroffene entschließen einen Antrag zur Anerkennung und materieller Entschädigung zu stellen, erfahren die kirchlichen Gremien davon. Bei aktuellen Vorfällen hat der Schutz der Opfer Vorrang. Weitere Übergriffe müssen unmittelbar verhindert werden.

ONETZ: Kümmern Sie sich auch um die Aufarbeitung von dem was die Opfer erleben mussten?

Zu meinen Aufgaben gehört nicht die therapeutische Aufarbeitung. Dafür sind Fachberatungsstellen oder Psychotherapeuten gut geeignet. Die direkte Auseinandersetzung mit den erlittenen Übergriffen kann aber eine starke Belastung bedeuten. Dafür möchte ich einen geschützten Rahmen bieten, in dem ohne Zeitdruck die schlimmen Eindrücke in Worte gefasst werden können.

ONETZ: Wie findet der erste Kontakt statt und wie geht es weiter?

Betroffene melden sich bei mir telefonisch oder per Email. Meine Kontaktdaten sind auf der Homepage des Bistums Regensburg zu finden (bistum-regensburg.de/Missbrauch). Ich nehme dann Kontakt zu den betroffenen Personen auf.

ONETZ: Sie sprachen eben von Anträgen, die zu stellen sind. Wie läuft dieses Verfahren ab?

Seit Januar 2021 gibt es ein bundesweit standardisiertes Verfahren. Der Antrag hat den Titel: „Antrag auf Leistungen in Anerkennung des Leids“ bei Vorfällen sexualisierter Gewalt an Kinder, Jugendlichen oder anderen abhängigen Personen durch kirchliche Mitarbeiter. Die Leistungen werden ausschließlich von der Katholischen Kirche erbracht. Sie sind unabhängig von gesetzlichen Opferausgleichszahlungen.

ONETZ: Bleiben die Informationen in Ihren Händen oder geben Sie sie ans Bistum weiter?

Im Antrag wird u.a. nach Tätern, Tatzeit, Ort bzw. Einrichtung und dem Tatgeschehen gefragt. Mit den Betroffenen stelle ich diese Angaben zusammen und protokolliere sie. Danach übernimmt eine Arbeitsgruppe im Bistum die Prüfung der Plausibilität. Ein Teil dieser Angaben kann mit Dokumenten in Archiven abgeglichen werden. Anschließend erhält eine „Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen“ die Unterlagen. Diese Kommission entscheidet zentral für alle Bistümer in Deutschland über die Anerkennung.

ONETZ: Können Sie beschreiben, wie sich die Betroffenen fühlen? Wie erleben Sie diese Menschen?

In der Regel spreche ich mit Erwachsenen, die vor langen Jahren missbraucht wurden. Sie berichten, dass sie völlig verstört waren. Sie können nicht fassen, wie geschätzte Erwachsene ihnen so etwas antun konnten. Dazu kommt, dass ihnen oft lange nicht geglaubt wurde. Selbst Eltern hielten die Schilderungen ihrer Kinder für ausufernde Phantasiegeschichten. Noch heute empfinden Betroffene ohnmächtige Wut auf Erwachsene, die damals Verantwortung trugen, dass sie manche Anzeichen nicht ernst genommen hatten. In manchen Situationen entwickeln Betroffene noch heute Unsicherheit und Verwirrung.

ONETZ: Sie fordern auch Zeugen auf, sich zu melden und Hinweise zu geben. Wie können Sie damit dritten Personen helfen?

Wenn der Hinweis eine Einrichtung betrifft, lohnt es sich, solche Beobachtungen zu sammeln und weiterzugeben, evtl. liegen bereits weitere Anhaltspunkte vor, so dass Maßnahmen eingeleitet werden könnten. Will jemand einer konkreten Person bei der Verarbeitung helfen, müssen deren Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben. Ein Helfer kann sich über Hilfsangebote erkundigen und den Betroffenen ansprechen und darauf hinweisen. Entscheiden muss dann aber der Betroffene.

ONETZ: Was würden Sie Menschen raten, die sich einmischen, für Missbrauchsopfer engagieren wollen?

Ich empfehle, sich zu informieren, das Geschehen in der eigenen Region wahrzunehmen und ein achtsames Miteinander zu pflegen. Viele Menschen haben selbst eine verantwortliche Funktion, Erzieher, Trainer, Gruppenleiter. Verantwortliche können fortbilden und Präventionskonzepte in ihrer Einrichtung installieren und Aufklärungsarbeit leisten.

Auch die katholische Kirche hat eine Präventionsordnung entwickelt, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden dafür geschult. Dafür ist eine eigene Stabsstelle für Kinder- und Jugendschutz am Ordinariat des Bistums Regensburg eingerichtet.

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Info:

Zur Person: Wolfgang Sill

Andere engagieren sich im Ruhestand im Sport- oder Geselligkeitsverein. Wolfgang Sill hat sich ein schwierigeres Ehrenamt gesucht: Er ist neuer unabhängiger Ansprechpartner für Opfer von sexuellem Missbrauch, sexuellen Übergriffen und sexualbezogenen Grenzverletzungen im Bistum Regensburg. Der 71-Jährige leitete 37 Jahre die Erziehungsberatungsstelle in Tirschenreuth. 2015 ging er dort in den Ruhestand. Nun folgt er Dr. Martin Linder, der das Amt beim Bistum seit 2013 inne hatte. Wolfgang Sill ist zu erreichen unter Telefon: 09633-9180759; E-Mail: wolfgang.sill[at]gmx[dot]de

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