25.06.2019 - 16:55 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Die "Könige des Weges" entdecken

Eine euphorische Renaissance erfahren Wildkräuter. Jeder möchte sie auf seinem Teller haben. Aber wo findet man Spitzwegerich, Labkraut und Vogelmiere? Die Kräuterführerin Johanna Zettl weiß es.

Zum Giersch hat Johanna Zettl eine gelassene Beziehung. Sie lässt ihn in ihrem Garten einfach wachsen und kocht regelmäßig damit.
von Ulla Britta BaumerProfil

"Stellen Sie den Giersch in einer Vase auf den Tisch." Dieser Vorschlag von Wildkräuterführerin Johanna Zettl mag bei manchen Hobbygärtner die Stirn zum Runzeln bringen, denn die wuchernde Gartenpflanze kann ganz schön lästig werden. Spätestens jetzt rät Zettl als zweite Idee, ihn einfach aufzuessen.

Längst hat der Giersch - wie viele andere einstige Unkräuter - als "Wildkraut" eine geradezu euphorische Renaissance erfahren. Junge Frauen, ganze Familien, ältere Damen, sogar Männer wandern durch die Fluren und suchen nach dem individuellen Wildkraut. Brennnessel, Löwenzahn und das Gänseblümchen sind weitgehend bekannt. Was aber ist ein Gundermann oder Labkraut? Und wo wächst das Zeug?

Bei ins Fachdetail gehenden Fragen gestaltet sich die Suche nach dem Kraut für Körper, Geist und Seele für einen Laien schwierig. Kluge Interessierte suchen spätestens jetzt eine Kräuterführerin auf. Eine wie Johanna Zettl. Die 60-jährige Hausfrau aus Tirschenreuth hat ihre Ausbildung zur Kräuterführerin im Jahr 2014 in der Kultur- und Begegnungsstätte Waldsassen gemacht. Für die OWZ gibt Johanna Zettl Tipps, welche Wildkräuter jetzt wachsen und wo.

Im Juni, sagt sie, sei alles sonnendurchflutet. Das wirke sich auf die Intensität der Wildkräuter aus. Sie nennt Johanniskraut, Johannisbeere und die Lindenblüten. "Lindenbäume gibt es überall, auch in der Stadt", sagt Johanna Zettl. Sie hat sich mit der Mystik der Linde beschäftigt, die im Mittelalter als Ort der Gerichtsbarkeit einen hohen Stellenwert hatte. "Oftmals wurde der Tanzboden um den Baum gebaut", hat Zettl in Fachliteratur gelesen.

Zurück zum Giersch, des Gärtners "Freud' und Leid". "Wenn Sie ihn ausreißen, wächst er mehr", appelliert die Wildkräuterführerin an alle, die ihn nicht mögen, ihn einfach aufzuessen. Im Juni sei dieses Wildgemüse hochgewachsen, blühe und finde von "Kopf bis Fuß" in der Küche Verwendung: im Salat, als Spinat und zur Deko als besagtes, romantisches Blumengebinde. Der Giersch wachse am Wegrand, in den Fluren, in Wiesen, im Garten und im Wald. Einfach überall. Aufgrund seines Aussehens heißt er auch "Geißfuß".

Ebenfalls ein Wildgemüse ist das Labkraut, heilsam für die Verdauung, entgiftend, stärkend. Es enthalte Kieselsäure, sagt Zettl und es komme in der Käserei wegen der Labenzyme zum Einsatz. Eine Variante sei das Klettenlabkraut, sagt die Fachfrau. Sie findet das Labkraut in der Wiese, im Garten und im Wald. Weiter geht es über besagte Wiese, wo der Rote Wiesenklee wirklich nicht zu übersehen ist. Eindeutig eine Pflanze für Frauen, denn der Wiesenklee enthalte Isoflavone. Seine Inhaltsstoffe, ähnlich den Östrogenen, versprechen schöne Haut, Hilfe bei Trockenheit, bei Osteoporose und Wechseljahresbeschwerden. Das gesamte Frauenpaket", so Zettl.

