01.04.2020 - 15:53 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Landkreis Tirschenreuth: So schützen sich Altenheime vor Corona

Ausnahmezustand in den Altenheimen: Um die Bewohner vor dem Coronavirus zu schützen, sind einschneidende Maßnahmen nötig. Die Pflegeteams leisten fast Übermenschliches, um Ansteckungen von den Häusern fern zu halten.

Still ist es rund ums Seniorenheim "Haus Mühlbühl" in Tirschenreuth. Die Pflegeeinrichtungen sind komplett abgeschottet von der Außenwelt, die Senioren werden extrem geschützt.
von Ulla Britta BaumerProfil

Nahezu überall gibt es Ausfälle wegen kranker Mitarbeiter. Viele Altenpflegerinnen und -pfleger befinden sich in Quarantäne. Erschwerend kommt hinzu, dass in den Seniorenheimen im Landkreis nur noch das Personal zu den Bewohnern darf. Das macht eine physische Versorgung sowie psychische Betreuung der Senioren nicht einfach. Was das Heimpersonal leistet, schildern Verantwortliche auf NT-Nachfrage. Persönlicher Außenkontakt ist aufs Minimum beschränkt. Es herrscht höchste Wachsamkeit in den Altenheimen.

Große Herausforderung

Für die BRK-Seniorenresidenzen "Haus Ziegelanger", "Haus Mühlbühl", "Haus Frohnwiesen" und "Haus Falkenstein" berichtet der stellvertretende BRK-Geschäftsführer, Sven Lehner, von sehr vielen Krankmeldungen aus dem Personalstab. Das Besuchsverbot zum Schutz der Bewohner vor Ansteckung von außen sei eine große Herausforderung. In den BRK-Heimen sind die Gruppenräume geschlossen, es findet kein sozialer Kontakt auch intern mehr statt. Die Bewohner seien angehalten, in ihren Zimmern zu bleiben.

Das sei notwendig, wenn auch schmerzlich. "Unsere Senioren verstehen das. Viele sagen, sie haben schon Schlimmeres mitgemacht und sind geduldig", berichtet Lehner. Die Heimbewohner könnten vermehrt übers Tablet, Telefon oder Handy mit ihren Angehörigen daheim in Kontakt treten. "Per Skype oder Videoanruf können sie ihre Kinder und Enkel sehen." Bei schönem Wetter könnten die Senioren raus auf die Terrasse, aber nicht in Gruppen.

Das allergrößte Problem sei die Aufrechterhaltung der Dienstpläne. Bei der kleinsten Erkältung müssten sich die Mitarbeiter sofort krankschreiben lassen, was zu enormen Engpässen führe. Es hätten sich zur Unterstützung auch ehemalige Pflegekräfte und Privatleute gemeldet, nur fehle weiterhin Fachpersonal. "Wichtig wären vor allen Dingen Fachkräfte. Wenn sich da jemand melden möchte, sind wir sehr dankbar", so Lehner. In den BRK-Heimen befinden sich aktuell insgesamt etwa 250 Bewohner.

"Wir haben unseren Senioren vorgeschlagen, auch Briefe nach Hause zu schreiben", berichtet Andreas Neugirg über eine Beschäftigungstherapie in den Sozialteam-Heimen. Der Leiter Fachbereich Senioren und Pflege im Sozialteam, das in Fuchsmühl, Waldershof und Neusorg Seniorenheime betreibt, spricht von 180 Senioren, die nun besonderen Schutz brauchen, was über Einzelbetreuung stattfinde. Die vorgeschlagenen Maßnahmen der Staatsregierung für Heimbetriebe habe man sofort umgesetzt. "Wir haben komplett dicht gemacht", sagt Neugirg.

Ausnahme bei Sterbenden

Auch in allen Sozialteam-Häusern sind die Gruppenräume geschlossen, sämtliche hausinterne Veranstaltungen abgesagt. Das Verständnis unter den Bewohnern sei sehr groß. "Viele bleiben von selbst in ihren Zimmern und gehen gar nicht mehr raus, wenn es nicht sein muss." Natürlich dürften sich die Verwandten gebührend verabschieden, sollte einer der Heimbewohner im Sterben liegen. "Wir holen die Familie dann an der Haustür ab, erklären die Hygienebestimmungen und begleiten die Besucher in das Zimmer."

Wie Lehner sorgt sich auch Neugirg ums Personal, wo viele Ausfälle wegen Krankheiten an der Tagesordnung seien. "Wir versuchen zumindest, den Alltagsbetrieb weitgehend aufrecht zu erhalten", sagt er. Doch es sei eben nichts wie vorher.

Aus dem Seniorenheim „Phönix“ in Mitterteich gibt es keine persönliche Auskunft. In einer Pressemitteilung der Korian-Gruppe wird das Personal ausdrücklich gelobt. Man sei sehr stolz auf die Mitarbeiter, das Reinigungspersonal und die Verwaltung, die sich liebevoll um die Heimbewohner kümmerten. Bis auf wohnbereichsüberschreitende Veranstaltungen finde für die Bewohner das übliche Beschäftigungsprogramm wie Spazierengehen, Gedächtnistraining, Kartenspielen und Gymnastik weiterhin statt. „Trotz der Umstände wollen wir unseren Bewohnern einen weitgehend normalen Alltag gewährleisten“, steht in der Mitteilung. So sei das Haus auch bereits österlich dekoriert worden.

Täglich zweimal Fieber messen

Die Bewohner könnten mit ihren Verwandten skypen. Dafür habe man alle Pflegeheime mit einem Tablet ausgestattet. Einzige Ausnahme eines Besuchsverbots sei die Palliativbegleitung. Dafür müssten die Besucher eine Temperaturmessung über sich ergehen lassen. Der Gesundheitszustand der Bewohner werde mit einer zweimaligen Temperaturmessung täglich kontrolliert. Die Bewohner seien angehalten, in ihren Zimmern zu bleiben. Anfänglich hätten die Verwandten die Maßnahmen als drastisch empfunden. "Jetzt haben alle großes Verständnis."

Windischeschenbach
Die Mitarbeiter im Seniorenheim des Sozialteams in Fuchsmühl sind außer mit viel Lob auch mit Süßigkeiten von ihrer Geschäftsleitung versorgt worden, als kleines Dankeschön für ihre Arbeit. Sie freuen sich darüber.
Ein Bild aus vergangenen Tagen im Seniorenheim "Haus Ziegelanger" in Tirschenreuth: Das Personal bastelte im verganenen Jahr im Rahmen von Aktionswochen zum Thema "Demenz" kleine Hilfsmittel gegen Gedächtnisschwäche. Dafür ist in diesen Tagen keine Zeit mehr leider. Die Altenpflegerinnen haben kaum Zeit zum Verschnaufen, weil sie den gesamten Betrieb inklusive der seelischen Betreuung der Heimbewohner stemmen müssen - und das auch noch bei extrem hohen Personalausfällen wegen Krankheit.

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