Wo der Klee wächst, ist der "König des Weges", der Spitzwegerich, nicht weit. Bei Insektenstichen könne das Blatt direkt aufgelegt werden, rät Zettl. Seine heilsame Wirkung bei Erkältungskrankheiten ist weitgehend bekannt. Wer seine Blüte essen möchte, darf sich nicht wundern. "Sie schmeckt nach Champignons", weiß Zettl. Unscheinbar im Äußeren, aber wertvoll im Inneren ist die Vogelmiere. Um sie zu pflücken, muss man nur rausgehen zu kargen Böden, an Hauswände, unter Gartenzäune. Zettl schwärmt davon. Die Vogelmiere habe die vierfache Menge an Vitamin A, B und C einer Zitrone, aber auch Calcium, Kalium sowie Magnesium, das gesamte Paket. "Die Vogelmiere hat sekundäre und primäre Inhaltsstoffe", erklärt die fachkundige Kräuterführerin. Während die Vogelmiere im Volksmund eher abwertend als "Hühnerscherbe" bezeichnet werde, sei ihr botanischer Name "Stellaria media" (Gruß von den Sternen) weit schöner. Auf der Suche nach Wildkräuter treffen wir wenig später auch auf Gundermann ("Eine Geschmacksexplosion mit Schokolade überzogen") und Gänseblümchen, zwei überaus attraktive wie heilsame Pflänzchen. Was ganz Zähes sei das Gänseblümchen, sagt Zettl lachend. Selbst bei häufiger Mahd wachse das "Jod der Wiese" immer wieder neu. Als Heliotrop wandere sein Köpfchen mit der Sonne. Abgesehen davon hat das Gänseblümchen (Grundschul-Wissen: ein Korbblütler) bekanntlich die wunderbare Eigenschaft, Liebesschmerz zu lindern. Vorausgesetzt, die Anzahl an Blütenblättchen geht richtig aus (was natürlich immer der Fall ist): "Er liebt mich, er liebt mich nicht. Er liebt mich, er liebt mich nicht. Er liebt mich ... Na also. Geht doch!"

Der Weg durch die spannende wie mystische Welt der Wildkräuter endet für heute beim Apfelbaum. Aber was hat der Apfelbaum mit Wildkräuter zu tun? Auch hierfür hat Johanna Zettl fundiertes Wissen. Sie erklärt, dass der Apfelbaum zu den Rosengewächsen gehöre. Äpfel seien ungemein gesund und der Apfelbaum sei der heimische Baum schlechthin. Johanna Zettl bringt als Beispiel für den Apfelbaum als typischen Heimatbaum die vier Jahreszeiten ins Spiel, die im viermal wechselnden Erscheinungsbild des Apfelbaums geradezu prägnant erlebbar seien.

Und wie war das mit Frau Holle? Das Märchen steht für Zettl als Symbol einer tiefen Achtung des Menschen der Natur und seiner Schätzen gegenüber - wie den Wildkräutern.

Gundermann, überzogen mit Schokolade, in Obstsalat: eine Geschmacksexplosion.
Johanna Zettl ist leidenschaftlich gern Kräuterführerin und hat sich ein umfangreiches Fachwissen über die Pflanzen angeeignet.
Das markante Merkmal am Giersch sind die Blätter, weswegen er auch Geißfuß genannt wird.
Unter der Linde saßen auch schon im Mittelalter die Richter, um milde Urteile zu fällen. Dem Lindenbaum sagt man mystische Kräfte nach. Seine Blüten wirken als Tee beruhigend.
Johanna Zettl liebt die Vogelmiere, so unscheinbar und inhaltlich ungemein kraftvoll.
Die Blüte des Spitzwegerichs schmeckt nach Champignons.
Der Rote Wiesenklee ist aufgrund seiner Inhaltsstoffe eine Frauenpflanze.
Das Labkraut ist weniger bekannt, aber deshalb nicht wengier heilsam.
Unter der Lupe ist sichtbar, dass der Giersch eine Dolde hat.
Das Blatt des Lindenbaums ist herzförmig, was den herzlichen Charakter des Baumes unterstreicht.
Das Gänseblümchen ist ein zähes Kerlchen, das sich von keinem Rasenmäher unterkriegen lässt.

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